Standing in the Way of Control

The Gossip


"Ich bin verdammt heiß'"

Mit packendem Bluespunk sorgen The Gossip für Aufruhr in der Indiedisco und predigen lautstark lesbisches Selbstbewusstsein.

Wie gut das Wiendebüt des US-Trios The Gossip letzten Herbst ankam, verwunderte nicht nur die Veranstalter des Chelsea. Da spielte eine Band, deren Importplatten selbst unter Indierockkennern ein Geheimtipp waren, ohne aktuelle Veröffentlichung erstmals in der Stadt, und die Hütte ist gut gefüllt mit sympathischen jungen Menschen, die das Konzert vom ersten Ton an in eine ausgelassene Party verwandeln. "Anschließend gehen wir gemeinsam ins Gaycenter", rief die Gossip-Sängerin Beth Ditto an einer Stelle des Konzerts, und es hätte niemanden gewundert, wäre die After-Show-Party tatsächlich in diesem Gürtelamüsierlokal gegenüber des Chelsea gestiegen.

Beth Ditto ist klein, fett und lesbisch. In ihrer Haut fühlt sie sich nicht nur merklich wohl, ihr gelingt sogar auf völlig unpeinliche Weise die Stilisierung zum etwas anderen Sexsymbol. "Ich mag eine lesbische Ikone sein, aber weit stärker sehe ich mich als eine fette Ikone", sagt sie gut gelaunt, aber keinesfalls augenzwinkernd. "Dieses normierte Schönheitsideal, dem so viele Frauen verzweifelt hinterherjagen, interessiert mich nicht. Ich bin auch so verdammt heiß!" Ob sich diese Botschaft auch über den Underground hinaustragen lässt? "Major-Labels behaupten, dass es sich nicht verkaufen lässt", meint Ditto nüchtern. "Der entscheidende Punkt ist aber, dass sie es gar nicht wollen, denn Frauen sollen in ihren Augen ruhig weiterhin wie Britney Spears aussehen und mit Typen wie Kevin Federline schlafen."

Ditto ist die außergewöhnliche Frontfrau einer außergewöhnlichen Band, die vom Gitarristen Brace Paine und der Schlagzeugerin Hannah Billie komplettiert wird. Das Zusammenspiel der beiden Instrumentalisten erinnert nicht nur durch den minimalistischen Mitteleinsatz, sondern auch durch den gemeinsam erzeugten Druck an die White Stripes. Im Unterschied zum Gros aller bisherigen Riot-Grrrl-Bands zeigen sich die vor sechs Jahren gegründeten Gossip obendrein auch als - dem berühmten Geschwisterpaar aus Detroit nicht unähnlich - vom Blues beeinflusst. Dazu singt Ditto mit einer Stimme, die klingt, als sei eine vergessene alte Soulsängerin als junger Punk wiedergeboren worden.

Durch eine Kooperation mit dem Hamburger Label L'Age D'Or ist das in Olympia, Washington, ansässige Trio mit seinem dritten Album "Standing in the Way of Control" erstmals auch in unseren Breiten regulär präsent. Im Unterschied zu den krachigen Anfangstagen gestattet man sich darauf eine ungenierte Eingängigkeit und zielt mit einer Hand voll groovebetonter Stücke direkt auf die Tanzfläche der Indiedisco ab.

Am inhaltlichen Profil ändert die neue Zugänglichkeit nichts. So handelt das Titelstück von der Ohnmacht gegenüber der Wiederwahl George W. Bushs, an die Beth Ditto die Erkenntnis knüpft, zumindest sein eigenes Tun selbst kontrollieren zu können. "Es geht um Freundschaft, Liebe und darum, offen und ehrlich zu sich selbst zu sein und nicht zuzulassen, dass man kontrolliert und manipuliert wird - ganz egal, wovon oder wodurch."

Gerhard Stöger in FALTER 6/2006



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