Sibyllen, Sirenen, Soprane

Anna Maria Pammer, Balduin Sulzer


Neues im Westen

Ein höchst eigenartiger Stilmix tönt einem da entgegen: Eine schlichte Frauenstimme singt eine selbstvergessen in sich kreisende Melodie mit der Anmutung eines mittelalterlichen Tanzes; die Klangqualität der Aufnahme ist unüberhörbar in den Sechzigerjahren zu verorten, doch der Gesang wird unterlegt mit seltsam wabernden Sounds, wie man sie seinerzeit wohl für futuristisch gehalten hat, die zugleich aber auch irgendwie zeitgenössisch wirken. Der Linzer Komponist Peter Androsch (Jahrgang 1963) hat - gemeinsam mit Wolfgang "Fadi" Dorninger (Wipeout, Fuckhead) - den Liederzyklus "French Folk Songs" des österreichischen Elektronikpioniers Max Brand und der Sängerin Ligoa Duncan aus dem Jahr 1963 bearbeitet.

Diese fünf charmanten Miniaturen wurden 1999 bei der Wiener Phonotaktik uraufgeführt, und das war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen Musik von Androsch außerhalb Oberösterreichs zu hören war. Nun eröffnen sie den vierten und jüngsten Band der "Sammlung" genannten CD-Reihe (Extraplatte), in der Androsch in loser Folge sein Gesamtwerk veröffentlicht. Band vier bringt drei elektroakustische Zyklen; die bereits letztes Jahr erschienenen ersten beiden Bände gelten "Musik für Stimmen" bzw. "Musik für Schlagwerk und Klavier". Auf dem ebenfalls neuen dritten Band ist Androschs "Domino" zu hören: ein ziemlich rasantes Musikdrama über die Entführung und Ermordung des italienischen Politikers Aldo Moro 1978 (Libretto: Silke Dörner). Dramaturgisch und musikalisch mag das Stück zu sehr in seine Einzelnummern zerfallen, aber es profitiert von seinen ausgezeichneten Interpreten, darunter der Brachial-Performer Didi Bruckmayr (Wipeout- und Fuckhead-Kollege von Fadi Dorninger) sowie Anna Maria Pammer.

Diese beeindruckend vielseitige Sopranistin aus Linz hat mit der Doppel-CD "Sibyllen, Sirenen, Soprane" (E-Mail: abteibuero@stiftwilhering.at) gerade auch einen Querschnitt durch das Liedschaffen von Balduin Sulzer (Jahrgang 1932) veröffentlicht. Der Komponist, Kirchenmusiker und einflussreiche Musiklehrer (u.a. von Franz Welser-Möst) feiert - ähnlich wie Peter Androsch - in Oberösterreich große Erfolge; außerhalb der Landesgrenzen aber konnte er sich mit seinem tief in der Tonsprache der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwurzelten Stil nie wirklich durchsetzen. Dass er seinen Witz dadurch nicht verloren hat, das belegen die 31 Vertonungen von Texten u.a. von Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Rose Ausländer und Paul Celan.

Carsten Fastner in FALTER 45/2005



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