ALTE REISSER - VERRECKTE GESCH

Georg Ringsgwandl


Der Hirnspukwellenreiter

Der schrille Liedermacher Georg Ringsgwandl gastiert demnächst in Wien. Die neue CD enthält eine Auswahl seiner legendären Zwischentexte, live hat der bayerische Ex-Arzt aber auch "frisches Gwachs" im Programm.

Eigentlich ist der Mann ja Musiker. Aber berühmt ist Georg Ringsgwandl nicht nur für seine Lieder, sondern vor allem auch für die absurden Geschichten, die er bei seinen Konzerten zwischen den Songs erzählt. Sie fangen ganz harmlos und alltäglich an ("Mei Frau sagt immer ..."), werden aber so lange weitergesponnen, bis sie den Boden der Realität verlassen und in Sphären des höheren Nonsens abheben.

Vor einem Auftritt in St. Pölten etwa hatte Ringsgwandl im Standard gelesen, dass die 1996 in die Affäre um den Journalisten Peter Michael Lingens und den Staatsanwalt Wolfgang Mekis verwickelte russische Geschäftsfrau Valentina Hummelbrunner freigesprochen wurde. Eine Russin namens Hummelbrunner: Das fand Ringsgwandl so komisch, dass er sich auf der Bühne minutenlang ausmalte, wie wohl die Kinder und Kindeskinder der mit dem Polizeibeamten Hannes Schwarz verheirateten Hummelbrunner heißen würde. Ihr Sohn ("Hummelbrunnerova-Schwarzejewitsch") heiratet eine Schwedin namens Jensen, deren Sohn ("Hummelbrunnerova-Schwarzejewitsch-Jensenson") wiederum ehelicht eine Isländerin, deren gemeinsame Tochter ("Hummelbrunnerova-Schwarzejewitsch-Jensensonsdottir") einen Araber und so weiter.

Die Hummelbrunner-Saga ist auf Ringsgwandls aktueller CD "Alte Reißer - Verreckte Geschichten" nachzuhören, die neben einem bisher unveröffentlichen Song ("Mein Hund wird falsch ernährt") ausschließlich Zwischentexte aus 15 Jahren enthält. Ringsgwandl kommt damit einem häufig geäußerten Wunsch seiner Fans nach, die auf Platte bisher nur die Songs zu hören bekommen hatten. Die 25 Tracks stammen von Konzerten aus den Jahren 1988 bis 2002; bei der Auswahl ist Ringsgwandl angesichts der Materialfülle nicht systematisch vorgegangen. Von etwa jedem zweiten Ringsgwandl-Auftritt gibt es einen Livemitschnitt, die verschiedenen Tonträger (DAT, Mini-Disc, MC) füllen 35 Schuhschachteln. "Ich hab einfach hineingegriffen, aus verschiedenen Perioden was rausgezogen und mir gesagt: Kimm, nimm des und des und des, passt scho, fertig, aus."

Der 57-jährige Bayer Georg Ringsgwandl ist eine der schillerndsten Figuren der deutschen Unterhaltungsbranche. Neben seiner medizinischen Karriere - der Kardiologe brachte es bis zum Oberarzt - trat er seit den späten Siebzigerjahren auch als schriller Musiker in Erscheinung, nach seinen ersten Alben "Das Letzte" (1986) und "Trulla! Trulla!" (1989) wurde er als "Punk-Qualtinger" gefeiert. Auf der soeben erschienenen DVD "Trulla! Trulla!" sind Liveaufnahmen aus den frühen Neunzigerjahren zu sehen, die das Ereignis Ringsgwandl allerdings nur ansatzweise vermitteln können. Mit "Staffabruck" (1993) schlug der Künstler dann überraschend stille Töne an, auch die Songs seiner bislang letzten Platte "Gache Wurzn" (2001) waren weitgehend pointenfrei. Live jedoch regiert, zwischen den Tönen, immer noch der Wahnsinn.

Dass Ringsgwandl so viele Konzerte mitschneidet, hängt mit der spontanen Genese der Zwischentexte zusammen: "Ich erfinde diese Geschichten ja so ad hoc, und am nächsten Tag in der Früh hab ich alles wieder vergessen. Dann hör ich mir das an und denk mir: Was hab ich denn da für einen Quatsch erzählt? Aber manchmal ist auch was dabei, wo ich mir denke: Das könntest du noch etwas weiter entwickeln. Die Geschichten machen dann von Konzert zu Konzert so Metamorphosen durch, nehmen immer wieder andere Wendungen. Von manchen gibt's siebzig verschiedene Varianten. Also, das sind keine ausgefeilten Szenen, sondern mehr so Fluxus-Gebilde."

