Playing the Angel

Depeche Mode


Messen für Massen

Die phänomenal erfolgreiche Elektropopgruppe Depeche Mode veröffentlicht nach viereinhalb Jahren ein neues Album und geht auf Welttournee. Porträt einer Band, die wie eine Religion funktioniert.


"Words are very unnecessary"

Depeche Mode, "Enjoy the Silence" (1990)

Wer Depeche Mode gut findet, hat ein Problem: Er ist nicht allein. Die englische Band war nie Geheimtipp, sondern von Anfang an Massenphänomen. Rund fünfzig Millionen Alben haben Depeche Mode seit 1981 verkauft, Monat für Monat kommen allein in Deutschland angeblich 15.000 bis 20.000 Stück dazu; die Erfolgsgeschichte ist so makellos, dass sogar die Beteiligten nur staunen können: "In unserer Karriere hatten wir immer nur Erfolg, das ist schon seltsam", sagt Bandmitglied Andy Fletcher im Gespräch mit dem deutschen Rolling Stone.


"Music for the Masses" heißt ein berühmtes Depeche-Mode-Album von 1988. Das ist gleichermaßen ironisch und wörtlich zu verstehen. Es gibt Nummern, die fast jeder kennt, weil sie ununterbrochen irgendwo aus einem Lautsprecher kommen; zugleich können aber auch DJs in avancierteren Clubs Depeche Mode auflegen, ohne damit die fristlose Entlassung zu riskieren. Phänomenal an dieser Band ist also weniger die schiere Größe denn die Breite ihres Erfolgs: Irgendwie können sich alle auf Depeche Mode einigen. Warum bewegt uns diese Band bloß so?

Mollig ist schön

Depeche Mode, das ist Synthie-Pop mit menschlichem Antlitz. Obwohl die Musik großteils aus der Maschine kommt, wirkt sie selten technoid und kalt. Verantwortlich für diesen Effekt sind der für eine Elektropopband ungewöhnlich expressive Gesang von Dave Gahan und die betörenden Harmonien von Songwriter Martin Gore. Dessen Devise: Mollig ist schön. "Ich kann keinen Song in Dur schreiben", hat Gore in einem MTV-Interview einmal gesagt. "Immer, wenn ich es versuche, klingt es viel zu poppig und unrealistisch. In Moll kann man über das Leben schreiben, in Dur funktioniert das nicht."


Seit dem Abgang von Alan Wilder 1995 sind Depeche Mode ein Trio; wie die meisten großen Bands leben auch sie von der Spannung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Charakteren. Lennon/McCartney heißen hier Gore/Gahan, wobei die Rollen bisher klar verteilt waren. Seit Gründungsmitglied Vince Clarke die Band nach der ersten LP verlassen hat (um Yazoo und später Erasure zu gründen), ist Martin Gore der unumstrittene Kopf der Band. Bis vor kurzem zeichnete er für Text und Musik sämtlicher Songs verantwortlich, während Sänger Dave Gahan ihnen überzeugend Leben einhauchte. Der Dritte im Bunde, Andy Fletcher, spielt eine eher zu vernachlässigende Rolle, die er selbst einmal so definiert hat: "Ich bin sozusagen das Rückgrat, ich kümmere mich um das Management."


Interessanterweise war nicht der exzentrische Grübler Gore lange Zeit der Problemfall der Band, sondern der extrovertierte, fast kumpelhaft wirkende Gahan, der 1995 einen Selbstmordversuch unternahm und 1996 nach einem überdosierten Drogencocktail zwei Minuten lang klinisch tot war. Die Tournee zum Album "Ultra" (1997) musste wegen einer Entziehungskur des Frontmanns entfallen. "Nach der Finsternis, in der ich war, habe ich in allen möglichen Dingen wieder viel Licht gesehen", sagte Gahan Jahre später. "Ich würde aber niemandem empfehlen, durch dieselben Tiefen zu gehen wie ich. Es gibt einfachere Wege."

His Master's Voice

Gahan hat seine Lebenskrise so gut überwunden, dass er nach dem letzten Album "Exciter" (2001) gegen seine Rolle als "His Master's Voice" aufbegehrte. Zum Beweis, dass er auch selbst das Zeug zum Songwriter hat, brachte Gahan 2003 sein Solodebüt, das sympathische Rockalbum "Paper Monsters", heraus. Weil gleichzeitig auch Martin Gore ein Soloalbum (allerdings ausschließlich mit Coverversionen) veröffentlichte, wurden prompt Trennungsgerüchte laut. In Interviews - außerhalb der gemeinsamen Arbeitszeiten reden die beiden offenbar nicht direkt miteinander - stellte Gahan jedenfalls klar, dass er auf dem nächsten Album auch mit eigenen Songs vertreten sein möchte.


Als die Band erstmals zusammentraf, um das neue Werk zu besprechen, hatte Gahan 15 Stücke geschrieben, Gore gerade einmal eine Hand voll. Auf die Platte geschafft haben es schließlich drei Nummern von Gahan und neun von Gore. Die Quote hatte die Plattenfirma von Anfang an festgelegt, die Auswahl wurde dem Produzenten Ben Hillier (der zuletzt für Blur und Elbow arbeitete) überlassen. Gahan hat's tapfer geschluckt, einige der überschüssigen Songs wird man wohl auf seinem nächsten Soloalbum zu hören bekommen.


