Be Music, Night

Peter Brötzmann Chicago Tentet


Sanfte wilde Kerle

Dissidente Spielweisen "klassischer" Instrumente erfreuen sich in der improvisierten Musik großer Beliebtheit. Bei einem Cello zum Beispiel werden die Saiten dann nicht einfach mehr oder weniger sauber gezupft oder gestrichen, sondern es wird eine Schnur durch diese gezogen oder mit dem speichelfeuchten Finger über den Resonanzkörper gefahren. Interessant, eventuell, vielfach aber auch nur anstrengend. Mats Gustafsson & David Stackenäs zum Beispiel spielen Saxofon und Gitarre. Okay, wer dergleichen Musik kennt, wird die Instrumente erraten: nein, doch keine im Vänernsee versenkte Armada von Gurkengläsern unterschiedlichen Durchmessers, sondern das Saxofon von Gustafsson; nein, doch nicht die zufällige Begegnung eines Hackbretts mit einem elektrischen Cocktailrührer auf einem Seziertisch, sondern Stackenäs' Gitarre. Aber warum in Thors Namen heißt das Album "Blues" (Atavistic/Trost)? Hm. Vielleicht klingt nordschwedischer Meeresbusenblues so? Mats Gustafsson kann seinem Saxofon aber beileibe nicht nur perkussive Anblasgeräusche entlocken, gilt er doch als einer der expressivsten und energetischsten Da-fliegt-mir-doch-das-Blech-weg-Bläser des Globus. Als solcher ist er, sozusagen selbstverständlich, Mitglied des Peter Brötzmann Chicago Tentet. Aber selbst das lässt auf "Be Music, Night" (Okka) diesmal nicht so richtig die Sau raus - und das ist durchaus gut und richtig so. "Be Music, Night, / That her sleep may go / Where angels have their pale tall choirs." Lyrik macht selbst wilde Männer sanft, und wo Mike Pearson einfühlsam, aber geradlinig die Gedichte von Kenneth Patchen rezitiert, halten sie einen gewissen Respektabstand. Immerhin: nach 29 Minuten des vierzigminütigen Mittelteils setzt Brötzmann zu einer Himmelfahrtsattacke an, und der zehnminütige Schlussteil des Tryptichons lappt dann doch ins Aylereske und wird nach dem schön verhaltenen Beginn noch ein richtig dynamisches Saxofonhochamt. So. Aber jetzt! Auf "How to Raise an Ox" (Atavistic) hat sich das italienische Punkjazztrio Zu mit Mats Gustafsson zusammengetan, um Titel wie "The King Devours His Son", "Bring the War Back Home" oder "The Tiger Teaches the Lamb" einzuspielen: sparsam und stockend, wuchtig und mächtig - wobei die Kraft mehr als Potenzial zu spüren ist, als dass sie sich haltlos austobte. Und so macht der Tiger das ja auch: Ein Prankenhieb und das Lamperl ist ein Ex-Lamperl.

Klaus Nüchtern in FALTER 3/2006



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