Says Who?!

Peter Rom Trio


Es rumpelt in Coltranes Kelomat

Gemäß der Maxime, sich lieber selbst um alles zu kümmern (weil's wer anderer ja eh nicht tut), hat die Jazzwerkstatt im letzten Jahr gleich ihr eigenes Label gegründet: Jazzwerkstatt Records (JWR). Und auch hier geht es, der pragmatischen Philosophie der Jazzwerkstatt entsprechend, in erster Linie um Vernetzung und die Vereinfachung von Abläufen und nicht um eine einheitliche Ästhetik. "Die Musik soll bei den Musikern bleiben", umreißt Bassist Bernd Satzinger das Konzept. Das bedeutet nicht nur, dass die Rechte selbstverständlich bei den Musikern bleiben, sondern dass auch die Gestaltung Sache der jeweiligen Künstler ist: Die CDs sind nicht nur musikalisch sehr unterschiedlich, sie sehen auch ganz verschieden aus.

Den Beginn machte naturgemäß ein auf zwei CDs veröffentlichter Mitschnitt der "Jazzwerkstatt Wien 2005", die im Frühjahr des Vorjahres im Wuk über die Bühne ging. Die 22 Stücke, die hier versammelt sind, geben einen ersten Überblick über die unterschiedlichen Ansätze der in verschiedenen Bands und Gruppierungen auftretenden Musiker - vom Duo bis zur 15-köpfigen Bigband.

Allein, wenn man die beiden Einspielungen von Studio Dan vergleicht, wird etwas von der stilistischen Bandbreite der Jazzwerkstatt spürbar: Während "Käfig" eher in Richtung einer kühlen Fagott-meets-Laptop-Ästhetik geht, steht der verschrobene Swing des mit Powerplay-Soli aufwartenden "Im Zwergenland" durchaus in der (heimischen) Tradition einer Band wie Nouvelle Cuisine.Mixed Signals, indeed: Der "Methusalem" der Jazzwerkstatt, Gitarrist Peter Rom (Jahrgang 1972), der auch bei Fuzznoir (s.u.) die Saiten zupft und gerne zwischen Rockrhythmen und Balladeninnigkeit oszilliert, lässt es hier nur kurz und dosiert auch mal ein bisschen krachen. Ansonsten erinnert das Stück an den rockstrukturalistischen Lyrismus von King Crimson. Das Erfolgsalbum der Jazzwerkstatt schaffte es immerhin auf Platz sechs der Verkaufscharts des Emi-Ladens auf der Kärntner Straß - yeah!Sollten das schon "die wilden Jahre" gewesen sein? Wohl kaum. Die beiden schon seit Jahren aufeinander eingespielten Clemense überzeugen durch humorvolles, mitunter auch wunderbar altmodisches, stets gut durchblutetes Duospiel, wobei Wenger hier seiner Vorliebe für Stridepiano frönt, während sich der eloquente Multiinstrumentalist Salesny am Altsaxofon auch keine Zurückhaltung auferlegt. Klingt ein bisschen wie Eric Dolphy & Jaki Byard beim Heurigen.Das Quartett ist eine echte Jazzcombo - im besten Sinne, denn die Musiker ergänzen sich prächtig, und als Komponistin weiß Viola Falb die Stücke immer abwechslungs-und kontrastreich zu gestalten: Dieses hier beginnt mit einem introvertierten Pianointro, ehe es einen veritablen Energiestoß empfängt. Saxofonistin Falb verdankt Coltrane (den sie auf "Rocksolution" unpeinlich mit Led Zeppelin kombiniert!) wohl einiges, ersetzt aber Ekstatik durch schwelgerische Melodien.Der Name ist Programm: Fuzznoir evozieren in ihrer wohl vom John Zorn der Neunziger beeinflussten Musik immer wieder eine Neo-Film-Noir-Atmosphäre (wobei es auch ausgesprochen luftige Stücke gibt). Drängende Momente werden hart mit Chill-out-Passagen gegengeschnitten, und auch wenn diese Komposition auf einem viskos-fatalistischen Crescendo aufbaut, wird der Hysterie nie in ungebremster Kollektivität nachgegangen: Immer auch auf seine sieben Zwetschken schauen!Von wegen Melancholie - die wird ohnedies sofort durch ein rasendes Accelerando zerstäubt. Streng genommen keine Jazzwerkstatt-CD, weil schon vor deren Gründung eingespielt. Dennoch laufen in diesem Trio, das auf seinem Debüt Mainstreamödnis ebenso souverän vermeidet wie Free-Jazz-Klischees, pumpenden Dancefloor-Jazz mit dreistem Low-Fi-Aufnahmen verbindet und eine herrlich respektlose Highspeed-Bierzelt-Metal-Version von John Coltranes "Giant Steps" abliefert, einige der wichtigsten Fäden zusammen. Sprechender Titel: "Da rumpelt die Kartoffel".

Klaus Nüchtern in FALTER 11/2006



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