Visions De L'Amen

Grau,A./Schumacher,G., Schütz,H./Messiaen,O.


Amen

Ein erster, weit offener Akkord, ein kurzes Zögern - und dann hebt die Musik an. Ruhig und gefasst, im Wortsinn schlicht und ergreifend schreitet sie dahin und lässt zunächst noch nichts erahnen von den letzten Dingen, über die sie berichtet. Als Kontemplation für die Karwoche hat Heinrich Schütz (1585-1672) sein klein besetztes Chorwerk "Die Sieben Worte unseres lieben Erlösers und Seeligmachers Jesu Christi" gedacht; der ungarische Komponist György Kurtág (geb. 1926) hat das Stück nicht einfach für zwei Klaviere transkribiert, sondern reduziert und konzentriert.

Der protestantisch anmutende Purismus seiner Arbeit dient dem Klavierduo Andreas Grau und Götz Schumacher als überzeugende Einleitung und Kontrast zu ihrer Einspielung der "Visions de l'Amen" von Olivier Messiaen (col legno/Lotus). Mitten im Krieg, 1943, hat Messiaen für diesen siebenteiligen Zyklus ins volle Leben gegriffen und die vielfältigen Bedeutungen des Wortes "Amen" herrlich tönend interpretiert. Mit schillernder Farbenpracht, rhythmischer Raffinesse und der Natur präzise abgelauschtem und dann kunstvoll stilisiertem Vogelgesang zeigen sich hier, in seinem ersten großen Klavierwerk, schon alle Qualitäten des Komponisten, Synästhetikers, Ornithologen und überzeugten Katholiken.

Mag sein, dass Messiaen zu Recht befürchtete, nicht verstanden werden zu können: "Ich spreche als gläubiger Mensch über den Glauben zu Atheisten. Wie sollen sie mich verstehen?" Und doch vermittelt seine Musik auch synästhetisch unbegabten Ungläubigen noch genug von Messiaens umfassender Spiritualität, um sich daran begeistern zu können, wie hier einer die Herrlichkeit der Welt besingt.

Auch die Musik des Esten Arvo Pärt (geb. 1935) wurzelt in dessen tiefer Religiosität - auch wenn sein glöckchenheller Tintinnabuli-Stil gern als esoterisch anmutender Meditationsklangteppich gehört wird. Mit "Lamentate" (ECM/Lotus) verließ Pärt nun die bewährte Klanginnigkeit. Überwältigt von der 150 Meter langen, blutroten "Marsyas"-Skulptur des indischen Künstlers Anish Kapoor in der Londoner Tate Modern, schrieb er eine mal gewaltig hämmernde, mal in sich versunkene Musik für Klavier (Alexei Lubimov) und Orchester (RSO Stuttgart, Andrey Boreyko) – ein "Klagelied nicht für Tote, sondern für uns Lebende, die wir es nicht leicht haben, mit dem Leid und der Verzweiflung der Welt umzugehen".

Manche mag diese Musik trösten. Neben Messiaens "Visions" wirkt sie vor allem naiv.

Carsten Fastner in FALTER 43/2005



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