Kleine Stücke - Bach und Schumann

Martin Stadtfeld


Ganz toll oder furchtbar?

Kein Pianist polarisiert derzeit die Klassikwelt so sehr wie Martin Stadtfeld. Kommende Woche wird der 25-jährige Deutsche erstmals live in Wien zeigen, was er wirklich kann.

Wenn ein junger Konzertpianist aus Deutschland zu einem sogenannten Promotag eigens nach Wien eingeflogen wird, um innerhalb von zehn Stunden rund einem Dutzend Journalisten Rede und Antwort zu stehen, dann geht's ganz offensichtlich um viel. Martin Stadtfeld ist an einem entscheidenden Punkt seiner Karriere angelangt: Der 25-jährige Koblenzer hat es in Deutschland innerhalb kürzester Zeit zu großer Bekanntheit weit über die Welt der Klassik hinaus gebracht - aber er polarisiert dabei Hörerschaft und Kritiker so stark wie schon lange kein Pianist mehr. Nun muss er die Skeptiker überzeugen.

Vor drei Jahren hatte sich Stadtfeld mit seinem CD-Debüt als ungestümer Jungpianist inszeniert und J.S. Bachs "Goldberg-Variationen" ordentlich gegen den Strich gebürstet: mit teils halsbrecherischen Tempi, vor allem aber mit einer unorthodoxen Stimmführung samt Oktavierungen und Verkehrungen etwa von Bass-und Sopranstimme, die für einige glockenhell klingende Überraschungen sorgten. Die Parallelen zu Glenn Gould, dem 1955 mit demselben Stück und einem ähnlich radikalen Interpretationsansatz der Durchbruch gelang, dürften kaum zufällig gewesen sein. Jedenfalls schaffte es Stadtfelds Platte gleichsam über Nacht auf Platz eins der deutschen Klassikcharts - und der adrette junge Mann nicht nur in die Feuilletons, sondern auch ins Fernsehen und in Hochglanzmagazine, die sich ansonsten eher nicht mit klassischer Musik auseinander setzen.

Der überraschende Erfolg aus dem Nichts war freilich von Anfang an von einigem Murren begleitet. Manche Musikkenner störten sich an der etwas forciert wirkenden Forschheit von Stadtfelds Bach-Interpretation, und auch das auf die Parallele zu Glenn Gould ausgerichtete Marketingkonzept der Plattenfirma wirkte in der bedächtigen Klassikwelt eher suspekt als beflügelnd. Immer mehr kritische Stimmen mischen sich derzeit unter die hymnischen Rezensionen. Je heftiger die einen jubeln, desto stärker zweifeln die anderen Stadtfelds musikalische Substanz an.

Der Auslöser dieser Debatte selbst steckt den Rummel um seine Person erstaunlich cool weg: "Die letzten zwei, drei Jahre waren wie ein Crashkurs im Umgang mit der Öffentlichkeit für mich. Mittlerweile hab ich aber die nötige Distanz dazu gewonnen und find's fast schon amüsant, wenn ein und dasselbe Konzert von der einen Zeitung gelobt und von der anderen verrissen wird. Das ist fast immer so bei mir zurzeit: ganz toll oder ganz furchtbar - dazwischen gibt's wenig. Nach dem großen Hype setzt jetzt eben die Gegenbewegung ein: Die, die immer schon geahnt haben, dass bei mir nichts dahinter ist, wittern ihre Chance. Und man kann sich journalistisch halt auch nicht mehr so gut profilieren, wenn man super findet, was ich mache. Aber wenn ich mich mit Verrissen oder sogar persönlichen Attacken nicht identifizieren kann, dann darf ich konsequenterweise auch die Jubelhymnen nicht allzu ernst nehmen. Man braucht also keine dicke Haut, sondern eine, die reflektiert."

