Aerial

Kate Bush


Abgang zur Unzeit

John Mendelssohn hat mit "Warten auf Kate" einen witzigen Roman aus der Sicht eines suizidalen Kate-Bush-Fans geschrieben.

Gegensätze ziehen sich an. Ein ungeschriebenes Showbiz-Gesetz besagt, dass gerade scheue Künstler oft die hartnäckigsten Fans haben, darunter nicht selten distanzlose Hardcoreverehrer, die direkt am Leben ihrer Idole teilnehmen wollen. Die englische Sängerin Kate Bush, die zwischen der Einspielung ihrer eigentümlich schönen Alben gern ein abgeschiedenes Familienleben führt, könnte bestimmt das eine oder andere Lied davon trällern.

Wie verrückt ist der durchschnittliche Kate-Bush-Fan? Der in der Nähe von London lebende US-amerikanische Autor John Mendelssohn ist mit der Materie seit gut 25 Jahren - sozusagen aus erster Hand - vertraut. Sein Buch "Warten auf Kate" (im englischen Original 2004 erschienen) basiert auf der Tatsache, dass Bush seit 1993 kein neues Album mehr veröffentlicht hat und ihre Anhängerschaft in der Zwischenzeit entsprechend desperat auf frische Töne der Popexzentrikerin wartet.

"Warten auf Kate" beginnt folgerichtig mit einem Selbstmordversuch. Les, der mit seinen 54 Jahren auch als Beweis für Fantum außerhalb der angeblich werberelevanten 14-bis-49-Zielgruppe dient, blickt auf ein patschertes Leben zurück: Seine Tochter Babooshka lehnt jeden Kontakt mit ihm ab, wegen seiner Fettsucht kann er sich nicht mehr bewegen, ohne Schweißausbrüche zu bekommen, und auf Kate, der er jährlich Geschenke im Wert von 2000 Pfund schickt, ist auch schon lang kein Verlass mehr.

Allein die Hoffnung stirbt zuletzt: "Wenn Sie mir versprechen können, dass Kate Bush innerhalb der nächsten sechs Monate ein neues Album herausbringt, lasse ich mich von Ihnen retten", sagt Les zum Kate-ologisch leider völlig unbeleckten jungen Constable (",Withering Heights', richtig?"), der als Erster erschienen ist, um ihn vom Springen abzuhalten. Die Szenerie erinnert an Nick Hornbys letzten Roman, "A Long Way Down" - nur dass die Geschichte in Mendelssohns rabenschwarzem Buch 350 Seiten später ein anderes Ende findet.

Schade, denn wer jetzt die deutsche Fassung von "Warten auf Kate" zur Hand nimmt, weiß natürlich mehr als der Autor und sein tragikomischer Selbstmörder. Sozusagen als nachträgliche Pointe zum Roman hat Kate Bush vor einem Monat unerwartet doch noch ein neues Doppelalbum mit dem Titel "Aerial" herausgebracht, das nicht nur mit viel Vogelsang und privaten Oden an ihren Sohn Bertie, die Zahl Pi und eine Waschmaschine namens "Mrs. Bartoloozi" aufwartet, sondern obendrein ihr bestes Werk seit dem Klassiker "Hounds of Love" von 1985 ist. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt also, um als Bush-Fan sein Leben auszuhauchen.

Warten auf Kate" erschöpft sich allerdings nicht in reiner Fanliteratur. Zwischen Ergüssen über Kate Bush und Seitenhieben auf kurzsichtige Rezensenten ihrer Platten, liefert Mendelssohn nämlich neben einem Plot, der sich freilich nicht recht von der Stelle bewegen will, eine Menge giftigen Witz zu aktuellen Themen wie Mobbing, Essstörungen, televisionäre Starsuche und den Auswüchsen der britischen Boulevardpresse. Der Roman ist also nicht nur für Kate-Fans, sondern auch für Freunde flotter, ironischer und gegen den Verdacht übermäßiger Schöngeistigkeit gefeite Schreibe geeignet. Einzig zartbesaitete Sammler von Tori-Amos-Alben sollten besser die Finger davon lassen - ihre Heldin hat bei Kate-Bush-Verehrern wie Mendelssohn nicht den besten Stand.

Sebastian Fasthuber in FALTER 50/2005



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