Die Sünde von Sodom. Erinnerungen eines viktorianischen Strichers

Anonymus, Wolfram Setz


Die Prüderie des viktorianischen England ist Legende und die Inhaftierung Oscar Wildes zwischen 1895 und 1897 ein Beleg dafür, dass es nichtsdestotrotz in diversen Clubs mehr als freizügig zugegangen sein muss - jedenfalls für viktorianische Verhältnisse. Bereits 1889 hatte ein Prozess gegen Laufburschen, die sich prostituierten, das Bild eines sittsamen London erschüttert. Vor allem Männer aus der Upperclass hatten die verbotenen Dienste in Anspruch genommen. Eine breite Öffentlichkeit wurde mit Tatsachen konfrontiert, die der Hauptangeklagte Jack Saul sieben Jahre zuvor in "Die Sünde von Sodom", einem der ersten schwulen Pornos, offen gelegt hatte. Schon der chronologische Ausgangspunkt der "Erinnerungen eines viktorianischen Strichers" darf durchaus als "shocking" gelten: Saul ist gerade mal zehn Jahre alt, als er sich erstmals an Gruppensex beteiligt. Prostitution wird sein Traumberuf. Beliebt bei seinen Kunden sind sadomasochistische Rohrstockspiele - auch dann, wenn ein 13-jähriger Negerjunge mit von der Partie ist, den man sich aus den Kolonien hat liefern lassen. Der Beginn der schwulen Emanzipation als Lob der Ausbeutung Minderprivilegierter? Man schlackert mit den Ohren ob der euphemistischen Schilderung, mit der sich die "Sodomisten" auf die gleiche Stufe stellten wie heterosexuelle Bordellgänger.

Das schmale Oeuvre des Earl of Rochester John Wilmot lässt vermuten, dass sich jener schwule Untergrund der 1880er von einem tradierten Anspruch der Aristokratie auf sexuelle Ausschweifungen herleitet. In derben Gedichten besang der 1680 verstorbene Lebemann den Segen des eben erfundenen Dildos und der freien Verfügbarkeit von Männern und Frauen aus dem Volk für die Damen und Herren des Adels. Wie das Gros seiner Standesgenossen bediente sich der an Syphilis erkrankte "Beschädigte Wüstling", dessen Lyrik zum Kanon der englischen Literatur zählt, bei beiden Geschlechtern und trug - wie Jack Saul - gerne öffentlich Frauenkleidung. Die parallele Lektüre der beiden Bücher macht die Motive jener, die dereinst für strenge Sittengesetze kämpften, durchaus nachvollziehbar.

Martin Droschke in FALTER 40/2005



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