Leb los!

Matthias Kempf


Warum wieder Wienerisch?

Birgit Denk spielt mit ihrer Band lokal gefärbten Rock, Matthias Kempf macht als Solist Liedermacherpop. Beide setzen auf Wiener Dialekttexte und haben keine Angst vorm Begriff "Austropop".

Unterschiedlicher könnten sie kaum sein. Die Teetrinkerin Birgit Denk ist selbstbewusst, mit ungeschminkter Direktheit gesegnet und - ja, der Titel ihrer neuen, dritten Platte "Laut" ist kein Zufall - nicht die Leiseste, während der nachdenkliche Matthias Kempf auch im Gespräch ruhige Töne bevorzugt, introvertiert bei seinem Nachmittagsbier sitzt und seine selbstgedrehten Zigaretten nicht nur zum Rauchen benötigt, sondern auch, um sich daran festzuhalten.

Die Verwendung des lokalen Dialekts verbindet die beiden Wiener Liedermacher aber ebenso wie die gegenseitige Wertschätzung. "Wunderbar finde ich sie, und ich bin natürlich froh, nicht alleine zu sein", sagt der in den ausgehenden Siebzigern geborene Kempf über seine 34-jährige Kollegin. "Ich liebe ihn", gibt die ausgebildete Sozialpädagogin die Rosen zurück. "Seine Musik hat überhaupt nichts und gleichzeitig doch auch so viel mit meiner zu tun, das ist wirklich spannend."

Wie man rund dreißig Jahre nach der Hochblüte des Austropop auf die Idee kommt, seine Lieder im Wiener Dialekt zu verfassen? "Die Intention des Liedes kommt viel direkter rüber, wenn ich in meiner eigenen Sprache singe und keine Übersetzungsversuche ins Hochdeutsche vornehme", sagt Kempf, der Georg Danzer verehrt, seine Einflüsse aber auch aus anderen Bereichen bezieht: "In Gedichten der Wiener Gruppe, in denen der Wiener Dialekt erstmals zur Kunstsprache gemacht wurde, steckt eine gewisse Form von Sinnlichkeit und Erotik, die mich umgefetzt hat." Auch Frau Denk schätzt den Dialekt wegen der Unmittelbarkeit im Ausdruck, vor allem die Bildhaftigkeit des Wienerischen komme ihr sehr entgegen. "Dazu kommt bei mir ein gewisser Arterhaltungstrieb, auch um zu verdeutlichen, dass das Wienerische keine reine Proletensprache ist - obwohl es vorrangig mit Mundl und dem Kaisermühlenblues in Verbindung gebracht wird."

An einem späten Kapitel Austropopgeschichte hat Birgit Denk bereits in den Neunzigerjahren als Duettpartnerin von Ostbahn Kurti mitgeschrieben, ihre Wurzeln sind aber andere: Die Eltern, "typische Angehörige der 68er-Generation", spielten ständig Rolling-Stones-Platten, während bei den Großeltern Bronner und Qualtinger auf die kleine Birgit warteten; später war sie - wie übrigens auch der junge Kempf - Nirvana-Fan. Das Musikhören ging bei ihr von klein auf einher mit dem Musikmachen, als Jugendliche wurde ausgerechnet das Wienerliedoriginal Roland Neuwirth Denks Gitarrenlehrer in der Badener Sozialpädagogikschule - und ermunterte die nicht sonderlich geschickte Gitarristin, sich auf den Gesang zu konzentrieren.

Mit der Gitarre hat sich Matthias Kempf auch ohne Unterricht geschickter angestellt. "Ich habe sie ohne Lernzwang bekommen und sie ohne Anleitung zum Spielen und Abreagieren verwendet", erinnert er sich. "Ich bin letztlich auch eher übers Schreiben als über die Musik zum Musikmachen gekommen." Eigentlich wollte er Schauspieler werden, das Studium in Salzburg hat er kurz vorm Abschluss geschmissen. "Ich habe gemerkt, dass ich mit meinem eigenen Ding auf die Bühne gehen möchte und meine selbstgestellten Ansprüche an mich als Schauspieler so krankhaft hoch waren, dass ich nur scheitern konnte. Die Musik war damals ein absoluter Rettungsanker für mich."

