I've Got My Own Hell To Raise

Bettye LaVette


Mit 59 hat man noch Träume

Nach 44 Jahren im Musikgeschäft ist Bettye LaVette vor wenigen Wochen der große Durchbruch gelungen. Dieser Tage kommt die Soulsängerin mit der einzigartigen Reibeisenstimme erstmals nach Wien.

Der erste Eindruck ist einigermaßen umwerfend. Denn Bettye LaVette legt gleich einmal ungeschützt, quasi splitternackt los: Ohne jede Begleitung interpretiert sie einen Song von Sinead O'Connor, der kaum wiederzuerkennen ist. Mit einer Reibeisenstimme, die wie Jimmy Scott auf etwas zu viel Koks klingt (oder Tina Turner auf noch ärgeren Drogen), verwandelt LaVette das vergleichsweise harmlose "I Do Not Want What I Have Not Got" in einen leidenschaftlichen Blues, der instantan zu einer Gänsehautattacke führt.

Mit dieser berührenden A-cappella-Interpretation eröffnet die Soulveteranin ihre neue Platte "I've Got My Own Hell to Raise", die seit Ende September am Markt ist. Und mittlerweile ist ziemlich klar, dass die 59-Jährige damit nach mehr als vier Jahrzehnten im Musikgeschäft und Dutzenden Plattenaufnahmen nun endlich jenen großen Erfolg gelandet hat, dem sie seit Jahrzehnten vergeblich nachläuft. "Ja, es sieht zum ersten Mal nach sehr langer Zeit ziemlich gut aus", meint die Sängerin am Telefon freudig. Und sie sagt es mit ziemlich genau jener heiseren Stimme, die auf ihrer Platte zehn unschuldige Popsongs in zehn leidenschaftliche Gefühlsdramen verwandelt.

LaVette singt so, als ob es um alles ginge - jedenfalls ohne alle Schonung ihrer strapazierten Stimmbänder. Wahrscheinlich war es auch wirklich ihre letzte Chance, um es doch noch einmal ganz nach oben zu schaffen. Ihre Platte wurde nämlich von keinem Geringeren als dem legendären Joe Henry produziert, der zuletzt dem Soul-Koloss Solomon Burke zu seinem großen Comeback verholfen hatte. Und nun, drei Jahre später, dürfte ihm mit Bettye LaVette dasselbe Kunststück gelungen sein.

Die überaus freundliche Souldiva hört Worte wie Wiederentdeckung indes gar nicht gern: "Ich habe ja die ganze Zeit als Sängerin gearbeitet, halt vor kleinerem Publikum." Begonnen hat diese abwechslungsreiche Karriere vor mittlerweile 44 Jahren in Detroit. Mit 16 trat sie dort erstmals öffentlich auf, ohne je vorher eine Person live auf einer Bühne singen gesehen zu haben. Musiker hatte sie zuvor bloß im Fernsehen oder im Wohnzimmer ihrer Eltern erlebt. Die waren zwar Fabrikarbeiter, schenkten zu Hause aber auch Alkohol aus und hatten so immer wieder Musiker wie Sam Cooke oder die Blind Boys of Alabama zu Gast.

Gleich in ihrem ersten Jahr als Sängerin landete LaVette ihren ersten ganz großen Hit: "My Man, He's a Lovin' Man". Dass es danach nicht mehr so recht klappen wollte, hatte verschiedene Gründe: Zunächst wurde vor ihren Augen ihr erster Manager erschossen. Und nachdem sie ein paar Jahre später die Single "Let Me Down Easy" aufgenommen und damit noch vor Aretha Franklin den richtungweisenden Brückenschlag zwischen Rhythm 'n' Blues und Pop gewagt hatte, bekam ihr kleines Label prompt Vertriebsprobleme.

