Analogue

A-Ha


Wir suchen die Essenz

Genau zwanzig Jahre nach ihrem Durchbruch kommen a-ha mit ihren größten Hits und einem gelungenen neuen Album in die Stadthalle. Mit dem "Falter" sprachen die norwegischen Achtzigerjahrepopstars über falsches Image und echte Gefühle, die Komplexität von Spinnennetzen, Fluch und Segen von "Take On Me".

Sie haben weltweit mehr als dreißig Millionen Platten verkauft, waren 63-mal in insgesamt 27 Ländern an der Spitze der Charts, haben ein James-Bond-Titelstück produziert ("The Living Daylights") und sind für 196.000 zahlende Besucher bei einem einzelnen Konzert (Rio de Janeiro, 1991) im Buch der Rekorde vermerkt. Ähnlich außergewöhnlich wie diese Zahlen ist die Geschichte hinter a-ha. Das Trio kam aus dem damaligen Pop-Niemandsland Norwegen, schrieb seine gerne tief in Melancholie getauchten Stücke selbst, machte sich auch sonst nicht unbedingt zum Affen - und wurde doch zu einer der erfolgreichsten Bands der Achtzigerjahre. Ihre im Herbst 1985 veröffentlichte Debütsingle "Take On Me" zählt zu den markantesten Popsongs der Dekade, das zugehörige Comicvideo ist ein Stück Popgeschichte. 1994 zerbrachen a-ha vorübergehend am Missverhältnis zwischen dem Anspruch als ernsthafte Band und der Wirklichkeit als alternde Teeniestars. Man verfolgte Soloprojekte, Keyboarder Magne Furuholmen begann außerdem zu malen. Nach der Reunion 1998 wurden die beiden Platten "Minor Earth Major Sky" (2000) und "Lifelines" (2002) auch von der Kritik äußerst wohlwollend aufgenommen.

Mit ihrem insgesamt erst achten Studiowerk "Analogue" ist es heute unpeinlicher denn je, a-ha gut zu finden. Zur Veröffentlichung des in seinem emotionalen Midtempopop auch für enttäuschte Coldplay-Hörer empfehlenswerten Albums und dem bevorstehenden Wienkonzert traf der Falter a-ha zum Gespräch - und sah sich mit drei grundverschiedenen Typen konfrontiert. Sänger Morten Harket trägt die einst von Millionen Teenagern weltweit kopierten Lederarmbänder längst nicht mehr, dafür baumeln auffällige Ketten an seinem Hals. Das Leben hat beim einstigen Posterboy merkliche Spuren hinterlassen; der 46-Jährige wirkt leicht weggetreten und unnahbar. Praktisch das Gegenteil davon verkörpert der inzwischen zum Hauptsongwriter aufgestiegene Magne Furuholmen. Offenherzig und redselig erweist sich der 43-jährige Ex-Alkoholiker als offenes Buch, das sich bisweilen auch noch selbst umblättert. Der in New York lebende Gitarrist Paul Waaktar-Savoy wiederum ist freundlich, aber wortkarg. "Meine Frau predigt seit zwanzig Jahre, dass ich extrovertierter werden muss", sagt der 44-Jährige fast entschuldigend. "Ich bin aber noch immer nicht dort, wo sie mich gerne hätte." Sein Gesicht verbirgt er hinter einer Sonnenbrille, unter den hellbraunen Cowboyboots trägt er weiße Tennissocken. Sie bleiben das einzige Eighties-Klischee im aktuellen Repertoire von a-ha.

Falter: Morten, im Pressetext zu "Analogue" sagen Sie: "Wir wurden als Teenie-Idole gesehen - und das hatte alles so wenig mit dem zu tun, warum wir eigentlich angetreten waren." Warum haben Sie persönlich mit dem Musikmachen begonnen?

