Verve Impressions: Big Bands


Jazzarchäologie

Das Universum jener musikalischen Ausdrucksformen, die mit dem Etikett Jazz eingerext werden, lässt sich auf vielerlei Art bereisen. Für die Klientel des "Lieblingsartisten" erscheinen kiloweise Ausgrabungsergebnisse aus diversen "Vaults" und anderen Jazzlagerstätten. Die führenden Disziplinen dieser Schule, die Miles-Davis-ologie und die John-Coltrane-ologie, widmen sich mit Doppel-und Dreifachalben, Out-Takes-Boxen, Legendary-Concert-Schubern und allerlei Jubiläumskisten demRuvre der großen Giganten. Eine andere Jazzforschungsmethode fokussiert weniger den einzelnen Künstler, sondern widmet sich dem Genre, dem Stil, der Epoche und kompiliert Editionen mit Material verschiedener, aber miteinander musikalisch hochgradig verwandter Aufnahmen.

Einen völlig anderen, aber gewinnenden Ansatz zum archäologischen Verständnis des Jazz wählt die Edition "Verve Impressions" der österreichischen Tochter des Musikmajors Universal, die Zugang zu den Lagerstätten des Verve-Labels hat. Grabungsleiter Christian Krug hat den Instrumenten des Jazz zwölf Doppelalben gewidmet und darauf große Namen mit weniger bekannten, aber nicht minder mitreißenden gereiht.

Der schräge Ansatz hat eine erfrischende Konsequenz. Unter dem Stratum der Big Names liegen weniger berühmte Instrumentalisten, die ungeachtet ihrer geringeren Bekanntheit nicht weniger guten Jazz erarbeitet haben. Zudem geht die Edition chronologisch vor, es lassen sich Entwicklungslinien im Umgang mit einem Instrument verfolgen, die überraschende Einblicke in die Geschichte des Jazz erlauben.

Die Edition gerät dabei nie in Gefahr, schnarchige Belehrung zu transportieren. Im Gegenteil, die Reise durch die Zeit ist leichtfüßig und erfrischend und lässt sich bei jedem Instrument aufs Neue antreten: die Doppel-CDs "Brass" und "More Brass" (von Louis Armstrong über Chet Baker bis Roy Hargrove), "Bigbands" (von Gene Krupa bis Vienna Art Orchestra), "Strings" und "More Strings" (von Reinhardt über Montgomery und Metheny bis Scofield), "Keys" (Mingus bis Wesseltoft), "Saxes", "More Saxes", und "Woodwinds" (von Coltrane bis Shorter), Female, Male und Voices (von Nat King Cole bis Cassandra Wilson). Das doppelte Dutzend ist bügel-und überlandfahrttauglich und wird dem Puristen mindestens so viele Déjà-vu-Erlebnisse bescheren wie dem Novizen Einblicke in das funkelnde Universum des Jazz.

Andrea Maria Dusl in FALTER 9/2006



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