Broken Social Scene

Broken Social Scene


Broken Social Scene ist eine der größten Bands der Gegenwart. Jetzt fällt der kanadische Musikantenhaufen in Wien ein.

Die Blütezeit der einsamen DJs und Laptopbastler ist vorbei. Wenn es 2005 im Pop einen - zumindest kleinen - Megatrend gab, dann war es der zum eng verschweißten Kollektiv. Gegen den rauen Wind, der den Kreativen von einer auf Sparkurs fahrenden Plattenindustrie entgegenbläst, hilft außer warm Anziehen und Selbstausbeutung auch Kuscheln mit Freunden, das entdeckten in diesem Jahr auffallend viele Musiker.

"Wir sind keine Band, in der es Konkurrenzdenken gibt, wir sind eine Familie", sagte Régine Chassange von den herzerwärmenden Pop-Jahresbesten Arcade Fire dazu im Falter-Interview. Ganz ähnlich sehen das deren kanadische Landsleute Broken Social Scene, die mit irgendwas zwischen zwölf und 15 Musikern zu den mitgliederstärksten Bands dieser Tage zählen - und zu den spannendsten. An der Schnittstelle zwischen melodiöser Indie-Ästhetik, Postrock und Soundwänden, die an Phil Spector, aber auch Sonic Youth gemahnen, produzieren sie ungemein intensive Musik, die das Herz höher schlägen lässt.

Broken Social Scene sind eine Art Best of der momentan sehr vitalen kanadischen Szene. So gesellt sich zu der um Kevin Drew und Brendan Canning gruppierten Formation bei Aufenthalten in ihrer Heimat immer wieder die wunderbare Singer/Songwriterin Leslie Feist, eine weitere Stimme gehört Amy Milan von der sensiblen Popband Stars.

"Set Yourself on Fire", der Titel des aktuellen Stars-Albums, darf auch als Slogan für die Kunst von Broken Social Scene gelten: Wenn sonst nichts mehr brennt, musst du dich an dir selbst entzünden. Das gelingt dem Kollektiv auf seinem titellosen dritten Album ganz ausgezeichnet: Es steht im Zeichen einer Ästhetik der Maßlosigkeit, wie sie im durchrationalisierten Popgeschehen selten geworden ist.

Im Gegensatz zu seinem einschmeichelnden Vorgänger "You Forgot It in People" (2003) ist "Broken Social Scene" aber eine schwierige Platte, die sich der Hörer langsam erarbeiten muss. Die Melodien und Songs verstecken sich so gut hinter mehreren dicken Soundschichten aus Gitarren, Keyboards, Pauken und Trompeten, dass mancher Kritiker bereits bemerkte, die Band habe diesmal auf sie vergessen. Tatsächlich ordnen Broken Social Scene Songstrukturen überwiegend der - mitunter auch sehr zärtlichen - Wucht ihres wall of sound unter.

Lose in Untergruppen organisiert, verstehen die Musiker ihr Werk als eine gemeinsame Leistung - ohne dass der Einzelne deshalb zurücktreten müsste. Wenn bei den Aufnahmen jemand Lust hatte, seine Gitarre gegen den Rest der Band und das Songarrangement zu spielen, dann durfte er das. Entsprechend kakofonisch klingt Broken Social Scenes herrlicher Lärm deshalb an einigen Stellen.

Beim Abmischen der Platte seien sie aufgrund der Fülle des vorhandenen Materials fast verrückt geworden, erzählte Kevin Drew dem deutschen Musikmagazin Spex von seiner Arbeit mit dem Produzenten David Newfeld. Weglassen wollten sie dennoch nichts. So ist "Broken Social Scene" unter dem Motto "Gemeinsam sind wir laut" vielleicht kein Meisterwerk, aber eine der bemerkenswertesten Anstrengungen des zu Ende gehenden Popjahres geworden.

Nach den komplizierten Plattenaufnahmen mit drei, vier Splitterbands wollen Broken Social Scene auf ihrer laufenden Tournee nun aber lieber wieder eine Band sein. Und: Live eilt ihnen ein großer Ruf voraus

Sebastian Fasthuber in FALTER 48/2005



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