Morten Harket: Wegen der Wirkung, die Musik auf mich hatte. Mich fasziniert das Leben ganz generell, und Musik ist ein spannender Teil davon. Was spielt sich ab, wenn dir Musik wirklich unter die Haut geht, du dadurch mit dir selbst konfrontiert wirst? Darum ist es uns immer gegangen, und darum machen wir auch heute noch Musik.

Assoziiert werden a-ha aber nach wie vor mit "Take On Me". War der Song rückblickend Fluch oder Segen für die Band?

Magne Furuholmen: Er ist ein Meilenstein in unserer Karriere, gleichzeitig aber auch ein Mühlstein, der uns noch heute um den Hals hängt. Das Stück hat uns viele Türen geöffnet und uns letztlich im Guten wie im Schlechten zu dem gemacht, was wir heute sind. Wir wollten die Welt jahrelang ziemlich angestrengt davon überzeugen, dass a-ha weit mehr ist als "Take On Me"; irgendwann sind wir dann aber selbst auf das billige Image der Band reingefallen. Glücklicherweise war die Zeit auf unserer Seite.

Inwiefern?

Furuholmen: Bei unserem Neustart haben wir eine späte Genugtuung erfahren - durch Kritiker, andere Künstler und Hörer. Wir sind eine Band, die eher mit Coldplay und Radiohead verglichen werden sollte als mit Müll wie den Backstreet Boys. Ohne Comeback hätten wir das nicht beweisen können und auch nicht erfahren, dass sich die Wahrnehmung von a-ha bereits stark verändert hatte.

Wirklich gewehrt haben Sie sich einst aber nicht gegen Ihren Status als Teeniepopstars.

Furuholmen: Wir haben das Spiel mitgespielt und auch den Preis dafür bezahlt. Wir haben zwar das Geld genommen, sind damit aber nicht losgelaufen, sondern geblieben, um alle Rechnungen zu bezahlen. Viele Bands bezahlen vor ihrem Erfolg, und der Erfolg kommt dann als Belohnung. Bei uns war es umgekehrt: Wir hatten Erfolg, bezahlten dann aber durch den Kampf gegen unsere eigene Geschichte, unser Image.

Die Achtziger gelten mitsamt ihrer Popkultur als eine sehr oberflächliche Epoche. Waren sie das wirklich?

Harket: Oberflächlich war nur die mediale Darstellung. Wer es damals als Band draufhatte, würde es auch heute draufhaben, das hat nichts mit der Jahreszahl zu tun. Entweder deine Musik ist aufrichtig, oder sie ist es nicht. Wobei es natürlich auch aufrichtig ist, wenn du nur des Erfolgs wegen Musik machst. Allerdings interessiert dich dann nicht die Musik, sondern nur der Erfolg selbst, und wenn du dem alles unterordnest, wird von deiner Musik mittelfristig eben entsprechend wenig übrig bleiben.

Furuholmen: Die Jahre des größten Erfolgs waren eine sehr surreale Zeit. Wir hatten jahrelang vor allem psychedelische Sixtiesmusik gemacht, und plötzlich spielten wir vor Tausenden kreischenden Mädchen; wir waren als Band schwer klassifizierbar, wurden medial aber doch in bestimmte Schubladen gepresst. Es war ein ziemlich breiter Weg von den 16-jährigen Hardcorehippies zu den Posterbuben der mittleren Achtziger. Irgendwie spielten wir ein Spiel, das auf der Überlegung fußte: Wenn sich die Beatles von einer schlichten Popband in ein derartiges Highlight populärer Musik verwandeln konnten, können wir das doch auch versuchen. Aber es war eine andere Zeit, wir waren andere Leute.

"The Sun Always Shines On TV" hieß einer Ihrer damaligen Welthits. In Ihren Liedern tut sie das dagegen kaum je. Woher kommt all diese Melancholie?

Furuholmen: Ich schätze, es kommt vom Essen, vom Licht und der Mentalität der Menschen in der Welt. (Lacht.)

