How Do You Dance?

Telex


Nummer eins im Himmel

Ron und Russell Mael waren immer schon eine ungewöhnliche Erscheinung, und oft waren sie das Salz in der Suppe des Pop. Seit 35 Jahren beweisen ausgerechnet zwei Exmodels aus dem bekanntlich mindestens so tiefsinnigen wie sonnigen Kalifornien unter dem Namen Sparks, wie exzentrisch, klug und witzig Popmusik sein kann. Von Depeche Mode bis Franz Ferdinand haben sie Generationen von Bands beeinflusst. Nachfolger sind trotzdem nicht in Sicht.

Auf ihrem zwanzigsten Album, "Hello Young Lovers", blicken die beiden weiter fest nach vorn. Alles haben sie schon gemacht, Glamrock, Disco, Synthiepop, Techno, seit dem Vorgänger "Lil' Beethoven" arbeiten sie nun an einem nicht anders als radikal zu nennenden Alterswerk, dem sich mit den üblichen Popbegrifflichkeiten nicht mehr beikommen lässt. Da sind keine Songs mehr, da sind nur noch irrwitzige Gesangslinien und Orchesterarrangements aus Rons Keyboard (sowie die eine oder andere Gitarre) - aber da sind immer noch Drama, Witz und der unbedingte Wille zum Glam.

Stücke wie das überkandidelte "Dick Around" oder der Synkopenwahnsinn "Metaphor" klingen mit ihrem Hang zur Repetition formal streng und sind dennoch enorm erfrischend. Den ganzen Mist des Popstartums und hundert Plattenfirmenwechsel haben Sparks hinter sich gelassen, Geld scheinen sie keines mehr verdienen zu müssen. Im Gegensatz zu den aktuell prägenden jungen Gitarrenrock-Bands, die sich auf Konzepte ihrer Elterngeneration verlassen, erlauben sie es sich, etwas radikal Neues zu schaffen.

"Hello Young Lovers" ist eine Bricolage aus dem überladenen Glanz, wie Sparks ihn immer schon repräsentiert haben, und Russells glorioser Stimme, gepaart mit Brecht/Weill und den Operetten von Gilbert und Sullivan. Diese wilde Mischung aus Musiken vergangener Zeiten stellt derzeit das Aufregendste dar, was am Rand der Popwelt passiert. Würdevolles Altern wäre wohl der falsche Ausdruck dafür, Sparks beweisen vielmehr die Möglichkeit ewiger Jugend. Ein Hit der Mael-Brüder hieß "1 Song in Heaven" und war Ende der Siebzigerjahre eines der letzten großen Stücke der Disco-Ära. Eine Coverversion davon findet sich nun ausgerechnet auf dem neuen Album des belgischen Trios Telex, die so etwas wie die seltsamen Cousins der Sparks sind und für die Ron und Russell in den Achtzigern auch einige Songs schrieben.

"How Do You Dance?" von Telex ist eine weitere Manifestation der Tatsache, dass physisches Alter im Pop überhaupt nichts bedeuten muss. Und dass es auch nichts ausmacht, wenn jemand seit zwanzig Jahren keine Platte mehr aufgenommen hat. Die Belgier schließen mit diesen minimalistischen Popsongskeletten einfach an das an, was sie um 1980 an Pionierarbeit für das Genre Synthiepop geleistet haben.

In ähnlichen Zusammenhängen gern verwendete Begriffe wie Revival müssen angesichts dieser zwischen Gestern, Heute und Morgen pendelnden Musik versagen. Telex, die einmal sogar am Songcontest teilnahmen, waren mit ihren Pieps-Coverversionen von Standards wie "Rock Around the Clock" immer schon Wanderer zwischen den Zeiten und Welten. Diesmal nehmen sie sich neben Sparks der Canned-Heat-Truckerhymne "On the Road Again", "Jailhouse Rock" und "La Bamba" an. Je älter der Schinken, desto wertvoller scheint er Telex. Und was ist mit Authentizität? Die möge sich umhängen, wer sie nötiger hat.

Sebastian Fasthuber in FALTER 9/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×