Company Switch

Territory Band


It's Ken again!

Momente monadenhaften Improvosierens kennt auch "The Color of Memory" (Atavistic, 2 CDs): Während die Reeds von Vandermark und David Rempis auf feinsinnigen Kuschelkurs gehen, keppelt Jeb Bishops Posaune eher derb dazwischen ("Road Work"). The Vandermark 5 ist das ältest gediente und wohl auch kulinarischste Ensemble des Titelhelden, und bietet auf seinem jüngsten Album acht Stücke zwischen berückend entspanntem walking-bass-groove und hochenergetischen Zwischensprints., wobei die jähen, aber ästhetisch konsistenten Tempo- und Stimmungswechsel zum Reiz entscheidend beitragen.

Wer letzte Woche das Wien-Konzert von Ken Vandermark verpasst hat, hat erstens was verpasst, muss aber zweitens nicht traurig sein, denn der Mann ist nicht nur ein sehr verlässlicher Wien-Besucher, er spielt auch noch viel mehr Alben ein, als selbst aufmerksame Beobachter mitbekommen. In den letzten Monaten erschienen also nicht bloß 14 CDs (siehe Falter 42: "Coffee to Blow"), sondern zumindest 17 - so jedenfalls der jüngste Informationsstand. Hier also ein kleiner Nachtrag zur Hyperaktivität des musikalischen Teilchenbeschleunigers aus Chicago.

Das Free Music Ensemble (FME) unterscheidet sich von dem Trio, das - eine Welturaufführung! - in Wien zu hören war, nur dadurch, dass hinter den Fellen nicht Paul Lovens, sondern Paal Nilssen-Love sitzt. Das vor einem Jahr in Oslo eingespielte Studioalbum "Cuts" (Okka) besteht aus fünf, zum Teil durchaus episch dimensionierten Teilen, auf denen die drei Herren beweisen, dass Aufeinander-eingespielt-Sein nicht bedeuten muss, immer gleichzeitig am selben Strang zu ziehen. Natürlich findet man mitunter auch zu gemeinsamer leichtfüßiger Rasanz, aber mindestens ebenso wichtig ist die Reibungen und Brüche erzeugende Eigensinnigkeit - etwa wenn Vandermark sich in Saxofon-Ausbrüchen ergeht, seine Kollegen aber gelassen weiterstolpern.

Die elfköpfige Territory Band ist Vandermarks Schlachtross für die Fusion von europäischer und amerikanischer Improvisationsavantgarde, von akustischem und elektronischem Gerät - Letzteres wird auf"Company Switch" (Okka, 2 CDs) von Lasse "Lass es knarrzeln" Marhaug bedient. Eine nicht unspröde und kalkuliert disparate Angelegenheit. Wer sich durchgehört hat, wird auf den letzten fünf Minuten von "Lokal Work" (Stanley Kubrick gewidmet) allerdings aufs Angenehmste hinausexpediert: kicks ass!

Klaus Nüchtern in FALTER 44/2005



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