Kicking Television-Live In Chicago

Wilco


Aus dem Bett gekrochen

Ein Gespräch mit Jeff Tweedy von Wilco über den seltenen Fall eines gelungenen Livealbums und ein nicht minder gelungener Abend mit der keineswegs kanadischen Band Of Montreal.

Rar ist die Zahl der Livealben, von denen sich ernsthaft behaupten ließe, dass sie eine Popdiskografie wesentlich bereichert hätten. Und wenn schon seit Ewigkeiten keine mit poppaläozoischen Klassikern (Hendrix' "Band of Gypsys", Tim Buckleys "Dream Letter", The Who's "Live at Leeds" ...) vergleichbaren Exemplare dieses fragwürdigen Formats erschienen sind, liegt das nicht nur an den allzu luftdicht durchinszenierten Shows zeitgenössischer Bands, sondern auch am - gerade vor Weihnachten wieder besonders heftigen - Vormarsch der ultimativen Nemesis des Livealbums: der in der Lücke nach dem jeweils letzten Hitalbum eingeschobenen, obligaten Live-DVD.

Der Ruf des Markts war selbst an einer populären Partie aus Illinois namens Wilco nicht vorübergegangen. "Wir stellten fest, dass es heutzutage diese Technologie gibt und sich manche Leute gern zu Hause Bands anschauen", erklärt Band-Chef Jeff Tweedy mit in greise Verwunderung gekleidetem Sarkasmus am Nachmittag vor seinem Sologastspiel im Londoner Shepherd's Bush Empire.

In den letzten Jahren haben sich Wilco von ihren Alternative-Country-Wurzeln zur inoffiziellen kommunalen Konsensrockband des anderen Amerika gemausert, so als wären sie wenn schon nicht politisch, dann zumindest ideell vom Geiste Woody Guthries beseelt, dessen textlichen Nachlass sie in den Neunzigern gemeinsam mit dem britischen Politsongwriter Billy Bragg vertont hatten. "Da gibt es ein berühmtes Zitat von Kim Gordon von Sonic Youth. Sie meinte einmal, dass das Publikum bei Rockkonzerten dafür bezahle, Leute zu sehen, die an sich selbst glauben", grübelt Tweedy. "Wer zu einem Wilco-Konzert kommt, wird dort Leute sehen, die an ihre Gefühle glauben. Für mich gibt es keine Kunst ohne Sentiment." Zur Abschwächung der apodiktischen Formulierung fügt er augenzwinkernd hinzu: "Wenn ich unsere Musik höre, denke ich mir immer: Wenigstens ist er aus dem Bett gekrochen und hat was gemacht!"

Nach mehreren Personalwechseln hatten Wilco mit dem Erscheinen ihrer letzten beiden Alben "Yankee Hotel Foxtrot" und "A Ghost Is Born" einen Sound gefunden, in dem sich amerikanische Rocktradition der Springsteen-Schule mit abstrakten Lärmlandschaften bzw. folkiges Schlenkern mit pulsierender Krautrockmetrik vereint. Zwecks Dokumentation dieser Magie in audiovisueller Form buchten Wilco letzten Mai für vier Nächte das Vic Theatre in Chicago. Beim Anhören der dort entstandenen Aufnahmen war Jeff Tweedy vor allem von den Beiträgen des Publikums überrascht: "Wenn die Leute so eigenwillige Zeilen wie Ich bin ein amerikanischer Aquariumstrinker' (aus "I Am Trying To Break Your Heart", Anm.) im Chor singen, dann hat das was", findet er. Nur an den perfekt gefilmten Bildern der Shows habe sich irgendwas falsch angefühlt: "Auf der CD-Version spielte das Publikum eine große Rolle. Aber auf der DVD war fast nur die Band zu sehen."

Wilco verzichteten kurzerhand auf die Veröffentlichung des teuer produzierten Konzertfilms. Selbst wenn ihre Homepage mit einem Clip vom - treffend benannten - Titeltrack "Kicking Television" auf den Rest des Materials neugierig macht, war diese Entscheidung wohl richtig, denn Songs wie "The Late Greats", "Shot in the Arm" oder "Ashes of American Flags" fahren mit ihren Studiovorlagen auf eine Weise Schlitten, die sich am besten mit geschlossenen Augen genießen lässt. Natürlich gibt es da auch Klischees wie etwa jene Stellen in "Via Chicago", wo jede Erwähnung der Heimatstadt mit Johlen goutiert wird. Dabei, so Tweedy, ginge es in diesem Song gerade um die Stadt als einen vom Individuum im Durchzug nur vorläufig adaptierten Raum.

Eine Woche bevor Jeff Tweedy durch London zog, um die Briten mit seinem Soloprogramm zu beehren, war eine andere amerikanische Band vorbeigekommen, die ebenfalls mit dem assoziativen Zauber großer Städtenamen spielt: Of Montreal heißen zwar so, kommen in Wahrheit aber aus Athens in Georgia, wo sie in den Neunzigern dem sogenannten Elephant 6 Collective, einer umtriebigen Seilschaft inzestuös verbundener Bands, entsprangen, zu der unter anderem Beulah, Neutral Milk Hotel, Olivia Tremor Control und die Apples in Stereo gehörten. Genau genommen sind Of Montreal das verkappte Soloprojekt eines gewissen Kevin Barnes, der sich mit seinen Songs über das Trauma hinwegtröstete, von einer aus Montreal (!) stammenden Freundin verlassen worden zu sein.

Nach den Anfängen als retrofixierter Beatles-, Kinks- und Beach-Boys-Traditionsverein haben sich Barnes' musikalische Vorlieben in Richtung genrefremder Einflüsse wie Fela Kuti oder der frühen Talking Heads verlegt. Of Montreals jüngstes Album "The Sunlandic Twins" ist ein zum Platzen pralles Füllhorn hochinfektiöser, fesselnd funkiger Popsongs, die Barnes im Alleingang am Computer aus ihren Einzelteilen - jede Trommel und jedes Becken für sich - zusammenmontiert hat. "Und ich", meinte Schlagzeuger und Bassist Jamie Muggins, kurz bevor er im Spitz im East End auf die Bühne ging, "muss das live mit meinen vier Gliedmaßen nachmachen."

Nicht ganz: Anders als Wilco, deren einziges live verwendetes Rhythmussample bei den Aufnahmen zu "Kicking Television" dankenswerterweise nicht funktionieren wollte, verlassen sich Of Montreal heutzutage so sehr auf zugespielte Beats, dass ihr im roten Overall am Mischpult werkender Techniker die Länge des Programms exakt voraussagen kann ("57 Minuten!"). Nicht eingerechnet war die Dreiviertelstunde an Zugaben, die Of Montreal im Spitz geben mussten. In den Händen der von der Tanzbarkeit ihrer Sounds mitgerissenen fünfköpfigen Band wurde das egomanische Projekt zur ausgelassenen Party. Barnes selbst, der mit eingezogenen Schultern und Kapuze ins Lokal gekommen war, schüttelte sich mit nacktem Oberkörper und Federboa auf der Bühne und sang "Let's have bizarre celebrations".

Im Fall von Of Montreal wäre so eine Live-DVD eigentlich gar keine schlechte Idee.

Robert Rotifer in FALTER 50/2005



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