Many People

Bauchklang


Alles mit dem Mund

Der Gruppe Bauchklang genügen sechs Mikrofone, um den Club mit elektronisch tönenden Sounds zu rocken. Jetzt präsentiert die ungewöhnliche Wiener Band ihr zweites Album.

Für gewöhnlich sind A-cappella-Konzerte, so viel Vorurteilspflege muss sein, ähnlich sexy wie Kabarettabende. Nicht zufällig bevölkern Stimmbandartisten mit ihren Interpretationen bekannter Pop- und Jazztitel auch gerne Kleinkunstbühnen und unterhalten dort ein im schwarz-grünen Sinne alternatives Publikum, das sich von der unglaublichen Artistik und Originalität dieser Körperklangkünstler ähnlich leicht begeistern lässt, wie es lauwarmes Politgewitzel mit zustimmendem Lachen quittiert.

Auch Bauchklang machen A-cappella-Musik, Kleinkunstanbindung gibt es bei dem in Wien beheimateten Sextett aber keine. Schließlich klingt das "Vocal Groove Project" um den Leadvokalisten Andreas Fränzl ja auch nicht nach A-cappella-Musik sondern nach HipHop und Ragga, nach Drum 'n' Bass und sonstigen Formen elektronischer Clubmusik. "In der Frühphase der Band war es immer unser Hauptziel, nur mit unseren Stimmen Musik zu machen, die die Leute zum Tanzen bringt", sagt Fränzl. "Musik, die nicht weniger cool ist als das elektronische Zeug, das wir selber gehört und zu dem wir getanzt haben."

Bauchklang haben dieses ambitionierte Vorhaben eindrucksvoll umgesetzt; der erste Clubauftritt fand vor Jahren bezeichnenderweise gleich im Flex statt und ließ das Publikum ebenso begeistert wie sprachlos zurück. Ihre auch international einzigartige Kombination aus heftigen Beats und Harmoniegesang hat die Band darüber hinaus zu einem der meistbeachteten österreichischen Popexportartikel der letzten Jahre gemacht. Rund dreißigtausendmal verkaufte sich das 2002 erschienene Debütalbum "Jamzero", dazu kamen Unmengen an Liveauftritten, unter anderem beim dänischen Roskilde-Festival, dem ungarischen Sziget, dem Montreal Jazzfestival sowie dem Transmusicales Festival im französischen Rennes.

"Wir haben ein altersmäßig breiter gestreutes Publikum als viele andere Acts", erzählt Fränzl, der gemeinsam mit Gerald Huber (Human Beatbox), Karl Schrumpf (Mouthpercussion) und Alex Böck (Bass) den Kern von Bauchklang bildet; dazu kommen noch Pollard Berrier und Philipp Sageder, beide für Vokalsounds und Hintergrundgesang zuständig. Die Attraktivität seiner Band erklärt Fränzl mit der Machart der Musik: "Moderne Clubmusik ist den Leuten so plötzlich näher, als wenn sie elektronisch erzeugt wird. Selbst Leute, die ansonsten niemals Drum 'n'Bass hören würden, akzeptieren es bei uns im Konzert, weil es nur mit Stimme gemacht wird."

Entstanden ist Bauchklang aus einem Schulprojekt ihres St. Pöltener Gymnasiums, bei dem sich 1995 die Urbesetzung der Band fand. Eine A-cappella-Formation war die logische Konsequenz aus der Vokalleidenschaft der sechs Teenager. Nach anfänglichen Gospel- und Soulcovers fand man nicht zuletzt durch den gelernten Heavy-Metal-Schlagzeuger und konvertierten Mundtrommler Karl Schrumpf zu einer neuen Körperlichkeit, experimentier- und risikofreudiges eigenes Material löste die Interpretation fremder Songs ab. Ihr klangliches Ausdrucksspektrum haben sich die Niederösterreicher dabei rein autodidaktisch erschlossen. "Das bringt die Zeit", meint Gerald Huber lapidar auf die Frage, wie man seinem Körper derart spektakuläre und brachiale Schlagzeugsounds entlocken könne. "Es gab einfach einen rhythmischen Bedarf, wobei ich weniger ein Schlagzeug imitieren, sondern vielmehr ohne Vorgaben mit dem Mund einen Rhythmus erzeugen wollte."

Dass ihre Liveshows gerade auch im elektronischen Clubkontext erfolgreich sind, führen Bauchklang auf das Bedürfnis des Publikums "nach etwas Echtem" zurück. "Man will Purheit, Echtheit, Intensität und Schweiß", meint Fränzl. "Man muss sehen, dass sich auf der Bühne jemand reinsteigert, dass es eine Hingabe gibt. Elektronikacts haben live irgendwann einfach zu wenig geboten, gleichzeitig wurden sie zu undurchschaubar. Bei uns sieht man: Okay, sechs Mikrofone, das ist der Beweis, dass jeder etwas macht."

Die Transformation ihrer Kunst auf Tonträger ist Bauchklang mit dem Anfang nächsten Jahres auch europaweit erscheinenden zweiten Album "Many People" deutlich besser gelungen als beim Debüt. Dass ihr Zweitwerk aber noch immer nicht ganz mit dem Liveereignis Bauchklang mithalten kann, ist auch der Band selbst klar; eine Live-DVD soll dieses Vermittlungsproblem irgendwann einmal beseitigen. Ungeachtet dessen schätzen die Bandmitglieder die Herausforderung der Studioaufnahme, bei der ebenfalls ausschließlich Stimmsignale zum Einsatz kommen. "Bei einem Keyboard hast du unzählige Sounds und Möglichkeiten, während wir ungleich länger dran feilen und tüfteln müssen, bis etwas leiwand und nicht mehr nach A-cappella-Musik klingt", erläutert Fränzl. "Mundsignale klingen eben nie gleich so cool wie ein knarrender Synthiesound."

Als Hörer kann sich der gelegentlich auch als DJ tätige Bauchklang-Sänger momentan am ehesten für britische Grime-Produktion begeistern, vor allem die Rapperin M.I.A. hat es ihm angetan. "Das ist sehr rough, sehr direkt, und es gibt zurzeit nirgendwo sonst eine derartige Energie. Momentan ist es aber überhaupt sehr schwer, etwas Neues zu finden. Dann gräbt man wieder in der Vergangenheit und merkt, dass es da mehr Interessantes gibt als unter den aktuellen Veröffentlichungen. Frühes Pink-Floyd-Zeug etwa oder alte Soulsachen."

Bleibt eine Frage: Warum heißen Bauchklang eigentlich Bauchklang, schließlich kommen die Töne doch auch bei ihnen aus etwas höher gelegenen Körperregionen? "Der Bauch ist das Zentrum des stärksten Gefühls und gleichzeitig der Bereich, in dem man den Bass spürt", erklärt der Frontman. "Der Bauch klingt also beim Publikum - und letztlich eh bei uns auch."

Gerhard Stöger in FALTER 47/2005



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