Paul Waaktar-Savoy: Ich habe mir kürzlich ganz frühe Aufnahmen angehört und gemerkt, dass die Lieder schon damals eine ähnliche Stimmung hatten. Ich habe immer Noten geliebt, die scheinbar ein bisschen falsch sind, von der typischen Harmonielehre abweichen.

Die Songtexte der neuen Platte sind ebenfalls eher herbstlich gehalten.

Furuholmen: Gerade meine Stücke sind vielfach düster, aber nie hoffnungslos. Ich verwende Worte, Bilder und Klänge, um mir selbst über gewisse Dinge klar zu werden. Dinge, die mir Angst machen, mich berühren, mich provozieren, mich wütend oder traurig machen. Glücklich zu sein ist kein Problem für mich, also warum sollte ich in Songtexten damit ringen?

Welche Musik hören Sie selbst in unglücklichen Momenten?

Furuholmen: Jedenfalls keine fröhliche Musik, denn dann würde ich am liebsten jeden umbringen - mich selbst eingeschlossen. Ich höre Lieder, die meine eigenen Gefühle beschreiben und mir helfen, mich selbst besser zu verstehen. Bei meinen eigenen Texten geht es auch darum, mir selbst zu sagen: Das ist es, was zählt, das ist es, was ich machen werde. "Cosy Prisons" etwa handelt von den problematischen Elementen der gegenwärtigen Versprechungen eines besseren Lebens. Fürs große Glück brauchst du ja angeblich nur alle Lifestyleregeln zu befolgen. Inmitten dieses Lifestylewahns fühlen sich die Menschen aber irgendwann komplett leer, da sie darauf vergessen, sich bewusst mit gewissen Dingen auseinander zu setzen und auf sich selbst zu achten. Der Song endet mit den Worten "If you're careful all the time you won't get hurt. But if you're careful all the time then what's it worth", und das ist der entscheidende Punkt: Wenn du dich selbst permanent vor dem Leben schützt, fühlst du dich irgendwann, als hättest du nicht gelebt.

Die Single "Celice" wiederum ist eine Liebeserklärung mit düsterem Hintergrund.

Furuholmen: In gewisser Hinsicht ist es eine Ode an Schmerzen, die man sich selbst zufügt. Denn Schmerz ist besser als kein Schmerz, negative Empfindungen sind besser als gar keine Empfindungen. Mich deprimiert die Vorstellung ungemein, dass sich Leute deshalb nicht umbringen, weil sie zu niedergeschlagen sind und ihre Situation zu ausweglos ist, sondern weil sie zwischen Glück und Trauer keinen großen Unterschied sehen, keine wahre Empfindungen kennen. Das ängstigt mich, und davor möchte ich mich bewahren. Ich mag Musik, die dazu führt, dass ich mich schlecht fühle, ich mag Kunst, die mich provoziert, ich mag Bücher, die mich verstören und komplett fertig machen, ich mag Leute, die mich herausfordern. All das ist lebensnotwendig, und ich hoffe, es so transportieren zu können, dass auch andere Menschen etwas damit anfangen können.

Ein Charakteristikum von a-ha war stets der markante Gesang. Morten, wann haben Sie die besondere Qualität Ihrer Stimme selbst entdeckt?

Harket: It's not in the voice, it's in the blood. Der Gesang ist ein zerbrechliches Gut, aber in gewisser Hinsicht sind die zerbrechlichsten Gefüge auch die stärksten. Ein Spinnennetz ist beispielsweise unglaublich dehnbar und doch stark wie Stahl. Mit der Stimme ist es dasselbe: Du kannst es nicht erzwingen, kraftvoll oder energisch zu klingen. Ich selbst kann höchstens versuchen, ihr Flügel zu verleihen.

Bei aller Emotionalität klingen a-ha nie einfach nur kitschig. Steckt da ein bestimmtes Rezept dahinter?

