Verbotene Früchte

Blumfeld


Kleiner Falter, flieg!

Die Hamburger Popgruppe Blumfeld geht mit ihrem neuen Album "Verbotene Früchte" hinaus in die Natur, tanzt mit Delfinen und fliegt mit Raben. Ihr Kopf Jochen Distelmeyer macht aber auch als Apfelmann gute Figur.

"Und doch könnten sie durch die Erfahrung genügend darüber belehrt sein, dass Blumfeld grundsätzlich niemals schlägt. Aber sie sind überängstlich und suchen immer und ohne jedes Zartgefühl ihre wirklichen oder scheinbaren Rechte zu wahren."

(Franz Kafka: "Blumfeld, ein älterer Junggeselle", 1915)

Nach der Blumfeld-Platte ist vor der Blumfeld-Platte, und vor der Blumfeld-Platte beginnt das aufgeregte Spiel von Feuilleton und Fans stets von neuem. So wird "Verbotene Früchte", das sechste Album des Hamburger Quartetts um den charismatischen Sänger, Songwriter und Gitarristen Jochen Distelmeyer, schon seit Wochen heftig debattiert, obwohl es erst Ende April erscheint. Erstmals von der Band selbst produziert, sind die neuen Lieder so harmonisch wie noch nie, Dutzende Tiere wuseln auf der Platte herum, und intensive Naturbetrachtungen tun ein Übriges dazu, beim ersten Hören für kräftige Verwirrung zu sorgen.

Der Spiegel online vergab dennoch die Höchstwertung und hörte "das Wichtigste, das Tröstlichste und das Herrlichste, was einem in diesem Jahr passieren kann". Dieselben 13 Songs wurden im profil als "das schrecklichste Blumfeld-Album ever" bezeichnet, und damit nicht genug: "Es ist vielleicht das schrecklichste deutschsprachige Album überhaupt, das Gesamtwerk von Heintje, Modern Talking und den Wildecker Herzbuben eingeschlossen."

Diese Einschätzungen markieren die aktuellen Extrempositionen im Umgang mit den seit ihrem ersten Auftauchen 1991 polarisierenden Hamburgern. Von den einen bejubelt für ihre inhaltlich wie ästhetisch radikale und häufig hochpolitische Sprache, wurden Blumfeld von den anderen als kopflastige Wichtigtuer verachtet. Heute kommt die heftigste Kritik ironischerweise von Exfans, die Blumfeld nicht verzeihen, dass sie ihnen zur Selbstvergewisserung der eigenen Radikalität nicht mehr in der gewünschten Form dienen mögen.

"Wir stehen für diese Geschichte einer Indieband, die in dem Moment, in dem sie andere Musik gemacht hat, angefeindet wurde von Leuten, die es sich in ihrer Art von Indierock bequem eingerichtet haben", sagte Distelmeyer schon vor fünf Jahren im Falter-Gespräch zu "Testament der Angst". Diese Einschätzung gilt mehr denn je, und doch reagiert der in seiner unbedingten künstlerischen Autonomie sehr selbstsicher wirkende Kopf der Band mittlerweile locker auf all die Projektionen und Vorurteile, die Blumfeld begleiten. "Es kann schon anstrengend sein, wenn in Interviews nicht zu mir, sondern zu einer ganz anderen Person gesprochen wird", sagt der 39-Jährige. "Wenn ich höre, was wir nicht alles sind, überwiegt inzwischen aber das Schmunzeln über diese Wahrnehmungen."

Distelmeyer wirkt freundlich und entspannt, lediglich sein flackernder Blick erinnert noch an die getriebene Rastlosigkeit, mit der er einst das Blumfeld-Debüt "Ich-Maschine" ausspuckte. Würde er diesen zornigen jungen Mann heute treffen, hätten die beiden überhaupt Anknüpfungspunkte? "Letztlich liegen diese Sachen für mich gar nicht so weit auseinander. Für mich fühlt es sich sogar so an, als sei das alles ein fließender Prozess gewesen. Einschneidende Erlebnisse oder Umentscheidungen hat es nie gegeben."

