Naked Bass

Peter Herbert


Ein Ass am Bass

Zwar hat sich der Bass schon vor geraumer Zeit aus der Rolle des bloß Harmonie-und Swingdienste versehenden Jazz-Beamten befreit, aber noch immer sind Bassisten als Bandleader relativ selten - Charles Mingus zum Trotz. Der Engländer Barry Guy ist insofern eine Ausnahmeerscheinung, als er im Jazz oder der Improvisierten Musik ebenso zu Hause ist wie zwischen Barock und Neuer Musik. Fast drei Jahrzehnte lang hat er das London Jazz Composers Orchestra (LJCO) geleitet, das 1998 vom Barry Guy New Orchestra abgelöst wurde. "Study II, Stringer" (Intakt) bringt unterschiedliche Aspekte des in 17-bzw. 18-köpfiger Besetzung antretenden LJCO zur Geltung: Während die Band auf "Study II" von 1991 aus ruhigen, übereinander geschichteten Klängen in ein heftiger werdendes kollektives Flattern aufbricht, um danach wieder in die sonore Stasis des Anfangs zurückzusinken, ist das vierteilige, über vierzigminütige "Stringer" von 1980 ein symphonisch angelegtes Stück, in dem den formidablen, sich immer neu gruppierenden Solisten Raum für individuelle Statements gegeben wird. Gemeinsam mit dem Pianisten Jacques Demierre und dem Schlagzeuger Lucas Niggli hat Guy auf "Brainforest" (Intakt) Gelegenheit, sein hochvolatiles Bassspiel zwischen schneidendem con arco, sprunghaften Registerwechseln, filigranem strumming und heftiger Gestik zu demonstrieren, wobei er es auf dem 18-minütigen "Whalebalance" nicht immer ganz leicht hat, sich neben den frenetischen Clustern des Pianos Gehör zu verschaffen. Naturgemäß kein Durchsetzungsproblem hat der Titelheld auf "Naked Bass" (Buzo Records): Nicht nur, weil der mittlerweile in Paris lebende Österreicher Peter Herbert, Hans-Koller-Preisträger von 2001, über einen wirklich großen Sound verfügt, sondern weil er hier tatsächlich "nackt", sprich: allein ist. Hochkonzentriert und nachgerade aphoristisch beweist Herbert auf den 15, zum Großteil sehr kurzen Stücken, dass man auf diesem sperrigen Instrument denken und dennoch sexy as hell sein kann. Herberts Vorliebe für die perkussive Behandlung des Resonanzkörpers kommt auch auf "Bassinstinct" (Camerata/ Extraplatte) zum Tragen, auf dem die sechs (in Zahlen: 6) Bassisten mitunter fast wie ein Schlagzeugensemble klingen, aber nie zu dick auftragen. Die stupende Präzision, mit der dieses Ensemble durchaus uneitel agiert, überzeugt sowohl in den groovigen als auch den kammermusikalischen Aspekten, die das Klassik-goes-Jazz-Klischee bis kurz vor Ende souverän vermeiden.

Klaus Nüchtern in FALTER 16/2006



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