Lunático

Gotan Project


Ein eleganter Bastard

Das Gotan Project spürt auf seinem neuen Album "Lunático" den Wurzeln des Tango nach.

Dank des Pariser Gotan Projects hat der Tango in den letzten Jahren eine Wiederbelebung erfahren. Das Album "La Revancha del Tango", auf dem das französisch-argentinisch-schweizerische Trio 2001 klassische Tangoklänge mit elektronischen Grooves verknüpfte, hat sich weltweit über eine Million Mal verkauft. Sogar in Buenos Aires wurden wegen dieser Platte neue Formationen gegründet.

Mit dem nun veröffentlichten zweiten Album "Lunático" wollen Philippe Cohen Solal, Eduardo Makaroff und Christoph H. Müller beweisen, dass sie keine Eintagsfliegen waren. "Es gibt natürlich Leute, die noch einmal dasselbe hören wollen", meint der Rhythmus-Beauftragte Müller, "aber das wäre langweilig." Gotan Project wärmen deshalb nicht einfach das Erfolgsrezept auf, sondern entwickeln ihre moderne Tangoversion im Blick zurück weiter. Handelte "La Revancha ..." vom Tango als Tanz, so führt ihn "Lunático" nun als vielschichtiges musikalisches Genre vor. "Wir hatten das Gefühl, dass wir bislang höchstens die Spitze des Eisbergs entdeckt hatten", erklärt Müller. "Diesmal wollten wir noch tiefer in dieses immer noch wenig bekannte Kapitel Musikgeschichte vordringen."

Die Tangogeschichte wurde von den Siegern geschrieben. Gotan Project treten der in Argentinien vorherrschenden Ansicht, es handle sich um eine reinrassige Musikform, jedoch entschieden entgegen. Gitarrist und Texter Eduardo Makaroff stellt klar: "Der Tango war immer schon genauso ein Bastard wie Rock, eine Immigrantenmusik mit vielen verschiedenen Müttern und Vätern. Seine afrikanischen Wurzeln aber werden in Argentinien bis heute verleugnet."

Musikalisch spielt in den zwölf neuen Stücken, darunter eine Coverversion von Ry Cooders "Paris,Texas", die Elektronik eine geringere Rolle als zuvor. Dafür ist das Songformat wichtiger, ebenso wie die organischen, zeitlosen Arrangements, die wie beim Vorgänger von Sessions mit befreundeten argentinischen Musikern ihren Ausgang nahmen. Aber auch tangofremde Gäste wie die Wüsten-Country-Formation Calexico spielen auf "Lunático" mit. "Von denen sind wir selber Fans", gesteht Philippe Cohen Solal, der Dritte im Bunde. "Tango wird immer die Basis des Gotan Project bleiben, aber wir sind auch von Alternative Country, Jazz und Filmmusik beeinflusst" - und mit "Tango Canzión" hat sich sogar ein Stück im Dreivierteltakt auf das Album verirrt.

"Lunático" dürfte mangels Überraschungseffekt nicht ganz so erfolgreich werden wie sein Vorgänger, ist diesem in puncto musikalischer Substanz und Eleganz aber dennoch überlegen. Anzunehmen, dass davon auch die Soundtapete in den Kaffee-Bars der globalisierten Welt in den nächsten Monaten profitiert. "Keine Ahnung", schmunzelt Solal, "wir gehen nicht in Kaffee-Bars."

Sebastian Fasthuber in FALTER 15/2006



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