Das Match Gore-Gahan geht aber nicht nur zahlenmäßig zugunsten des Chefs aus; die besten Songs auf "Playing the Angel" sind von Gore, darunter der hypnotische Opener "A Pain That I'm Used To" und die zartbittere Singleauskoppelung "Precious" (in der Gore das Scheitern seiner Ehe verarbeitet). Dass die Gahan-Titel dennoch mithalten können, liegt am insgesamt nicht sonderlich hohen Niveau der Platte. Man muss es nicht so drastisch ausdrücken wie die Süddeutsche ("die Beats klingen wie das Klacken eines Geldautomaten"), aber natürlich handelt es sich bei "Playing the Angel" nicht um das von aufgeregten Fans reflexartig als "bestes Album seit X oder Y" gefeierte Meisterwerk. Es ist eine durchschnittliche Depeche-Mode-Platte, der Sound klingt nach Retro und einige Songs nach Routine.


Seinen Hauptzweck hat das Album, unabhängig von seiner Qualität, schon vor Erscheinen erfüllt: Es ist Anlass für eine ausgedehnte Welttournee ("Touring the Angel"), die am 2. November in Fort Lauterdale startet und die Band im Februar und März auch nach Österreich führen wird; live sitzt wieder der Wiener Drummer Christian Eigner am Schlagzeug (siehe Interview). Die meisten Europatermine sind bereits ausgebucht; für das Wien-Konzert am 16.2. sind nur noch Tribünenplätze zu haben. "Die Hallen sind noch schneller ausverkauft als letztes Mal", kommentiert Andy Fletcher die Nachfrage. "Warum? Man hat doch so lange gar nichts von uns gehört. Aber je fauler wir sind, desto populärer werden wir wohl."

Heilige Hallen

Das ist natürlich pure Koketterie. Erstens schadet es Stars selten, wenn sie sich rar machen. Und zweitens hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Depeche Mode eine großartige Liveband sind - auch das ist für einen Elektro-Act eher ungewöhnlich. Ein DM-Konzert ist eine Messe für Massen. Gegen die quasireligiöse Ekstase, die im Zuschauerraum ausbricht, kommt höchstens noch ein Weltjugendtag mit Papst Benedikt an.


Verantwortlich dafür sind zunächst Gores stark von religiösen Motiven geprägte Texte ("ich bin nicht gläubig in einem konventionellen Sinn, aber Religion hat mich immer interessiert"). "Songs of Faith and Devotion", der Titel des vielleicht besten Depeche-Mode-Albums (1993), ist Programm: Es geht um Glauben und Hingabe. Jeder zweite Song ist wie ein Gebet geschrieben, immer wieder fallen Schlüsselworte wie "Vergebung", "Sünde" oder "Heiligenschein"; nur dass damit halt nicht Gott, sondern weibliche Wesen aus Fleisch und Blut gemeint sind. Kein Wunder, dass der weltliche Prediger Johnny Cash auch eine Depeche-Mode-Nummer gecovert hat ("Personal Jesus").


Dazu kommt, dass Dave Gahan ein sagenhaft guter Performer ist. Obwohl auch Martin Gore auf der Bühne mittlerweile etwas stärker aus sich herausgeht, spielt Gahan mehr oder weniger den Alleinunterhalter. Während die anderen meist wie angewurzelt hinter ihren Keyboards stehen, singt er sich nicht nur die Seele aus dem Leib - großartig, wie er zwischen seinen Einsätzen "Yeah!" oder "Come on!" ins Mikro stöhnt -, und hält das Publikum bei Laune. Nicht einmal das Rockstargehabe (nackter Oberkörper, Mikrofonständerakrobatik, mit dem Hintern wackeln) wirkt bei ihm peinlich.


"I can't sing, but I got soul", hat Gahan über sich selbst einmal gesagt. Ersteres ist etwas zu bescheiden, Letzteres spürt man. Die Stimmung bei einem Depeche-Mode-Konzert passt gar nicht zu den eher düsteren Songs, aber auch dieses Phänomen ist aus der katholischen Messe ja bestens bekannt. Das letzte Wien-Konzert fand am 11. September 2001 statt; einige Kritiker haben sich damals darüber beschwert, dass die Band kein Wort über den Terroranschlag verloren hat. Hätten an diesem Abend nicht Depeche Mode, sondern U2 in der Stadthalle gespielt, hätte Bono bestimmt etwas gesagt. Aber ob das besser gewesen wäre? Der Unterschied ist: U2 wollen die Welt retten, Depeche Mode nur ihre eigene Haut.


Anlässlich der letzten Tournee vor vier Jahren hat Martin Gore sich darüber amüsiert, dass die Fans in Europa immer noch fast geschlossen in Schwarz zu Depeche Mode gehen. "Sogar Mütter mit ihren Kindern kommen in Schwarz! Hier ist das wirklich noch so ein Art Kult." Sieht so aus, als wäre Depeche Mode tatsächlich eine Religion. Ihre Anhänger glauben an Martin Gore, den Allmächtigen, den Schöpfer des Songhimmels und der Sounderde. Und an Dave Gahan, seine kongeniale Stimme, ihren Sänger. Sie glauben an Depeche Mode, Vergebung der Sünden, Auferstehung der klinisch Toten und das ewige Tourleben. Amen.

Wolfgang Kralicek in FALTER 42/2005



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