So oder ähnlich ging es mit vielen anderen ihrer Plattenproduktionen: immer wieder tolle Singles, ab und zu ein kleinerer Hit, aber nie der ganz große Durchbruch. 1978 stand sie dann im Musical "Bubbling Brown Sugar" mit Cab Calloway am Broadway auf der Bühne, ein Jahr später landete sie sogar einen Discohit. Doch die Karriere plätscherte weiter so dahin - mit einigen Höhen und noch mehr Tiefen. "Ich war einfach nie zur rechten Zeit am rechten Ort", meint sie im Rückblick ohne Verbitterung und legt Wert darauf, dass sie ohne all die Enttäuschungen wohl nicht zu der guten Sängerin geworden wäre, die sie heute ist.

Die unverwechselbare Schmirgelstimme allerdings, die hatte sie immer schon. "Bloß brauchte ich zwanzig Jahre, um mich damit abzufinden. Ich wollte damals immer sanft und weich wie Sarah Vaughn klingen, bis ich endlich einsah, dass das nicht klappen würde. Nach und nach lernte ich, die Stimme als Teil von mir zu akzeptieren und mit ihr zu arbeiten." Dieses Timbre, das durch den Konsum von Marihuana auch nicht wirklich geschmeidiger wurde, dazu die nicht immer nur schönen Erfahrungen eines bewegten Lebens: Sie verleihen LaVettes Interpretationen jene Authentizität, die man bei global gefeierten Soulteenagern wie Joss Stone nicht wirklich findet.

"Sie ist ja noch ein junges Mädchen", meint Bettye LaVette über ihre junge britische Kollegin nachsichtig. "Aber wenn sie so weitermacht, kann sie eine richtig gute Sängerin werden." Und die Mutter einer 45-jährigen Tochter hat auch einen mütterlichen Rat für den Interviewer: "Sie dürfen nie vergessen: Mädchen stellen sich immer anders an als Frauen. Egal ob im Bett, in der Küche oder sonstwo."

Die Songs auf ihrem neuen Album sind im Übrigen allesamt Kompositionen von Frauen. Andy Kaulkin, der Chef ihrer neuen Plattenfima Anti-, die auch Solomon Burke wieder großgemacht hat, gab ihr hundert Lieder zur Auswahl, von denen sich LaVette zehn aussuchte. Diese handelten zwar von Dingen, die sie ganz ähnlich so erlebt habe oder die sie an einer Bar selbst so ähnlich erzählen könnte. Dennoch hat LaVette die Texte wie auch die Musik so lange verändert, bis die Songs so klangen, als wären sie wirklich von ihr.

Mit den Studiomusikern habe das in gewohnter Weise geklappt. "Weil ich selbst keine Musikerin bin, habe ich ihnen die Songs einfach vorgesungen, und sie haben die Arrangements darum herum gebaut. Und der Rhythmusgruppe sagte ich, dass sie für den Takt einfach auf meinen Hintern achten sollten." Die Ergebnisse sind beeindruckend, nicht zuletzt, weil die Gitarren ähnlich rau und ungeschliffen agieren wie LaVettes Stimme: Harmlose Popsongs werden da in dröhnenden Rhythm 'n' Blues verwandelt ("Joy"), aber auch in schmeichelnde Soulballaden ("Just Say So") oder geheimnisvollen Blues ("Little Sparrow").

Nur bei Sinead O'Connors "I Do Not Want What I Have Not Got" gab es Unstimmigkeiten. Die Leute von der Plattenfirma wollten den Song mit Begleitung einspielen, um einen Unterschied zum Original zu machen. LaVette bestand darauf, ihn entweder a cappella oder gar nicht zu singen, weil doch sie selbst den Unterschied ausmache. Aber dann sei sie sich nicht gar mehr so sicher gewesen.

Dass das Album nun doch mit ihrer nackten Stimme beginnt, dafür war Starproduzent Joe Henry verantwortlich. "Und das hat mir schon sehr geschmeichelt."

in FALTER 44/2005



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