The Pink Beast of Love

Chris Gelbmann


"Ich bin kein hipper Typ"

Als Musikmanager hat Chris Gelbmann André Heller zurück ins Studio geholt und Christina Stürmer zum Superstar gemacht. Jetzt überrascht der Wiener mit einer tollen Singer/Songwriter-Platte.

Schein und Sein sind im Pop nicht selten zwei Paar Schuhe; die perfekte Inszenierung muss hier immer wieder einmal über den mediokren Inhalt hinwegtäuschen. Dass es auch andersrum gehen kann, beweist der 33-jährige Wiener Singer/Songwriter Chris Gelbmann mit seinem CD-Debüt "The Pink Beast of Love". Ein nicht eben gut aussehender Mann blickt da in schwarzem Hemd vor braunem Hintergrund von einem sonderbar billig anmutenden Cover; der Plattentitel ist zu allem Überdruss in pinken Lettern draufgeklatscht. Musikalisch bleibt die solcherart suggerierte Mischung aus Ramsch und Muffigkeit aber aus: Zu schlichter, aber sehr stimmungsvoller Instrumentierung singt eine irgendwo zwischen Cat Stevens und dem Americana-Vokalisten Ihres Vertrauens angesiedelte Stimme mit hoher Wiedererkennbarkeit einnehmende Lieder vom Leben, vom Lieben, vom Leiden.

"Ich bin kein hipper Typ", sagt Chris Gelbmann, der bis vor kurzem zu Österreichs erfolgreichsten Musikmanagern zählte und als Berufsbezeichnung nach wie vor das Wort "Musikproduzent" bevorzugt. "Mir ist klar, dass ich kein Adam Green, sondern eher ein James Blunt bin. Im Gegensatz zu Blunt komme ich aber nicht aus England, sondern aus der Hinterbrühl." Der in seiner ungewöhnlichen Mischung aus Selbstbewusstsein, Bescheidenheit und ausgeschlafener Selbstreflexion ungemein sympathische Wienerwälder ist Musiker, Manager und Produzent in einem. Wie der Manager Gelbmann den Musiker Gelbmann sieht? "Das ist ein sehr tief gehender Typ, mit dem man im Sinne einer tiefen Auseinandersetzung arbeiten muss. Ein eigenwilliger Kerl, der etwas zu sagen hat, gute Nummern schreibt, über eine charismatische Stimme verfügt und interessant ist, weil er eine eigene Meinung hat."

Gelbmann wächst mit sechs Geschwistern in Brunn am Gebirge auf. Ein älterer Bruder bringt diverse Pfadfinderlieder ins Haus, bereits als Kind spielt der kleine Chris "This Land Is Your Land" auf der Mundharmonika. Später lernt er Melodica ("für ein Klavier war die Wohnung zu eng"), Ukulele und letztlich doch auch Gitarre. Er liebt Bob Dylan, Nick Drake, Tim Hardin, Tim Buckley, Jimi Hendrix, die Beatles und die frühen Fleetwood Mac; Zeitgenössisches beschränkt sich auf Nick Cave und sein erweitertes Umfeld sowie Klassiker der lauten Stromgitarre à la Hüsker Dü, Sonic Youth und Gun Club. "Ich war immer auf der Singer/Songwriter-Seite zu Hause. Das ist für mich nachvollziehbare Musik, die direkt aus dem Herzen heraus ihren Weg findet. Auch bei Sonic Youth sehe ich vom Kopf her keinen großen Unterschied, nur dass sie halt mit dem Schraubenzieher Gitarre spielen."

Mit dreizehn verliebt sich Gelbmann erstmals und macht daraus seinen ersten Song; Anfang zwanzig ist er unter dem Namen Earl Gray eine lokale Größe im Süden Wiens. Eine selbstfinanzierte CD floppt aber, und Gelbmann beschließt, hinter den Kulissen des Musikgeschäfts nachzusehen, was da warum wie läuft oder eben nicht läuft. Er beginnt für den damaligen Marktführer EMI CD-Sampler zusammenzustellen, wird von Universal abgeworben und erreicht dort mit aggressiver Politik in diesem enorm lukrativen Segment nationale Marktanteile von bis zu fünfzig Prozent.

