Garden Ruin

Calexico


Bush und die Demut

Anlässlich des neuen Calexico-Albums "Garden Ruin" sprach Schlagzeuger John Convertino mit dem "Falter" über seine Beziehung zu Wien, den Reiz der Veränderung und den Einfluss der US-Politik auf seine Band.

John Convertino ist einer jener Menschen, bei denen nicht der leiseste Zweifel besteht, dass ihre Freundlichkeit echt ist. Dieser schlampig rasierte Typ mit dem unauffälligen Hemd und der alles andere als schicken Baseballmütze spricht zwei, drei Sätze, und schon ist klar: Man hat es hier nicht mit den Floskeln eines abgefeimten Profis zu tun, sondern mit den Worten eines ebenso umgänglichen wie unkomplizierten Typen, der als Mensch und Musiker kaum weiter entfernt sein könnte vom klischeehaften Auftreten eines Popstars. In genau diese Liga aber ist Convertino in den letzten Jahren aufgestiegen: als Schlagzeuger und Kreativhälfte der gemeinsam mit dem Sänger, Songwriter und Multiinstrumentalisten Joey Burns betriebenen Band Calexico aus Tucson, Arizona.

Begonnen hatten die beiden 1996 mit ihrem Calexico-Debüt "Spoke" als lediglich von Insidern wahrgenommenes Projekt aus dem Umfeld von Howe Gelbs Rockband Giant Sand, der sie damals angehörten. Heute landen die Platten von Burns und Convertino in den Top 20 der Verkaufscharts, die Konzerthallen werden von Tour zu Tour größer. Wie Convertino auf die letzten zehn Jahre zurückblickt? "Ich sehe unglaublich viele Dinge, in erster Linie hatten Joey und ich aber immer Spaß", sagt er, und genau dieser mit großer musikalischer Leidenschaft und stilistisch vielschichtiger Kreativität einhergehende Spaß ist auch der Schlüssel zu Calexicos außergewöhnlichen Qualitäten. Calexico war als sanftmütiger Gegenentwurf zu Giant Sand entstanden: "Damals schien es, als könnten Giant Sand nicht laut genug sein. Das Schlagzeug ist aber in erster Linie ein akustisches Instrument, also gingen Joey und ich in die entgegengesetzte Richtung und wurden supersoft."

Zu Wien hatte man von Beginn an eine spezielle Beziehung. Convertino schwärmt von den ersten Konzerten mit Giant Sand: "Wir hingen im U4 und im Fürstenhof rum und hatten immer eine extrem gute Zeit." Gleichzeitig begeistert er sich für die "überwältigende und ungemein schwergewichtige" Geschichte klassischer Musik in Wien: "Mein verstorbener Vater war Pianist, er hatte all diese Musik zu Hause, und ich bin auch damit aufgewachsen. In Wien muss ich immer ganz besonders an ihn denken - ich glaube, er wäre sehr stolz darauf, dass ich ausgerechnet in dieser Stadt spiele."

Calexicos neues, fünftes Album "Garden Ruin" setzt den Grundsatz konsequent fort, keine Platte zweimal zu machen. Frei von Instrumentalstücken und sonstigen Spielereien zeigt sich Joey Burns Songwriting diesmal so selbstsicher wie nie zuvor; erarbeitet wurden die elf Stücke von der seit Jahren in dieser Form aktiven sechsköpfigen Tourbesetzung und nicht mehr vom Kernduo alleine. Auch die Hilfe durch einen professionellen Produzenten stellt ein Novum dar.

Stärker als je zuvor strahlt diesmal jedes Lied für sich: Im eingängigen Eröffnungsstück "Cruel" mischt sich Harmonie etwa mit einem konsequenten Vorwärtsdrang; das akustische "Bisbee Blue" ist ein prachtvoller Popsong und "Letter To Bowie Knife" wütender Rock; "Roka (Danza De La Muerte)", mit tollen Bläsern und der aus dem Manu-Chao-Umfeld kommenden spanischen Gastsängerin Amparo Sanchez ausgestattet, kombiniert Schwermut und Aufbegehren; "Nom De Plume" ist voll hintergründiger Schönheit; und im sechsminütigen Schlussstück "All Systems Red" stürzen sich Calexico furios in die Katharsis eines zornig anschwellenden Finales.

Die einst charakteristischen Mariachiklänge fehlen dagegen gänzlich. "Wenn du jeden Tag Chili isst, wird es irgendwann seine Schärfe verlieren", sagt Convertino. "Die Suche nach Veränderung erfolgt bei uns sehr bewusst, denn wir wollen den Spaß an der Musik nicht verlieren, und dieser Spaß ist nur gewährleistet, wenn wir uns selbst stets aufs Neue herausfordern."

Inhaltlich ist "Garden Ruin" von der Frustration über das Amerika des George W. Bush geprägt: "Viele Leute haben das Gefühl, ihre Stimme verloren zu haben - und zwar auch im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man sich die beiden Wahlen und all die damit verbundenen Unstimmigkeiten ansieht." Calexico seien Musiker und keine Politiker, unterstreicht Convertino - Musiker allerdings, die mit der Unschuld des Nicht-genau-Bescheid-Wissens auszudrücken versuchen, wie sie das aktuelle Geschehen empfinden. "Ich weiß instinktiv, dass in dieser Regierung vieles falsch läuft. Über all das kann ich nicht schweigen, und das hat unsere Musik ebenso beeinflusst wie unsere Texte."

Wie sich Bush gegen den demokratischen Kandidaten John Kerry durchsetzen konnte, ist dem Schlagzeuger auch eineinhalb Jahre nach der letzten Wahl rätselhaft: "Kerry war ursprünglich auch für den Irakkrieg, hat aber erkannt, dass es nicht richtig war, diesen Krieg zu beginnen - exakt wie damals in Vietnam. Ich halte das für einen sehr wichtigen Hintergrund: Demut. Dem siegreich gebliebenen Kandidaten ist dieser Wesenszug völlig fremd. Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht, dass Typen wie Bush immer den zerstörerischen Weg gegangen sind, während die großen Staatsmänner immer demütig waren - demütig im Sinne von: ,Glaubt nicht an mich, glaubt an euch selbst!'"

Gerhard Stöger in FALTER 13/2006



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