Clap Your Hand Say Yeah

Clap Your Hand Say Yeah


Oh yeah!

Rock 'n' Roll ist gerade wieder die aufregendste Musik der Welt: Clap Your Hands Say Yeah und die Arctic Monkeys begeistern mit umwerfenden Debütalben, die Strokes glänzen in neuem Outfit.

You look like David Bowie / but you've nothing new to show me", singt Alec Ounsworth am Debütalbum seiner Band Clap Your Hands Say Yeah und lässt erst einmal offen, ob das als Seitenhieb auf retrofixierte Hipster, als großzügig angelegte Selbstironie oder als Kritik am echten David Bowie zu verstehen ist. Und wenn schon: Letzterer dürfte das New Yorker Quintett heuer ebenso sehr ins Herz schließen wie letztes Jahr Arcade Fire - und der Rest der Welt wird es kaum anders halten.

In ihrer erprobt treffsicheren Jahresliste kommender Popgrößen reihte die BBC Clap Your Hands Say Yeah soeben auf Platz zwei der Newcomerkandidaten für 2006. Kein Wunder, scheint es doch nachgerade unmöglich, der Verführungskraft ihres schlicht mit dem Bandnamen betitelten Debüts zu widerstehen. Und weil der Name Arcade Fire schon gefallen ist: Die herzerweiternde Qualität dieser zwölf Songs erinnert ebenso an die kanadischen Kollegen wie die ungewöhnliche, vor allem auf Mundpropaganda und die Distribution über alternative Kanäle beruhende Erfolgsgeschichte.

In den USA ist "Clap Your Hands Say Yeah" - der Name verdankt sich einem Graffiti in der Nähe des Bandprobenraums - bereits letztes Jahr erschienen. Ganz ohne Plattenfirma im Rücken wurden über 25.000 Stück der selbstproduzierten Wundertüte praktisch aus dem Wohnzimmer heraus verkauft. Dem Interesse an (guter) Musik schadet es also offensichtlich nicht, dass die letzten vier verbliebenen Musikmultis vorrangig auf die multimediale Verwertung von Robbie Williams, Britney Spears & Co setzen, statt junge Acts aufzubauen. Eigeninitiativen im Do-it-yourself-Verfahren sind plötzlich wieder eine echte Option abseits reiner Selbstausbeutung, zumal das Internet offenbar doch nicht nur als Selbstbedienungsladen für illegale Downloads fungiert.

Das zurückhaltende Auftreten und die herzliche Eigenwilligkeit der fünf New Yorker legten den Schluss nahe, dass es Clap Your Hand Say Yeah weniger um die Karriere als einfach um die Musik geht, die trotz stolz zur Schau gestellter Individualität und Ounsworths emotionalem, zu kontrollierter Hysterie neigendem Gesang keine Sekunde lang mühsam und versponnen wirkt. Stattdessen nimmt sie den Hörer freundlich in ihre Arme.

Frühe Talking Heads vermeinen diverse Kritiker zu hören, die Band selbst weist das von sich. Sonstige Orientierungspunkte? "Let the Cool Goddess Rust Away" klingt, als hätten sich Velvet Underground dereinst statt Heroin lieber Unmengen an Yogitee mit extra viel Honig zu Gemüte geführt; "In This Home on Ice" beginnt wie ein Blumfeld-Song von 1994, "The Skin of My Yellow Country Teeth" und "Upon the tidal Wave of Young Blood" erinnern in ihrer unschuldig-verspielten Hymnenhaftigkeit wiederum an die schottischen Indiepopikonen Belle & Sebastian. Mit den ebenfalls in New York beheimateten Strokes verbindet Clap Your Hands Say Yeah dagegen lediglich der konstruierte Talking-Heads-Vergleich; wie Dutzende andere Bands der letzten Jahre sind aber auch die euphorischen Händeklatscher den hübschen Buben aus gutem Hause zu Dank verpflichtet. Schließlich haben die Strokes vor fünf Jahren Gitarrenmusik quasi über Nacht wieder cool gemacht und mit ihrem Debütalbum "Is This It" das Kunststück vollbracht, Rock 'n' Roll trotz unverhohlener ästhetischer Rückgriffe nicht neuerlich zum Symbol schwitziger Jungmännerzusammenkünfte zu machen. "Mädchen sollten zu unserer Musik tanzen können", erklärten die Neo-Superstars Franz Ferdinand zu Beginn ihrer Karriere immer wieder. Im Prinzip war das schon bei den Strokes nicht unähnlich, die bei ihrer Himmelstürmerei im Songformat doch immer auch darauf achteten, Energie an Eleganz zu koppeln.

Während die Stromgitarre wieder zum zentralen jugendkulturellen Bedeutungsträger wurde, legte sich die Aufregung um die Strokes 2003 allerdings: Mit ihrem Zweitwerk "Room on Fire" hatten sie ihr Debüt einfach noch einmal aufgenommen, dabei aber auf die unwiderstehlichen Ohrwürmer vergessen. Umso überraschender wirkt nun ihre dritte Platte "First Impressions of Earth": Songwriter Julian Casablancas klingt nicht mehr, als hätte er seine Texte zwischen dem spätvormittäglichen Versuch aufzuwachen und dem brandlöschenden ersten Bier des Tages eingesungen. Auch wenn die neugewonnene Vitalität den Charakter des ausdrucksstarken und mit hoher Wiedererkennbarkeit gesegneten Gesangs verändert, bleibt der typische Strokes-Sounds doch erhalten. Und die Entscheidung, den Laden einmal ordentlich durchzulüften, hat nicht zur Versimpelung, sondern - im Gegenteil - zu höherer Komplexität geführt. In der Gunst der Kids dürften die Arctic Monkeys ihre Kollegen aus New York in den nächsten Monaten aber deutlich übertrumpfen. Das pickelgesichtige Bubenquartett aus Sheffield versteht sich nicht nur ausgezeichnet auf die Anfertigung famoser Indierockkracher wie "I Bet You Look Good on the Dancefloor" - bei uns ein FM4-Hit, in England Nummer eins der Popcharts -, es ist einfach auch ungleich näher dran am jungen Menschen als die jetseterprobten Strokes und die freakigen Clap Your Hands Say Yeah. "What the world's been waiting for", titelte der New Musical Express, als er die Arctic Monkeys letzten Oktober erstmals aufs Cover hievte; und das deutsche Spex - auch nicht fad - preist die Musik dieser Band als neue Superdroge an, die "agiler als Speed und glücklicher als Ecstasy" mache.

Die Arctic Monkeys agieren ähnlich kenntnis-und abwechslungsreich wie ihre berühmten Labelkollegen Franz Ferdinand, blicken über die New-Wave-Ära aber großzügig hinweg und auch einmal bis auf die Sixties zurück. Dabei legt die Viererbande um den Sänger und Gitarristen Alex Turner großen Wert auf ihre proletarische Erdigkeit; gleichzeitig wirkt ihr Debüt "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" ungleich vifer und ausgefuchster, als man es von einem Haufen Spätpubertierender erwarten würde. Im Gegensatz zur teilweise bewusst artifiziellen Sprache der Fränze sind die Songtexte der arktischen Affen auch immer sehr nahe an der gegenwärtigen jugendlichen Befindlichkeit und Alltagsrealität dran.

Der notorische Noel Gallagher maulte kürzlich trotzdem: "Mit einem derartigen Namen werden die Arctic Monkeys nirgendwohin kommen!" Wann genau ist noch mal das letzte relevante Album seiner Band Oasis erschienen?

Gerhard Stöger in FALTER 3/2006



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