Auch zur eigenen, für klassische Verhältnisse ungewohnt lauten Vermarktung hat Martin Stadtfeld ein professionell distanziertes Verhältnis: "Das hat man als notwendiges Mittel zum Zweck eben hinzunehmen und muss bewusst damit umgehen. Aber so schlimm ist das gar nicht, nicht einmal sehr bedeutsam. Entscheidend ist letztlich, die Vermarktung von dem zu trennen, woran man musikalisch glaubt. Dabei hilft es natürlich, wenn man auch durchschaut, wie PR-Mechanismen funktionieren. Im Endeffekt darf einen das Ganze nicht wirklich tangieren. Vielleicht geht es doch einfach um dieses abgegriffene Wort vom Authentischsein."

Kommende Woche wird Martin Stadtfeld erstmals live in Wien zeigen, wie er seine musikalische Authentizität versteht. Und das gleich in höchst prominentem Rahmen. Als Einspringer für den erkrankten Murray Perahia wird er im Großen Saal des Konzerthauses auftreten und dabei - ähnlich wie auf seiner jüngsten Platte - sternenklare Barockmusik von J.S. Bach mit nachtschwärmerischer Romantik kombinieren. Auf der CD stellte er Bachs "Toccata D-Dur" neben die "Toccata" und die "Bunten Blätter" von Robert Schumann; im Konzertsaal wird er zur Bach'schen "Toccata" (sowie den 15 "Zweistimmigen Inventionen" und dem "Italienischen Konzert") Sergej Rachmaninows 2. Klaviersonate kombinieren.

Ein harter Kontrast. - "Passt aber", sagt Stadtfeld, "eben weil der dichte Rachmaninow ein Kontrast ist zu den ganz aufs Wesentliche reduzierten Bach-Stücken ist. Und ich versuche ja auch, die Transparenz bei Rachmaninow deutlich zu machen. Dessen Musik ist viel polyphoner, als man oft denkt." Außerdem habe er nicht nur eine starke Affinität zur russischen Spätromantik, sondern auch "irrsinnigen Spaß daran, diese Musik zu spielen - weil sie auf Grundlage einer unglaublichen pianistischen Meisterschaft geschrieben ist. Und der Erste, der in dieser Tradition der komponierenden Virtuosen stand, war eben Bach. Und nach ihm gleich Mozart."

Dass er ausgerechnet Letzteren bei seinem Wien-Debüt - noch dazu im Mozartjahr - vermeidet, führt Stadtfeld auf den Rat seines Wiener Agenten zurück. Dabei hätte er wohl gerade mit Mozart viel verbindlicher als mit dem strengen Bach zeigen können, was ihn stilistisch tatsächlich auszeichnet. Auf seiner CD-Einspielung der Klavierkonzerte KV 466 und 491 jedenfalls ging Stadtfeld mit zügigen Tempi und fein differenzierter Artikulation immer noch gekonnt forsch zur Sache, spielte aber weit weniger forciert auf Effekt als bei seinem Debüt mit Bach. Sicherlich hat der 25-Jährige (noch) nicht den Witz eines Friedrich Gulda, die intellektuelle Klarheit eines Alfred Brendel oder den geheimnisvollen Zauber einer Clara Haskil. Aber die kleinen, oft lyrischen interpretatorischen Freiheiten, die sich Stadtfeld leistet, wirken - gerade bei Mozart - nicht dreist, sondern unverkrampft, spielerisch und sympathisch.

Andererseits: Ausgerechnet für seine Mozart-Interpretation musste Stadtfeld den bislang heftigsten Verriss seiner Karriere einstecken. Die Berliner Zeitung warf ihm in einer Konzertkritik unter dem Titel "Tastentiger? Bettvorleger." vor, live die gleiche Kadenz "improvisiert" zu haben wie auf CD: "Von spontaner Exzentrik kann nicht die Rede sein, nur von einer Aufmerksamkeitserregungskalkulation." Darauf angesprochen, reagiert Stadtfeld allerdings souverän wie gewohnt: "Ja, selbstverständlich habe ich die gleiche Kadenz gespielt. Ich schätze mich realistisch ein, ich hab nicht das Genie, in jeder Situation frei eine Kadenz zu improvisieren wie Mozart das konnte. Also hab ich eine geschrieben. Der Rezensent meinte eben, mich dabei ertappt zu haben. Aber Gulda hat das genauso gemacht."

Carsten Fastner in FALTER 10/2006



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