Kind of Blue

Miles Davis


Doppelt gemoppelt

Dass der DVD-Boom eine Fülle von historischen Jazzdokumenten auf den Markt geschwemmt hätte, lässt sich leider nicht behaupten. Nun ist mit der DualDisc eine weitere technologische Innovation in die Lande gezogen: eine Silberscheibe zum Hören und Sehen. Ein All Time Classic wie "Kind of Blue" (Columbia/Sony) von Miles Davis wäre gewiss auch ein würdiger Start für diese jüngste Auflage der guten alten 2-in-einem-Technologie gewesen - würde einem auch wirklich etwas geboten, was über die bekannt grandiose Musik hinausgeht. Aber zum einen war die DVD-Seite im Laptop nicht abspielbar, zum anderen entpuppte sich die erhoffte Dokumentation über das Making of als lieblose Restlverwertung der vor drei Jahren auf DVD erschienenen "Miles Davis Story", aufgepeppt durch zahlreiche Kameraschwenks über LP-Hüllen oder Fotos und ärmliche Zusatzfeature.

Für einen Authentizitätseffekt sorgten gelegentliche Wortspenden verstorbener Musiker schon auf Langspielplatte: Eric Dolphys legendäre Worte am Ende von "The Last Date" etwa: "After it's over, it's gone, into the air " Das Hörbuch hätte also gute Chancen, hier anzuknüpfen. "Rufus Beck liest The Charles Mingus Story" (Debut/Zyx, 2 CDs) besteht aus einem Hörbuch und einer Best-of-CD. Der einzige akustische Originalschnipsel, den man bekommt, ist leider Mingus' berühmt-berüchtige Ansage des Stücks "Praying with Eric" am 4. April 1964 in der Town Hall New York - ein Beispiel für die Paranoia des Bassisten und Bandleaders, der sich von Nazis und Rassisten umzingelt sah -, das beste Stück auf der nicht eben repräsentativen Best-of-CD. Mingus' alles andere als spannungsfreie Verhältnis zu seiner Umgebung wird auch in dem vor Klischees und ungelenken Formulierungen nicht gefeiten Hörbuchtext des Jazzjournalisten Marcus A. Woelfe erwähnt, den der durch seine Hörbuchaufnahmen der Harry-Potter-Romane bekannte Schauspieler Rufus Beck mit einigen recht fragwürdig ausgesprochenen Musikernamen würzt.

Dass die von Witwe Sue Mingus organisierte Mingus Big Band "einen idealen Mittelweg zwischen Buchstabentreue und Geistestreue" fände, wie Woelfle behauptet, lässt sich jetzt anhand des Albums"I Am Three" (Mingus Music/Universal) überprüfen. Ergebnis: eher nicht. Zehn Klassiker, von drei unterschiedlich dimensionierten Ensembles kompetent interpretiert, die aber selbst in den wildesten Momenten eher nach "Klassenbeste in Dissonanz" klingen denn nach der spinnerten Leidenschaft des Originals. Better Git it in Your Soul!

Klaus Nüchtern in FALTER 47/2005



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