Other PeopleŽs Lives

Ray Davies


Leben nach dem Frühstück

Geht man von der Bahnstation Hornsey im Nordosten Londons ein paar Schritte hügelaufwärts, stößt man auf ein Gebäude, von dessen unauffälliger Fassade der Neonschriftzug "KONK" sein blaues Licht in die urbane Düsternis ausschickt. Das Haus beherbergt ein Tonstudio und gehört einem gewissen Raymond Douglas Davies. Einen mittleren Spaziergang von ihm entfernt liegt die Nachbarschaft, in der Ray zusammen mit seinem kleinen Bruder Dave (und sechs Schwestern) aufwuchs. Als er 1998 auf "The Storyteller" in Hörspielmanier erzählte, wie dort einst im elterlichen Wohnzimmer die Urform des Hits "You Really Got Me" entstand, wehte ein untrüglicher Mottenkugelgeruch aus den Lautsprechern. Schließlich hatte Davies all die alten Schnurren über seine Kinks bereits im autobiografischen Roman "X-Ray" niedergeschrieben. Man hätte glatt meinen können, dem Mann, der von den Sechzigern bis hinein in die Achtziger, von "Waterloo Sunset" bis "Come Dancing", die Chronik der britischen Nachkriegszeit in Ohrwürmer verwandelte, wären einfach die Geschichten ausgegangen.

Als das lange angekündigte Soloalbum des schon in produktiveren Zeiten für seine Neigung zu destruktiver Selbstkritik berüchtigten Defätisten nach jahrelanger Arbeit nicht und nicht herauskommen wollte, schien dies den Verdacht bloß noch zu erhärten. Dann, vor zwei Jahren, wurde Davies in New Orleans von einem Straßendieb beim Versuch, die Handtasche seiner Freundin zurückzuerobern, ins Bein geschossen. Im Vorjahr ließ er sich mit Gehstock in der Hand von der Queen einen Orden für Verdienste um das britische Liedgut umhängen. Und jetzt, wo keiner mehr so richtig dran glauben mochte, öffnet sich plötzlich der Rollladen der Konk Studios und das versprochene Album "Other People's Lives" gelangt ohne großes Fanfarengetöse in die offenen Hände der nicht nur vom Warten ergrauten Jünger.

Der überraschend zeitgenössische Eröffnungssong "Things Are Gonna Change" verblüfft durch die erstaunliche Jugendlichkeit von Davies' Stimme, in "After the Fall" mokiert er sich liebenswert über sich selbst als gerade noch lebendigen klassischen Engländer ("sogar am Tor zum Himmel muss ich noch Schlange stehen"), und "Next Door Neighbour" ist eine gelungene Charakterstudie des gefallenen Bonvivants à la "Sunny Afternoon". "The Tourist" wiederum knüpft dort an, wo "Holiday in Waikiki" (von der Kinks-LP "Face to Face") vor vierzig Jahren aufgehört hat und konfrontiert seinen mit gezückter Kreditkarte durch exotische Slums ziehenden Titelhelden mit Davies' auch in einem Interview mit dem englischen Magazon Mojo artikulierten Zorn über die soziale Ungleichheit in der Welt. Nach einem verächtlichen "Money, money!" setzen Davies und seine durchgehend stilsichere Band zu einem Lärmausbruch an, wie man ihn in so einem Zusammenhang wohl am ehesten bei Blur erwartet hätte. Ein guter Lehrer ist sich eben nicht zu schade, seine besten Schüler zu zitieren, und geniert sich auch nicht, gleich darauf in "Is There Life After Breakfast?" einen tief berührenden, herrlich unmodischen Schunkelrefrain vom Stapel zu lassen.

Der Höhepunkt kommt allerdings erst mit "Over My Head". Es beginnt nach der Schablone eines belanglosen Erwachsenen-Rocksongs (routiniertes Nudeln einer Wahwah-Gitarre, dazu Davies' röchelndes Bekenntnis, er sei "totally stressed"), um unerwartet in einen euphorischen Scheinrefrain abzubiegen, der in einer noch euphorischeren Klimax mündet. Dermaßen emotionalisiert, lässt man sich dann sogar für den in Amerika-Romantik schwelgenden Bonustrack "Thanksgiving Day" gewinnen, dankt erschöpft dem Meister und nimmt die Northern Line der Underground bis runter zum Leicester Square. Dort wartet in einem holzgetäfelten Hotel-Café Stevie Jackson, der Gitarrist der Glasgower Band Belle & Sebastian, die mit ihrer narrativen Popsongschreibe auf Feldern grasen, die vor langer, langer Zeit von Ray Davies bestellt wurden. Über Haupt-Songschreiber Stuart Murdoch meint Bandkollege Jackson: "Stuart zeigte schon auf unseren ersten Platten diese Fähigkeit, die fiktiven Charaktere seiner Songs einfach aus der Luft zu pflücken. Ich bewundere das. Es gibt nichts Langweiligeres als diese Art von Songwriting, wo einer sagt: Ich erzähle euch jetzt, was mir in letzter Zeit alles so passiert ist."

Ihr siebtes Album, "The Life Pursuit", zeigt Belle & Sebastian am Ziel einer neuen Etappe ihrer endlosen Reise in die musikalische Diversifikation - von süßlichen Popsongs für die ganze Familie ("Funny Little Frog") bis zu den überraschenden Blues-Harmonien in "The Blues Are Still Blue". Und während "White Collar Boy" in seinen ersten Takten groovt wie Glam Rock in Moonboots, schleift der Sixties-Soul-Beat zu "To Be Myself Completely" mit reichlich Talgpuder auf den Ledersohlen über die polierte Tanzfläche.

Die entscheidende Inspiration geht aber nach wie vor von den Texten aus - ob es sich dabei nun um ein ungewohnt direktes Plädoyer gegen unfairen und unökologischen Handel ("Song For Sunshine") oder um das wunderbare "For the Price of a Cup of Tea" handelt, in dem vor dem Hintergrund einer Beziehungsgeschichte der Preis für eine Schale Tee unter anderem mit dem für eine Line Kokain und eine Vinyl-Single verglichen wird. "Tee ist sehr teuer und sophisticated heutzutage", meint Stevie Jackson, "in diesen Coffeeshops verlangen sie vier Pfund für einen Kamillentee. Das ist schon interessant." Stimmt. Höchste Zeit, dass auch Ray Davies einen Song darüber schreibt - über echten Tee: schwarz, mit einem Tropfen Milch.

Robert Rotifer in FALTER 9/2006



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