Vessel States

Wilderness


Mit Hirn gerockt

Vor einigen Jahren galten Mogwai noch als eine Postrockband unter vielen. Inzwischen nimmt das sonderbare P-Wort kaum jemand mehr in den Mund, während das schottische Quintett zum Serientitelanwärter in der Liga instrumentaler Rockmusik wurde. Dass Mogwais stets sehr klar strukturierte Stücke dabei gar nicht mehr zwingend instrumental und ebenso wenig ausschließlich dem Rockidiom verpflichtet sein müssen, ist nicht unbedingt als Widerspruch zu verstehen. Ihr erneut überzeugendes aktuelles Albumangebot heißt "Mr. Beast" (PIAS/Edel), kombiniert sanfte Pianoklänge mit massiven Gitarrenwänden und elektronisches Innehalten mit heftigem Losmarschieren und schafft es geschickt, trotz eines emotionalen Wechselbads letztlich einen sehr stimmigen Gesamteindruck zu hinterlassen. Einen Blick zurück in die ausgehenden Siebziger riskieren Wilderness, wobei der Postpunk für das Quartett aus dem amerikanischen Baltimore auf "Vessel States" (Jagjaguwar/Import) erst dort interessant zu werden beginnt, wo er all den zackigen Retro-New-Wave-Bands der Gegenwart schon wieder Angst einjagt. Die Einflüsse reichen von Joy Divisions Düsterwelt über die schroff-klaustrophobe Gift-und-Galle-Spuckerei von John Lydons Public Image Ltd. zu Zeiten ihres Schlüsselwerks "Metal Box" bis hin zur verqueren Rhythmik von Pere Ubus Artrock. Die Gitarre scheint bei Wilderness in erster Linie zu weinen, und auch der Mann am Mikrofon singt weniger, als er vielmehr gequält wehklagt; die Rhythmusarbeit ist unkonventionell - und das Ergebnis über die ganze Distanz schlichtweg großartig. Noch weiter zurück bis in die frühen Siebziger begibt sich die nicht minder ansprechende amerikanische Alternative-Rock-Supergroup Loose Fur auf ihrem zweiten Album "Born Again in the USA" (Drag City/Trost). Jim O'Rourke, bekannt als Produzententausendsassa und Allroundmusiker zwischen harschem Rock, klugem Pop, experimenteller Elektronik und Avantgardeausflügen unterschiedlicher Art, trifft hier auf Jeff Tweedy, den kreativen Kopf der Gruppe Wilco und deren Schlagzeuger Glenn Kotche. Mal spielen die völlig unkonstruiert und ungemein selbstsicher klingenden Loose Fur breitbeinigen Rock, der aber weniger Deep Purple als vielmehr die Beach Boys im Hinterkopf hat, dann lassen sie es unter flockig-entspannten Vorzeichen akustisch angehen, um gleich im nächsten Song opulent ausgestalteten Softpop zu kredenzen.

Gerhard Stöger in FALTER 13/2006



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