Trotzdem sind mehrere Jahre bis zur Fertigstellung seines Debüts "Lob Los!" vergangen, das klassischen Liedermacherdialektpop mit dezenter Elektronikunterstützung kombiniert. Ob Kempf in dieser Zeit von seiner Musik leben konnte? "Nein, aber ich habe meine Standards schon vor Jahren sehr weit heruntergeschraubt und bemerkt, mit wie wenig Geld man leben kann. Es zehrt zwar sehr an den Nerven, aber ich brauche die volle Konzentration auf die Musik." Birgit Denk tat sich mit der Zweigleisigkeit stets leichter. Die letzten zehn Jahre hatte sie einen regulären Sozialarbeiterjob bei der Caritas, momentan arbeitet sie als Musikprofi, muss sich aber durch Gospelprogramme und gelegentliche Studiojobs Geld dazuverdienen, um den eigenen Dialektrockpop ihrer Band Denk zu finanzieren. "Mit Hansi Hinterseer als Backgroundsängerin auf Tour zu fahren, das wollte ich allerdings nie machen."

Der Begriff "Austropop" und dessen mangelnde Coolness bereitet Kempf kein Problem. "Ich komme da her, ich bin davon geprägt, ich geniere mich nicht dafür", sagt er. "Für meine eigene Musik ist mir kürzlich der Begriff ,Ausdruckspop' eingefallen, aber ich kann auch mit ,Austropop' absolut leben. Das hat auch damit zu tun, dass ich nie cool sein wollte." Birgit Denk zeigt sich etwas vorsichtiger: "Ich weiß, welche Bilder das bei manchen Leuten auslöst, die zu doof sind, das zu hinterfragen, daher benutze ich ,Austropop' ebenso wenig wie den Begriff ,Emanze' - obwohl ich aus einer Generation komme, die damit kein Problem hatte." Dabei wäre ein bisschen mehr offenes Emanzentum dieser Tage durchaus kein Fehler, meint sie: "Es rennt da so eine komische Gegenbewegung: ,Sex and the City' erzählt uns, dass Weiber nur auf Schuhe stehen, und wenn sie sich schön anziehen und schminken, dann dürfen sie übers Pudern reden und sonst bitte nicht."

Übers Pudern zu reden fällt der einst durch die Besetzung der Hainburger Au politisierten Sängerin ("damals habe ich mitbekommen, dass man sich auf die Füße stellen muss, wenn einem was nicht taugt") auch ohne schicke Schuhe leicht; im Stück "1-2-3" empfiehlt sie nebeneinanderher lebenden Paaren sehr direkt, doch endlich wieder zur Sache zu kommen. Empfindet Birgit Denk Sex denn als probates Mittel der Beziehungstherapie? "Nein, aber ich kenne genug Beziehungen, die daran gescheitert sind, dass das Pudern irgendwann aufgehört hat und die Leute nur mehr wie Brüderchen und Schwesterchen lebten. Ich sage nicht, dass Sex das Wichtigste ist, aber wenn das Pudern nicht mehr funktioniert, hat die Beziehung meistens ein Ablaufdatum."

Kempfs Sprache ist zwar gewählter; für den Erstkontakt mit seinem späteren Überhelden Georg Danzer war aber auch der Reiz an so expliziten Songtiteln wie "Wixerblues" und "Geh in Oasch" verantwortlich, die zum Plattenkauf führten. "Er war für mich immer eine große Inspiration, und es ist wahnsinnig faszinierend, wie dieser Mensch sein Ding durchzieht", schwärmt Kempf. Eine persönliche Begegnung mit dem Idol ließ seinen Respekt vor zehn Jahren nur noch größer werden. "Im Zuge unseres sehr intensiven Gesprächs hat er damals väterliche Gefühle gezeigt." Wie er auf die Berufswünsche des damals noch jugendlichen Kempf reagierte? "Er hat mir abgeraten - sowohl vom Theater als auch von der Musik."

Gerhard Stöger in FALTER 12/2006



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