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Ním Sofyan


Wiener Weltmusik auf CD. Vom Balkan bis Brasilien und retour

Der aktuelle österreichische Weltmusikpreisträger aus Bulgarien, der auf Roma-Hochzeiten ebenso zu Hause ist wie in klassischen Konzertsälen, bewegt sich mit seinem jüngsten Bandprojekt ebenfalls eindeutig in Richtung Jazz - unterstützt unter anderem vom Bassisten Nenad VasilicŽ. Klingen die Themen noch relativ eindeutig nach Balkan, Bulgarien oder Romamusik, so sind die Improvisationen dazwischen ganz dem Jazzidiom verpflichtet und drängen die südosteuropäische Herkunft in den Hintergrund.Der Oud-Virtuose, Sänger und Komponist, der seit mehr als zwanzig Jahren in Wien lebt und längst die österreichische Staatsbürgerschaft hat, ist in der Politik und im Herzen bekennender Palästinenser geblieben. Auf "Kabila" erzählt er mit weiteren Protagonisten der Wiener Weltmusikszene wie Otto Lechner, Peter Rosmanith und Joanna Lewis wunderbar ruhig dahinfließende Geschichten aus dem Orient und Okzident.Die 1989 vom studierten Soziologen Slavko NinicŽ gegründete Tschuschenkapelle ist eine der längst gedienten Weltmusikcombos Wiens und war für viele Musiker (u.a. für Krzysztof Dobrek und Martin Lubenov) ein wichtiges Karrieresprungbrett. Die neue Best-of-Kompilation ist ein bunter Reigen an vergleichsweise "authentisch" eingespielten Traditionals aus der gesamten Balkanregion und darüber hinaus. Selbst ein Wienerlied darf nicht fehlen.Der aus Serbien gebürtige Bassist und Komponist, der an der Grazer Musikuniversität studierte, steht für eine neue Generation exjugoslawischer Musiker in Wien. Der Dreißigjährige kommt vom Jazz und kreuzt ihn gekonnt mit Einflüssen vom Balkan, ohne dass er seine Musik - auch wenn sie genau so klingt - "Balkan Jazz" genannt haben möchte. "Honey & Blood" ist VasilicŽs fünfte und beste Platte unter eigenem Namen. Abgemischt hat sie übrigens ein gewisser Jay Newland, der bei Norah Jones' Erfolgsproduktionen die Finger mit im Spiel hatte.Einer der vergleichsweise wenigen türkischen Musiker, der in Wien "Weltmusik" macht, ist der Sänger Alp Bora. Sein Quintett nennt sich "Ním Sofyan", was wiederum die anatolische Bezeichnung für den 2/4-Takt ist und auf die Wurzeln seiner Musik verweist. Im Jahr 2004 wurden die fünf Musiker aus vier Ländern für ihre groovenden Neuinterpretationen levantinischen Liedguts mit dem Österreichischen Weltmusikpreis ausgezeichnet.So viel kann man schon jetzt sagen: Das Ende Februar erschienene Album ist eines der Plattendebüts des Jahres. Die hinreißende (und mitunter etwas heisere) Sängerin Níhal Sžentürk alias Fatima Spar und ihre originell besetzten Freedom Fries reichern mehr oder weniger traditionellen Swing gekonnt mit ethnischen Versatzstücken und politischen Botschaften ("Istanbul darf nicht Wien werden") an und transferieren ihn mit einer Extraportion Verve ins 21. Jahrhundert.Der austrobrasilianischen Powerfrau ist mit ihrer dritten CD musikalisch der Knopf aufgegangen. Ganz dem Titel "Bastardista" entsprechend werden da Sambas mit allen möglichen elektronischen, jazzigen und funkigen Elementen im Stile von Manu Chaos Mestizo-Pop fusioniert und überraschen mit jeder Nummer aufs Neue. Eine der wenigen Produktionen aus Wien, die es im Vorjahr in die Worldmusic Charts Europe geschafft hat.Der aus Südbrasilien stammende Gitarrist, Sänger und Perkussionist, der schon immer zwischen Musica Popular Brasileira und Jazz hin-und hergerissen war, tourte in den letzten Wochen mit Joe Zawinul. Vielleicht auch aus diesem Grund besinnt er sich auf seiner neuesten Platte seiner Wurzeln: Herrlich leichtfüßiger und groovender Samba, rein akustisch von einer aufregenden Sängerin und einem Gitarristen interpretiert, die sich ziemlich wunderbar verstehen müssen.Fünf Topstars der Wiener Weltmusikszene laden zur Begegnung von slawischen, brasilianischen, arabischen und wienerischen Musiktraditionen ein, rekombinieren die Einflüsse und kreieren eine originelle Mischung, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Dass "'s geht eh!" unter die Haut geht, ist auch darauf zurückzuführen, dass die Platte live eingespielt wurde und die fünf Musikanten echte Rampensäue sind.Das mit dem Weltmusikförderpreis 2005 ausgezeichnete Duo besteht zur einen Hälfte aus der bosnischen Sängerin NatasÇa MirkovicŽ-De Ro und zur anderen aus Mathias Loibner, einem der drei oder vier hauptberuflichen Drehleierspieler weltweit, und nennt sich eine austrobosnische Anarchie. Die musikalischen Grundzutaten von "Ajvar & Sterz" sind jedenfalls ziemlich eklektisch, doch ihre Verarbeitung ist hochoriginell. Das Ergebnis: Lieder vom Lieben und Leiden, die zu Herzen gehen.

Klaus Taschwer in FALTER 16/2006



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