Dog

Attwenger


"Irgendwas ist immer"

Das anarchische Punkfolkloreduo Attwenger erzielt auf seinem neuen Album "Dog" durch minimalen Einsatz der Mittel wieder maximale Wirkung. Ein Gespräch über Borniertheit, Menschheitsprobleme und den Amadeus Award.

"Österreicha san ehrlich

und wauns ehrlich so san

daun sans owa gfährlich."

(Attwenger: "Dum", 2005)

Hans-Peter Falkner und Markus Binder wirken wie ein altes Ehepaar. Ein Ehepaar aber, das einander nicht etwa über eine jahrelang kultivierte Verachtung verbunden ist, sondern durch die Fähigkeit, sich immer wieder aufs Neue inniglich aneinander zu reiben. Falkner und Binder wirken so verliebt wie am ersten Tag; gleichzeitig dürften bei ihnen freilich schon an diesem ersten Tag ganz ordentlich die Fetzen geflogen sein.

Falkner ist der Stämmige mit der Ziehharmonika, Binder der schlaksige Schlagzeuger mit dem Elektronikfaible. Singen tun sie beide, und gemeinsam sind die zwei Oberösterreicher als Attwenger mit ihrer experimentierfreudigen Mischung aus Gstanzlrap, Polkapunk und Hardcorefolklore seit 15 Jahren die originellste, unberechenbarste, widerborstigste und spannendste Popband des Landes. Falkner ist der Bauch, Binder der Kopf des Duos - was aber nicht heißt, dass man die Rollen nicht auch einmal tauschen könnte.

Prinzipiell ist es aber schon typisch Binder, im Interview zur neuen Platte bei einem Kurzvortrag zum Thema Nationalstaatlichkeit zu landen. "Das Problem der Menschheit besteht darin, dass sie in Nationen und in abgegrenzten Gruppen organisiert ist", meint er. "Das Nationenkonzept führt ständig zu Ressentiments und produziert Kleinkariertheit im Sinne von Ausschlussgedanken, indem man sagt: So, von da bis da gehört es uns, da machen wir einen Strich, ziehen einen Zaun drum rum und wer außerhalb davon ist, der gehört nicht dazu."

Ebenso attwengertypisch ist der zugehörige Kommentar seines Bandkollegen: "Der Binder soll Bundeskanzler werden", grummelt Falkner genervt. Auf den Hinweis, keinesfalls größenwahnsinnig zu sein und kein Interesse an solchen Machtpositionen zu haben, bringt Binder zum Drüberstreuen dann noch Leopold Kohrs Konzept der Kleinstaatlichkeit ("Small is beautiful") mitsamt seiner Probleme ins Spiel, was Falkner wiederum volley auf eine einfachere Ebene herunterbricht: "Irgendwas ist immer. Aber Wahnsinnige gibt es dort und da, überall."

Auf "Sun" setzten sich Attwenger vor drei Jahren in "Kaklakariada" mit dem globalen Problem der Brett-vorm-Kopf-Mentalität auseinander, auf ihrem neuen, sechsten Album "Dog" legen sie jetzt mit einer pointierten österreichspezifischen Variation zum Thema nach. "Östarreicha san Vadränga und bleim wauns weidaged oiwei wo henga", singt Markus Binder in "Dum". Die mehr als tatkräftige österreichische Beteiligung an der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie spricht das Stück ebenso an wie das Suderantentum, den Chauvinismus und die irreführende Gemütlichkeit von Herrn und Frau Österreicher.

"Bislang habe ich mich gescheut, einen Text derart österreichspezifisch zu formulieren", erklärt Binder. "Prinzipiell nervt mich nämlich dieses in der Kunst und der Literatur geradezu als Sport betriebene Sich-Abarbeiten an Österreich und seiner Umgebung und dieses ewige Geseiere darüber, wie scheiße alles ist. Kaklakariada' war vielfältig anwendbar, was aber auch den Nachteil hatte, dass man die Kleinkariertheit letztlich immer auch anderswo suchen konnte. Dum' dagegen drückt jetzt ganz konkret drauf. Wenn ich sage, nicht irgendwer ist aggressiv bis knapp unter die Haut, sondern Österreicher sind es, dann kannst du nicht ausweichen."

Ebenso wie "Dum" auf den ersten Blick als inhaltliche Variation von "Kaklakariada" anmutet, könnte man das ganze, 14 kompakt gehaltene Songs umfassende Album musikalisch als ein Abarbeiten von zuvor bereits ähnlich Formuliertem missverstehen. Der vermeintliche Rückschritt hinter die stilistische Vielfalt von "Sun" erweist sich mit mehrmaligem Hören von "Dog" aber als neuerlich spannende Fokussierung. Binder spricht zumindest für die sieben von ihm alleine komponierten und im Elektroniktüftlerverfahren produzierten Stücke von einem "Laborversuch, innerhalb von drei Minuten Musik zu machen"; die restliche Hälfte der Platte wurde ganz klassisch gemeinsam im Proberaum erarbeitet.

