Idols of Exile

Jason Collett


Neues aus Kanada

Er zählt bislang zwar nicht zu den bekanntesten Figuren der prosperierenden kanadischen Independentszene, zumindest als Gitarrist von Broken Social Scene ist Jason Collett aber bereits ein Begriff. Zudem veranstaltet er bereits seit fünf Jahren regelmäßig Songwriternächte, die längst zu einem wichtigen Dreh-und Angelpunkt der Musikszene Torontos wurden. Entsprechend groß ist die Palette an Gästen auf seinem ausgezeichneten Soloalbum "Idols of Exile" (Arts & Crafts/City Slang/edel); Collett klingt solo freilich weniger nach kollektivem Indierockglück als vielmehr nach flauschigem, sonnendurchflutetem und ungemein entspanntem Siebzigerjahre-Songwriterpop mit wohldosiertem Folk-und Countryeinschlag. Seine Labelkollegen The Most Serene Republic sind die erste Band, die ohne personelle Überschneidung mit Broken Social Scene auf Arts & Crafts veröffentlicht; stilistisch passt das Sextett freilich bestens ins Programm. "Underwater Cinematographer" bietet einen verspielten und alles andere als unüppigen Mix aus Indierock, Popharmonie und gut gelauntem Herumprobieren; die ausgestellte Vielfalt bildet aber womöglich noch eher die künstlerische Identitätssuche ab, als dass sie bewusst erarbeitet ist. Anders verhält es sich bei der tönenden Vielfalt von Stephen McBean alias Pink Mountaintops. Er ist Teil des Kunstkollektivs Black Mountain Army und eine Schlüsselfigur der zugehörigen Band Black Mountain, mit denen sein neues Album "Axis of Evol" (Jagjaguwar/City Slang/edel) wiederum eine simple Tatsache verbindet: Jeder Song ist ein Abenteuer - und jeder Song ist gut. Egal, ob es sich dabei um die Americana-Folk-Fingerübung "Comas", den Velvet-Underground-auf-Methadon-Trip "Cold Criminals", den gequälten urbanen Blues "Slaves" oder die elektronisch scheppernde Lo-Fi-Hymne "Lord, Let Us Shine" handelt. Ganz ohne Kontakt mit den üblichen Szeneverdächtigen kommt das Duo Glissandro 70 aus. Sein in zweijähriger Arbeit entstandenes und trotzdem nur fünf Stücke enthaltendes Debüt "Glissandro 70" (Constellation/Trost) ist so etwas wie Avantgardefolk für Elektronikhörer und nicht nur in Sachen Eigenständigkeit, sondern auch qualitativ sehr weit vorne. So klingt das hypnotische "End West" am Ende der Platte etwa nach einem Remix der Idee hinter dem Talking-Heads-Meisterwerk "Remain in Light", wobei gut 13 Minuten Spielzeit hier eher noch zu wenig als zu viel sind.

Gerhard Stöger in FALTER 10/2006



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