"Bei großen Firmen werden Künstler vielfach als etwas leicht Verrücktes gehandelt, dabei sind sie ja der Ursprung dessen, wovon diese Firmen leben", wundert sich Gelbmann. "Menschen mit Musikleidenschaft sind im Managementbereich eher die Ausnahme, denn du musst in eine gewisse Art des Businessmachens verliebt sein, um in diesem Geschäft weiterzukommen." Gelbmann selbst war das nicht. "Ein ehemaliger Kollege hat das einmal sehr gut auf den Punkt gebracht, als er meinte: Ich bin musikbranchenverbrunzt, während du musikverbrunzt bist - und das geht nicht zusammen.'"
Vorübergehend tat es das doch. Gelbmann verantwortete die Tonträgerverwertung der ORF-Castingshow "Starmania", zeitgleich kümmerte er sich um André Hellers 3-CD-Kompendium "Ruf und Echo". "Heller war für mich die große Chance, mein Leben in dieser komischen Plattenbrache wirklich interessant zu gestalten, und er hat mein Leben auch tatsächlich ungemein bereichert." Aus Hellers ursprünglichem Plan einer leicht modifizierten Version der Kritischen Gesamtausgabe wächst in dreijähriger Arbeit ein letztlich ebenso viel gelobtes wie kommerziell erfolgreiches Mammutwerk. "Bei Universal hat man wegen meiner Begeisterung wahrscheinlich teilweise gedacht, dass ich von Heller bestochen werde oder in ihn verliebt bin. Verliebt war ich in gewisser Weise ja auch, aber sicher nicht auf erotischer Ebene."

Sachlicher klingt Gelbmanns Zugang zu "Starmania" und dem daraus hervorgegangenen Superstar Christina Stürmer. "Stürmer ist eine einzigartige, charismatische und in sich schlüssige Person, die alles in sich eint, was ein Popstar braucht. Sie hat eine markante Stimme und ein Gesicht mit hohem Wiedererkennungswert - zumindest seit dem Moment, seit die ORF-Stylisten diesbezüglich nicht mehr die Oberhand hatten." Dass Stürmer von der Kritik in Österreich nur mit der Beißzange angefasst wird, lässt Gelbmann kalt. "Die Ersten, die mir wirklich zur Stürmer gratuliert haben, waren Leute wie Xavier Naidoo; und die ganzen Hättiwari-Zyniker in der Branche habe ich ohnehin in der Pfeife geraucht." Insgesamt wurden national rund eine Million "Starmania"-Tonträger verkauft. Gemessen an der Bevölkerungszahl sei das weltweit der mit Abstand größte Erfolg, den eine derartige Castingshow je hatte.

Von seiner eigenen Platte, "The Pink Beast of Love", könne man in Österreich dagegen nur sehr wenig verkaufen, solange eine größere mediale Unterstützung ausbleibt, meint der gegenwärtig von seinen Universal-Ersparnissen lebende Künstler, der nebenbei auch die Musikagentur Buntspecht betreibt. "Wurscht ist mir das natürlich nicht, aber ich werde deshalb sicher nicht in die typisch österreichische Jammerei verfallen. Wenn es jetzt noch nicht so weit ist, klappt es eben beim nächsten Mal."

Tatsächlich enthält auch Gelbmanns Debüt schon einige Stücke, die sich sowohl auf Ö3 als auch auf FM4 gut machen würden. "Spielen tun sie mich aber beide nicht. Bei Ö3 reden sie sich immer wieder aufs Formatradio aus, und ehrlich gesagt ist FM4 letztlich genau so, denn für die bin ich - um den mich dort interviewenden Redakteur zu zitieren - zu konservativ. Aber gut, so ist die Medienwelt eben, und das werde ich auch nicht ändern können."

Gerhard Stöger in FALTER 43/2005



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