Als verbindende Konstante fungiert einmal mehr der Dialektgesang, wobei das ungestüm-assoziative textliche Dahingestolpere des 1991 veröffentlichten Debüts "Most" - 1992 folgte "Pflug", 1993 "Luft" - inzwischen einer sehr präzisen Sprache gewichen ist. "Es san die Leid a so wias san wegn de Bedingungen und ned so wiastas dauernd heast weng irgendwöche Schtimmungen" heißt es etwa in "Sex", einem Schlüsselstück des neuen Albums. Bis zu Karl Marx und seinem Sager vom gesellschaftlichen Sein, welches das Bewusstsein bestimme, ist es da kein weiter Schritt mehr.

In seinem heuer im Frühjahr erschienenen Buchdebüt "Testsiegerstraße" zitiert Markus Binder den britischen Slang-Theoretiker Jonathan Green, dessen "Brief Guide to Slang" scheinbar nicht nur diese Sprachform im Allgemeinen, sondern auch Attwengers Anwendung im Speziellen beschreibt. Slang sei die Opposition zur Sprachnorm, eine Gegensprache, erklärt Green: "Diejenige, die aufmuckt und lästert, täuscht und trickst, verdreht und verarscht, rebelliert und untergräbt, spottet und stichelt. Abgesehen von solchen Bosheiten kann sie aber genauso gut lustig und erheiternd wie auch skeptisch und zynisch zugleich sein und sämtlichen Formen von Aufgeblasenheit die Luft rauslassen."

Auch Attwengers Musik ist nach wie vor ein ungemein versierter Luftauslasser; in ein bestimmtes Genre passt das konsequent und permanent auf Kollisionskurs befindliche Duo damit so wenig wie eh und je. Was drin sein muss, damit die beiden ruhigen Gewissens "Attwenger" draufschreiben können? "Jo, wonn's mia gmocht hom, donn is so", antwortet Hans-Peter Falkner. "Die Grenzen von Attwenger sollte man nie zu genau festlegen, weil wir die ja auch ständig selber erweitern oder auch wieder anders definieren, was Attwenger ist", ergänzt sein Kollege.

Die Fassbarkeitsproblematik belegt auch die Verwirrung beim digitalen Plattenspieler iTunes: Firmiert das 1997 erschienene Album "Song" dort unter "Folk", wird "Sun" mit der Genrebezeichnung "Electronica/Dance" belegt, während "Dog" jetzt zur Erheiterung der Band angeblich "Country" ist. "Wenn ich Attwenger erklären soll, sage ich immer: schau dir www.attwenger.at an und komm wieder, falls es dann tatsächlich noch Fragen gibt", sagt Hans-Peter Falkner dazu - und versucht sich dennoch an einer das iTunes-Genreformat naturgemäß sprengenden Definition: "Wenn du sagst: Ziehharmonika und Schlagzeug, das Ganze verstärkt und wild und dazu noch sehr viel Text', dann geht das schon irgendwie."

Apropos wild. Konzerte eröffneten Attwenger in den letzten Jahren gerne mit "Kaklakariada", sprich einer Radikalbeschleunigung. "Für die Sehnen ist es nicht das Beste, gleich so reinzuprügeln, weil der Körper ja auch eine gewisse Zeit braucht, um die Konzertbetriebstemperatur zu erreichen", bemerkt Falkner. "Aber wenn du Kaklakariada' durchdruckst, hast du es fürs restliche Konzert geschafft." Aufwärmübungen vorm Konzert kann er nichts abgewinnen. "Ich will das nicht und ich mache das sicher nicht", sagt Falkner. "Ich brauche kein Fitnessprogramm für die Musik, weil ich ein Konzert aus einem anderen Grund spiele. Vorher Liegestütze und Dehnungsübungen zu machen, wäre mir ein zu aufgesetztes Showdingsbums. Da verziehe ich lieber das Gesicht und habe anfangs kurz Schmerzen, das ist mir näher."

Das Gesicht hat man vor zwei Jahren auch beim ORF verzogen, als Attwenger den Amadeus Award als "Alternative Act des Jahres" erhielten. "Wir nehmen den Preis an dafür, dass wir gegen den Rechtsruck auftreten, der sich ziemlich ungebremst ausbreitet da überall", sagte Markus Binder in seiner Dankesrede wörtlich. "Auch was die Musikszene betrifft: Nur mehr Volkstümelei oder dieses bescheuerte Herumgehopse da im Fernsehen - das ist doch alles reaktionär, hallo! Auf der anderen Seite wird alles, was oppositionell ist zu diesem herrschenden Schwachsinn, herausgeschnitten bis verunmöglicht. Was soll das?"

Der ORF hat Binder bei der - damals noch um einen Tag zeitversetzten - Ausstrahlung der Amadeus-Gala letztlich doch nicht zensuriert. Unter anderem wohl deshalb, weil Guido Tartarotti ihn bereits in der Morgenausgabe des Kurier zitierte und dem ORF im selben Atemzug "viel Spaß beim Schneiden" wünschte. "Ich bin ja gerne auf fremden Planeten, selbst wenn sie so unwirtlich sind, dass man dort nicht überleben kann - sprich: Amadeus", sagt Markus Binder. "Das Lässige war letztlich aber, dass man doch noch sagen konnte, was man wollte. In diesem Sinn war der Besuch in Ordnung."

Gerhard Stöger in FALTER 41/2005



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