Ringleader of the Tormentors

Morrissey


Mozza macht ein Fass auf

Das Popereignis des Frühlings: Morrissey entdeckt seinen Penis. Der Qualität seiner neuen Platte schadet das späte Glück kein bisschen.

Bereits die ersten Zeilen von Morrisseys achtem Soloalbum "Ringleader of the Tormentors" (zu Deutsch etwa, man muss sich den Humor auf der Zunge zergehen lassen: "Rädelsführer der Peiniger") legen nahe, dass hier etwas im Busch ist. "Nobody knows what human life is, why we come why we go so why then do I know: I will see you in far off places", singt der einstige Sänger und Kopf der Smiths aus Manchester, der bedeutendsten britischen Popband seit den Beatles.

"Dear God, Please Help Me", eine von Ennio Morricone arrangierte sechsminütige Ballade voll geschickt dosierter Dramatik, lässt die Bombe anschließend tatsächlich platzen. Der Säulenheilige aller schwelgerisch-trübsinnigen Teenager der mittleren Achtzigerjahre, offensichtlich frisch verliebt, spaziert durch seine neue Wahlheimat Rom und hält Rücksprache mit Gott. Er trage "explosive Fässchen" zwischen seinen Beinen, gesteht der 46-Jährige, und bittet um Hilfe. "Then he motions to me with his hand on my knee", setzt er die herzzerreißende Beichte fort, gefolgt von der bangen Frage: "Dear god, did this kind of thing happen to you?" Aber Moral und Selbstgeißelung sind erstmals schwächer als Leidenschaft und Lust: "Now I'm spreading your legs with mine inbetween, dear god, if I could, I would help you."

Was daran so sensationell sein soll, wenn ein erwachsener Mann Sex hat und womöglich gar, wie im Verlauf der Platte mehr als nur angedeutet wird, in einer Beziehung lebt? Nichts natürlich - nur dass es sich eben um Stephen Patrick Morrissey handelt, einen Typen, der beträchtliche Teile seiner Karriere auf der poetischen Vertonung des eigenen Unglücks errichtete und für den gerade die gute alte Zweierbeziehung jahrzehntelang praktisch nur als romantisch verklärtes Wunschdenken existierte. "Life is very long when you're lonely", sang er vor genau zwanzig Jahren im Titelstück des Smiths-Meisterwerks "The Queen Is Dead", und Variationen davon prägen sein gesamtes Werk. Selbst auf "You Are the Quarry", seiner famosen Comebackplatte nach siebenjährigem künstlerischem Schweigen, hat "Mozza" 2004 noch Jesus vergeben, dass er ihm ein Übermaß an Liebe, nicht aber den passenden Partner mit auf den Weg gegeben hatte.

Heute bezeichnet sich die ungemein stilbewusste und mit fortschreitendem Alter auch zusehends selbstironiefähige Dramaqueen im britischen Musikmagazin Mojo als "lebenden Beweis dafür, dass sich die Dinge zum Besseren verändern können". Wer unter diesen neuartigen Bedingungen den kreativen Niedergang einer der letzten großen Popikonen unserer Zeit befürchtet, darf nach mehrmaligem Hören seines unter der Regie des Produzentenaltspatzen Tony Visconti im Forum Music Village in Rom aufgenommenen neuen Albums erleichtert aufatmen.

Stilistisch variationsreicher und gleichzeitig auch noch stimmiger als zuletzt bietet "Ringleader of the Tormentors" erneut ganz, ganz großes Erwachsenenrocktheater - von der eingängigen ersten Single "You Have Killed Me" über den fantastischen Rocksong "The Youngest Was the Most Loved" (in dem ein Kinderchor die schöne Zeile: "There is no such thing in life as normal" singen darf) über das forsche, von fordernden Bläsern getriebene "I Just Want To See the Boy Happy" bis zum Rührstück "At Last I Am Born", in dem Morrissey abermals davon berichtet, endlich vom Leben gekostet zu haben: "I once thought that I had numerous reasons to cry and I did but I don't anymore because I am born."

Ehrensache, dass dieses Leben trotz des neugefundenen Glücks auch einmal als "Schweinestall" beschrieben wird ("Life Is a Pigsty"). So viele Fässchen können in seiner Hose nämlich gar nicht explodieren, dass Morrissey nicht doch Morrissey bliebe.

Gerhard Stöger in FALTER 14/2006



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