Harket: Wir suchen immer nach der Essenz. Der Essenz einer Identität, einer Emotion - was ist es, das mich anspricht, mich berührt? Ich finde Industriedesign sehr spannend, da es ähnlich mit dem Prinzip der Funktionalität umgeht wie die Natur. In der Natur gibt es nichts, das keine Funktion hätte. Wir Menschen drehen uns dagegen im Kreis, wir produzieren und machen viele Dinge, die eigentlich keinen Zweck erfüllen. Das sind Ersatzhandlungen, derer wir uns zumeist noch nicht einmal bewusst sind. Mit der Herangehensweise an Musik ist es genauso. Es gibt so viel gekünstelte Musik, die einen bleibenden Eindruck über die Verwendung bestimmter erprobter Muster erzielen will. So funktioniert das aber nicht. Du musst als Künstler darauf achten, was dich tatsächlich beschäftigt und berührt. Wir bemühen uns wirklich um diese Aufrichtigkeit, was aber nicht heißt, dass es uns auch immer gelingen würde.

Eure Landsleute Kings of Convenience haben mit der Platte "Quiet Is the New Loud" vor einigen Jahren einen internationalen Poptrend ausgelöst. Galt dieses Motto nicht immer schon für a-ha?

Harket: Ja, das könnte man so sagen.

Waaktar-Savoy: Dass wir "quiet" waren?

Na ja, wilde Rocker waren Sie doch nie, oder?

Waaktar-Savoy: Wir haben es zumindest versucht! a-ha live sind aber noch einmal etwas anderes als a-ha auf Platte.

Die Kings Of Convenience sind nur ein Beispiel für die international erfolgreiche junge norwegische Popszene. Sind das die Kinder von a-ha?

Waaktar-Savoy: Es ist schön, von diesen Bands immer wieder zu hören, dass wir eine gewisse Hilfe waren. Als wir begonnen haben, gab es keinen norwegischen Pop, und alle haben sich über unsere Ambitionen lustig gemacht. Heute erzählt mir dagegen jede norwegische Band von ihren Plänen, die Welt zu erobern.

Harket: Vor a-ha gab es in Norwegen nur Jazz und Klassik. Im Popbereich herrschte eine derartige Leere, dass ein Demograf gesagt hätte: "Pop kann unmöglich aus Norwegen kommen!" Tatsächlich ist es aber völlig zweitrangig, ob du als Band aus Österreich, Liechtenstein, Senegal oder von sonstwo kommst. Entscheidend ist, ob das Feuer entzündet wird oder nicht. Und dazu braucht es kein London, keinen bestimmten Ort in den USA. Niemand besitzt das Exklusivrecht, dieses Feuer zu entzünden.

Was motiviert Sie nach all den Jahren eigentlich noch, den ganzen Musikbusinesswahnsinn auf sich zu nehmen? Sie könnten es sich doch auch mit Ihren Familien zu Hause gemütlich machen.

Furuholmen: Ja, aber es fühlt sich heute einfach besser an als je zuvor, es gibt keine Ängste mehr. Als erfolgreicher Popstar gleicht das Gefühl irgendwo jenem der Höhenangst: Wo zum Teufel sollst du noch hin, wenn du niemanden mehr beeindrucken kannst? Zumindest bei mir hat der Erfolg das Selbstbewusstsein derart zerstört, dass ich irgendwann unsicherer war als je zuvor in meinem Leben. Und es gibt keinen einsameren Platz als jenen auf einer Bühne vor 20.000 Leuten, wenn du aus den falschen Gründen dort bist; es gibt aber auch keinen besseren Platz, wenn du dich deinem Publikum wirklich öffnen kannst. Als wir in Rio de Janeiro vor 200.000 Leuten spielten, wollte ich mich die ganze Zeit nur verstecken. Und wenn du dich in so einer Situation verstecken willst, bist du verdammt noch mal am falschen Ort. Heute habe ich nicht das Gefühl, am falschen Ort zu sein. Ich will da sein und ich will touren, denn ich glaube an das, was wir machen.

Gerhard Stöger in FALTER 45/2005



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