Lovers

TNT Jackson


Möglichst raue Power

Das Wiener Elektrorock-Trio TNT Jackson vermischt Spaß am Lärmen, abseitige Achtzigereinflüsse und diskursive Ansätze zu derber Unterhaltung für den Dancefloor.

Ein persönliches Ziel durften TNT Jackson bereits als erledigt abhaken: "Eine Poserband zu sein, die es auch mal auf Ö1 spielt." Tatsächlich sind die drei Wiener Musiker, die sich vor drei Jahren aus reinem Fantum zu einer musikalischen Interessensgemeinschaft im Zeichen von knüppelnden Elektrobeats, selbstgemachtem No-Budget-Chic und einer nicht nachlassen wollenden Liebe zum Achtzigerjahrepop zusammengefunden haben, derzeit auf fast allen Kanälen vertreten.

Beim schon traditionellen Gürtel Nightwalk erwiesen sich die jungen Herren, die nur T, N und T genannt werden wollen, mit ihrer ekstatischen Show heuer als die große Überraschung der Nacht. Anfragen für Auftritte beim großen Nachbarn häufen sich. Dass sich das TNT-Stück "Ratterbit" auf dem jüngsten CD-Sampler des renommierten Musikmagazins Spex findet, ist bestimmt auch kein Schaden. Und schließlich sind die Reaktionen auf das in Eigenregie aufgenommene und soeben veröffentlichte Debütalbum "Lovers" bislang überwiegend positiv ausgefallen, wie die Band im Gespräch zufrieden anmerkt: "Die befürchteten Plagiats- und Abgedroschenheitsvorwürfe sind fast gänzlich ausgeblieben und meist strahlt uns Wohlgesonnenheit entgegen."

Einmal davon abgesehen, dass TNT Jackson musikalisch nichts neu erfinden und an ihre Stücke weder Perfektions- noch Ewigkeitsansprüche stellen, sind sie hierzulande schon seit geraumer Zeit die erfrischendste Erscheinung zwischen Dancefloor und Pop. Mit ihren völlig unlaptopmäßigen Auftritten im Uniformlook, inklusive Rockposen und Versuchen mit Boyband-Choreografien, füllt die Band jene Lücke aus, die die trotz jüngster Reanimationsversuche sanft entschlafene Wiener Elektronikszene hinterlassen hat. "Wenn wir von so etwas wie Stadtfame sprechen", erklärten sie bereits Anfang des Jahres in einem Falter-lnterview über die Wiener Musiklandschaft, "ist es momentan sicher leichter, solchen zu erringen. Die Konkurrenz in Wien ist relativ klein, was in Berlin definitiv anders wäre."

Tatsächlich könnte es die kleine Boygang in dieser oder so ähnlicher Form in jeder etwas größeren Stadt geben. Einen wienspezifischen Schmäh oder ein anderes Lokalkolorit weisen ihre Tracks nicht auf. TNT Jackson genügen ein paar frech zusammenmontierte Sounds und lumpenstylisches Auftreten. Scheinbar im Handumdrehen haben sich die drei Do-It-Yourself-Anhänger damit ihre eigene Nische samt städtischem Minihype geschaffen. Allerdings legen TNT Jackson Wert darauf, nicht als reflexionslose Spaßtruppe zu gelten. Wenn sie etwa auf der Bühne heftig einen auf Rock machen, soll das noch lange nicht als eine Affirmation des in den letzten Jahren wiederauferstandenen Systems Rock missverstanden werden: "Eigentlich ist es fast traurig, dass gerade im elektronischen Kontext wieder auf den rockistischen Gestus mit räudiger Sexualität und Schweiß zurückgegriffen werden muss. Wir profitieren zwar selber von der Funktionalität dieser Rockriten, versuchen aber, das mit einem Augenzwinkern herauszustreichen und die entsprechenden Bilder von Männlichkeit zu persiflieren."

Im Widerspruch lebt es sich für TNT Jackson ganz gemütlich, und auch zwischen Verpackung und Inhalt ihres Albums herrscht ein offenkundiges Spannungsverhältnis: Die Hülle zeigt drei leicht zerrupfte Nachtlebengestalten in ihren Dressen als dicht aneinander gedrängte "Lovers" (der Titel ist auch als Tribut an liebe Gastsänger wie Gustav, Frank Lebel oder Chris Corner gedacht), wohingegen die Musik keineswegs zum Kuscheln geeignet ist. Sie fokussiert eher die düstere, obsessive Seite der Achtzigerjahre, bedient sich bei sexuell deviantem Synthiepop oder bei hartem Industrial. "Diesen überproduzierten Industrialpop wie Nine Inch Nails finden wir furchtbar", räumt das Trio zwar entrüstet ein, "aber formal flirten Stücke wie ,Battery' schon mit der Grundidee von Industrial. Allerdings eher unter der Prämisse, eine für unsere Verhältnisse kompatible, möglichst raue Form von Power zu finden." Die darf dem Hörer dann ruhig auch ein bisschen weh tun, finden TNT Jackson: "Gerade die Songs, die beides vermögen - anecken und tanzen machen -, sind die besten ihrer Zunft."

Die Frage, wie es weitergehen soll, stellen sich die passionierten Hobbyisten, die angesichts eines steigenden Bekanntheitsgrads allerdings gerade eine schleichende Professionalisierung durchmachen, in letzter Zeit öfter: "Es wird leider immer schwieriger, diese Do-It-Yourself-Idee beizubehalten."

Auf teure Späße wie das Engagement eines externen Produzenten wollen TNT Jackson aber auch in Zukunft verzichten: "Wir wollen weiter so wenig wie möglich aus der Hand geben und auch die nächste Platte wieder im Wohnzimmer aufnehmen. Im bestmöglichen Fall bedeutet das dann Autoprofessionalisierung." Und das wäre doch eigentlich gleich ein schöner Arbeitstitel für das nächste Album.

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2005



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