As Is Now

Paul Weller


Weller bringt Spannkraft

Mit seinem achten Soloalbum findet Paul Weller zurück zur Relevanz - ohne auch nur einen Deut am Konzept zu ändern.

Beim Verschicken des Waschzettels, der den geneigten Rezensenten mit erhellenden Zusatzinformationen und triumphalistischen Preisungen des vorliegenden Produkts versorgen soll, war der Plattenfirma ein kleiner Fehler unterlaufen: "As Is Now", der Titel von Paul Wellers neuem Album, stand zwar in der Überschrift, doch der Text darunter entstammte dem Werbepamphlet zum im Vorjahr erschienenen "Studio 150". Die unfreiwillige Symbolik ergab durchaus Sinn, waren Wellers Werke in den vergangenen zehn Jahren doch bedenklich austauschbar geworden. Vom Verfechter eines liebenswerten, wenngleich paradox nostalgischen Innovationsbegriffs ("Modernismus" sagte der alte Mod noch Ende der postmodernen Achtziger dazu) war Weller zum Schutzheiligen eines statischen britischen Retro-Fundamentalismus verkommen.

Einem höheren Hang zur Ironie folgend ist aber just "As Is Now" jenes Album, das mit geballter Dringlichkeit die Revision einer Biografie fordert, die sich nach der Jugendblüte bei The Jam und The Style Council bzw. der Wiedergeburt als Solosongwriter Anfang der Neunziger in Pointenlosigkeit zu verlieren schien. Interessanterweise sieht der sonst so dogmatisch zu seinem Gesamtwerk stehende Sturschädel das heute selbst genauso: ",As Is Now' ist ein ganz spezielles Album, und ich würde das nicht über alle meine Platten sagen. Manche sind durchschnittlich."

Diese gleich beim ersten Track "Blink and You'll Miss It" unverkennbare "spezielle" Qualität ist gar nicht so leicht festzumachen. Oberflächlich betrachtet hat sich kaum etwas verändert, die Band ist dieselbe (der seinem Meister seit über zwanzig Jahren treue Steve White am Schlagzeug sowie Steve Craddock und Damon Minchella von den Obertraditionalisten Ocean Colour Scene an Gitarre und Bass), und sie tingelt immer noch durch eine fiktive, spirituelle Heimat, in der die klassische Periode des soulbewussten, rockbetriebenen Gitarrenpop zwischen 1965 und 1974 nie zu Ende ging.

Den Unterschied formuliert Weller selbst im anfeuernden Text zum ungestümen "Come on, Let's go": "Sing you little fuckers, sing like you ain't got no choice." Diese Songs hatten keine andere Wahl, sie entsprangen keinem ambitionierten Innovationsprogramm, keinen regen Fingerübungen und keiner faulen Routine, sondern schließen vielmehr an große Momente der Vergangenheit von "That's Entertainment" bis "Wild Wood" an, als Weller die unerklärliche Fähigkeit ausspielte, aus seinem fanatischen Pop-Studententum vollwertige Originale zu zaubern.

Eine stolze Ausbeute von mindestens sieben aus 14 Songs fällt auf "As Is Now" in diese Kategorie, was sein achtes Soloalbum brutto zum erstaunlicherweise besten dieses Karriereabschnitts macht. Die weniger nötige Musikermasturbation namens "Bring Back the Funk (Pts. 1 & 2)" kann daran auch nichts mehr ändern. Endlich vermählen sich die freien Rockakkorde der Renaissancephase mit der komplexen Jazzharmonik der Style-Council-Periode. Vor allem aber vibriert Wellers weiße Soulstimme so schön, wie er es zuletzt vor zwanzig Jahren auf "Our Favourite Shop" zustande brachte. Wenn ein Song wie "All on a Misty Morning" also die Einladung zur morgendlichen Vereinigung ist, dann lässt ein 47-jähriger Paul Weller diese Option durchaus als attraktiv erscheinen.

Robert Rotifer in FALTER 43/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×