Ringsgwandl schwört auf die Kunst des Moments, Adrenalin ist seine Droge. "Das sind assoziative Wahngebilde, die unter dem narzisstisch-exhibitionistischen Druck der Bühne entstehen. Im günstigsten Fall geht der ganze Saal mit, und du surfst auf so einer Hirnspukwelle dahin." Mit Kabarettisten, die am Schreibtisch an ihren Witzen feilen und sie dann auswendig lernen, kann er selten etwas anfangen. "Das ist, wie wenn du bei einem Roman während des Lesens merkst, wie er konstruiert ist - da denkst du dir auch: Gnade!"

Ringsgwandl, der 1994 erfolglos am Wettlesen um den Bachmann-Preis teilnahm, arbeitet selbst seit Jahren an einem Romanprojekt, das mittlerweile sechs Ordner füllt. Ob der Roman jemals erscheinen wird, ist allerdings keineswegs sicher. "Ich kann natürlich jederzeit einen witzelnden Essay absondern, aber das ist ja nicht das, was du als Leser wirklich lesen willst. Auch das schlechteste Buch ist eine gewaltige geistige Leistung." Abschreckend wirken für Ringsgwandl auch die literarischen Ergüsse von Kollegen. "Zum Beispiel der Gerhard Polt. Das ist einer der besten Künstler, den die deutsche Bühne in den letzten fünfzig Jahren gesehen hat, der ist wirklich grandios, Wahnsinn. Aber lies einmal, was der schreibt! Ja, leck mich am Arsch!"

Seit dem letzten Album sind viereinhalb Jahre vergangen, die aktuelle CD enthält nur altes Material. Dennoch war Ringsgwandl nicht untätig. Erstens hat er "einen Haufen neue Songs" geschrieben, die im Liveprogramm ("Alte Reißer und frisches Gwachs") erprobt und entwickelt werden, ehe er nächstes Jahr damit ins Studio geht. Außerdem hatte im Münchner Residenztheater voriges Jahr sein drittes abendfüllendes Bühnenstück "Prominentenball" Premiere, in dem Ringsgwandl einen Münchner Jetset-Mediziner darstellt, der dem Bayern-München-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt zum Verwechseln ähnlich sieht.

"Das ist ein ausgesprochen netter Typ und auch ein guter Doktor", sagt Ringsgwandl über seinen prominenten Kollegen. "Es wird im Stück auch überhaupt nix Schlechtes über ihn gesagt. Aber es gibt bei solchen Leuten halt irgendwo den Punkt, wo das den Boden verlässt." Seit Müller-Wohlfahrt ihm empfohlen hat, sein lädiertes Knie mit Laser bestrahlen zu lassen, kann Ringsgwandl ihn nicht mehr ganz ernst nehmen. "Da hab ich gemerkt, da will mich jemand verarschen. Oder er glaubt es selber - was noch schlimmer wäre."

Auf alternativen Schnickschnack wie Homöopathie reagiert der Schulmediziner Ringsgwandl allergisch. "Dieser ganze esoterische Schwachsinn ist für einen wie mich, der eine Zeit lang wissenschaftliche Medizin gemacht hat, eine Zumutung. Ich bin froh, dass wir nimmer an Geister glauben und die Hexenverbrennung abgeschafft haben. Alternativmedizin ist hervorragend, wenn du nix hast. Für Hypochonder zum Beispiel. Aber wenn du krank bist - vergiss es! Grundsätzlich sollte man sich von der Medizin so weit wie möglich fernhalten. Die meisten Leut brauchen kan Doktor."

In seinem erlernten Beruf arbeitet Ringsgwandl seit längerem nur noch sporadisch; zuletzt hat vor drei Jahren ein paar Monate im Krankenhaus ausgeholfen, um zu schauen, ob er's noch kann. Ergebnis: Er könnte noch, will aber nicht mehr. "Wenn der Tag 48 Stunden hätte, tät ich's mir überlegen. aber du kannst nicht beide Sachen gleichzeitig gut machen." Georg Ringsgwandl würde gerne sterben, wenn's am schönsten ist: während eines Konzerts oder beim Vögeln. Von hinten erschossen werden wäre auch eine Möglichkeit. "Aber das ist für die Verwandtschaft nicht so schön."

Wolfgang Kralicek in FALTER 44/2005



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