Blumfeld machen keine Platte zweimal, weder inhaltlich noch vom Sound her; das unterscheidet sie vom Gros ihrer Kollegen. Weit stärker als jede andere Band ihrer Generation haben sie so ein komplexes Gesamtwerk geschaffen. Entgegen anders lautenden Gerüchten war die Lesebrille aber noch nie Voraussetzung dafür, einen Zugang zu diesem Werk zu finden. Nicht, dass der "Diskurs" im "Diskurspop" rückblickend zum Irrweg erklärt werden soll, man darf nur eines nicht übersehen: Hätten Blumfeld nicht immer auch auf unmittelbar emotionale Weise zum Hörer gesprochen, könnte auch der intensivste Diskurs nichts ausrichten.

Mit "Verbotene Früchte" ist das nicht anders. Musikalisch wird die Naturlyrik durch eine eingängige Form folkloristisch geerdeter Popmusik mit gelegentlichen Rockanwandlungen umgesetzt; die Herausforderung für den Hörer liegt vor allem in der Harmonie der Musik, der Schlichtheit der Texte. "Sind zwei zu viel, um frei zu sein, oder brauch ich die, um ich zu sein", fragte Distelmeyer einst; auf dem letzten Album "Jenseits von jedem" hieß es vor drei Jahren bereits: "Ich liebe dich. Die Welt ist schön, ich lebe gern." Wer darin keinen unüberwindbaren Widerspruch sieht, sollte sich letztlich auch von den Glücksgefühlen anstecken lassen, die "Verbotene Früchte" auszulösen vermag.

"Ich singe, was ich seh", heißt es in der wunderschönen Eröffnungsballade "Schnee". Beinahe so simpel ist das - und auch nicht. "Ich singe auch Dinge, die ich sehe, obwohl sie gar nicht da sind", sagt Distelmeyer. Die inhaltlichen Überlegungen zur Platte beschreibt er als Analyseversuch, "wie die Grenzen zwischen dem sogenannten Natürlichen und dem sogenannten Kultürlichen fließend sind"; dem romantisch oder technokratisch geprägten Blick auf die Natur und dem Verständnis des Individuums als Teil davon habe er "etwas anderes" entgegensetzen wollen.

Dass dieses "andere" zuerst einmal völlig affirmativ wirkt, ist ein typischer Blumfeld-Kunstgriff, wobei: Versteckte Naturskepsis hin oder her, ein Stück wie "Tiere um uns" ist in erster Linie einfach ein hübsches Kinderlied, selbst im Banalen wirkt es aber noch ungemein poetisch. Ähnliches gilt für die Frühlingsbetrachtung "April" oder das von einer Beatles-in-Indien-Sitar und dem ebenso irren wie irr interpretierten Refrain "Sommervogel, flieg! Immer weiter, kleiner Falter, flieg!" geprägte "Schmetterlings Gang".

Andere Stücke sind ungleich gewichtiger: "Der sich dachte" etwa, ein poetischer Entwicklungsroman in Songform; die prächtige erste Single "Tics", auf der einander Gesellschaftskritik und Selbstironie die Hand reichen; oder das packend interpretierte "Strobohobo", dessen kunstvoll-unterhaltsamer Text auf der schlichten Idee basiert, den Vokal o möglichst intensiv zu verwenden: "Der Kobold hat nur Quatsch im Kopf und tanzt mit Yoko Ono Pogo/Roy Orbison macht mir den Hof, ich schmuse mit Skorpionen."

"Der Apfelmann" schließlich ist ein flott-euphorisches Folkpopstück, das nicht nur kleine Kinder umgehend auf die Tanzfläche schicken dürfte. Ganz unironisch erzählt es von einem Äpfelzüchter, der seine Waren allwöchentlich am Markt feilbietet. Wie sich Distelmeyer angesichts des bedeutungsschwangeren Obsts entscheiden würde, wenn er zwischen dem Naschen vom Baum der Erkenntnis und dem Weg zurück ins Paradies wählen könnte? "Ich fand diesen Spruch von Martin Luther immer so komisch", antwortet er nach längerem Zögern. "Der Vater des Protestantismus sagte: ,Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.' Am Apfelbaum hing diese Frucht dran, zwei haben davon gegessen, und seitdem haben wir den ganzen Schlamassel; aber Luther würde noch mal so ein Ding hinsetzen - crazy! Ja, ich würde auch ein Apfelbäumchen pflanzen." Um in der Folge wie mit den verbotenen Früchten umzugehen? "Ich würde sie wohl nicht verfaulen lassen, wobei das Verfaulen auch mit dazugehört."

Gerhard Stöger in FALTER 17/2006



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