Loose Fingers, Soundtrack From The Duality...

Larry Heard


Tanzen mit Seele

In Gestalt der House-Legende Larry Heard schauen bessere Zeiten der Dance-Kultur auf einen Sprung in Wien vorbei.

Wer heute von House-Musik erzählt, muss schon das Bild der guten alten Zeiten bemühen. Die Kommerzwelle Anfang der Neunzigerjahre, als House und Techno den Pop-Mainstream enterten, zeitigt nämlich bis dato fatale Folgen: Viele Clubgänger halten House deshalb für eine Erfindung britischer Ibiza-Urlauber oder von braven DJ-Dienstleistern wie Mousse T.

Die Wiege von House aber steht in Chicago, wo sich der Sound Anfang der Achtziger als Nachfolger des zu Tode gerittenen Disco-Pferds entwickelte. House war funky, elektronisch, beseelt und ziemlich sexy. Als ewige Hymne des Genres gilt das erhebende "Can You Feel It" von Larry Heard alias Mr. Fingers, der dieser Tage in Wien ein paar zwanglose Nachhilfestunden in House-Kultur erteilt.

Mit seinen 45 Jahren gilt Heard heute auf dem Dancefloor als Großpapa. Aufgewachsen ist er noch mit den Soul-Sounds der großen US-Labels Stax und Motown. Der schleichende Niedergang der Dance-Kultur geht für ihn mit deren Aufsplitterung in unzählige Subgenres einher, wie er kürzlich in einem Interview sagte: "Ich erinnere mich noch, als Dance-Musik eine große Sache war. Heute ist alles in kleine Szenen zerbrochen. Ich bin in einer einfacheren Zeit aufgewachsen, als es nur gute und schlechte Musik gab."

Nicht von ungefähr klingen die Tracks von Larry Heard im besten Sinne zeitlos. In ihnen vereint er seine frühkindlichen Soul-Prägungen sowie Erfahrungen als Schlagzeuger und Gitarrist in Rock-und Reggae-Bands mit futuristischen Acid-Sounds aus dem Synthesizer zu einer beseelten elektronischen Tanzmusik. Kommerziell bekam er mit seinen subtilen, oft an klassischen Songstrukturen orientierten Stücken allerdings nie ein Bein auf den Boden.

So verschwand Heard ausgerechnet in den Neunzigern von der Bildfläche, als es viele seiner US-Kollegen in Europa als DJs etwas billiger gaben und damit das große Geld verdienten. Dafür müssen diese heute noch durch Clubs mit Fitnesscenterklientel touren, während Heard inzwischen über Legendenstatus verfügt. Der Versuchung, irgendwo schnelles Geld zu machen, ist der bescheiden gebliebene Produzent und DJ nie erlegen. "Wenn man zu sehr Mainstream-Richtlinien folgt, bekommt die Musik einen Fließbandcharakter", sagt er. "Es wird ein bisschen banal."

Je simpler die Hundertschaft wöchentlich erscheinender House-Maxis gestrickt wurde, desto mehr legte Heard auf harmonieseligen Alben wie "Love's Arrival" (2001) oder "Where Life Begins" (2003) Wert auf einen so altmodischen Wert wie die Melodie. Parallel dazu wurden in den letzten Jahren viele seiner Achtzigerjahre-Tracks wie "Bring Down The Walls", die oft gemeinsam mit der Mörderstimme Robert Owens entstanden, durch eine neue DJ-Generation wieder entdeckt. Der radikale junge House-Aktivist Theo Parrish und andere Stürmer und Dränger bezogen sich explizit auf Heards Erbe und holten ihn schließlich wieder aus seiner Studioversenkung.

Aktuell ist Larry Heard auffallend häufig in Europa als DJ unterwegs, um die Clubs mit Sounds zu erfreuen, denen inzwischen die charmante Patina eines Futurismus früherer Tage anhaftet. "Dreaming Of Better Days" heißt ein Stück auf seinem aktuellen Album "Loose Fingers". Heards träumerischer Kitsch mit souliger Erdung lässt sich sowohl auf den Lauf der Welt wie auf den der House-Musik beziehen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 6/2006



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