Stalinplatz 4. Österreich unter alliierter Besatzung

Manfried Rauchensteiner


"Wir waren die Angreifer"

Der Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner im "Falter"-Gespräch über Ausschreitungen der Besatzer, unsensiblen Pragmatismus der österreichischen Gründerväter und den Mythos vom Lagerstraßenkonsens.

Manfried Rauchensteiner, 1942 in Villach geboren, gehört zu den renommiertesten Historikern des Landes. Der Verfasser zahlreicher Bücher zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges, zur großen Koalition und zum Ende der Monarchie war von 1992 bis 2005 Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums. Nach einer Reihe von - wie er selbst sagt - "ärgerlichen Erfahrungen" wie der Absage einer von ihm konzipierten Ausstellung zum Widerstand, dem Unwillen der Bundesregierung, die vom Weisenrat gutgeheißene Idee eines eigenen "Hauses der Geschichte" umzusetzen, warf Hofrat Rauchensteiner nach vierzig Jahren Dienst für die Republik das Handtuch. Derzeit koordiniert er neben seiner Lehrtätigkeit an den Universitäten Wien und Innsbruck die Errichtung des neuen militärhistorischen Museums Dresden.

Falter: Im Gedenkjahr ist eine Reihe Publikationen zur Besatzungszeit erschienen. Sie haben ein Buch unter dem Titel "Stalinplatz 4" veröffentlicht. Was ist darin Neues zu finden, was wussten wir bisher noch nicht über die Zeit von 1945 bis 1955?

Rauchensteiner: In unserem Verständnis der politischen Klassen und Handelnden war Österreich bislang etwas, das sich gegen die sowjetische Dominanz ständig zur Wehr setzen musste. Daraus wurde abgeleitet, die Russen hätten uns in ihre Zone einbeziehen wollen. Das stimmt so nicht. Heute wissen wir, dass die Sowjets 1944 definitiv festlegten, dass sich Österreich außerhalb der sowjetischen Interessensphäre befinden sollte. Und die Sowjets stellten wie die westlichen Alliierten ab 1946 Überlegungen über einen Staatsvertrag an. 1948 haben sie sogar die Führer der KPÖ, die meinten, Österreich wäre dafür noch nicht reif, regelrecht gemaßregelt. Der Abzug der Roten Armee aus Österreich wurde für Chruschtschow zu einem spektakulären Experiment gegen heftigen inneren Widerstand. Ein Jahr später stoppte er das Vorhaben.

Als zum Ende der Sowjetunion Anfang der Neunzigerjahre die Demontage des Wiener Russendenkmals diskutiert wurde, kündigten Sie an, sich am Denkmal anketten zu lassen. Ein für einen Militärhistoriker ungewohnter Aktionismus.

Dazu stehe ich noch immer!

Wie sehen Sie das Denkmal: als eines der Befreiung oder der Besetzung? Man kann es kaum wahrnehmen, ohne dabei an die massenhaften Ausschreitungen der Roten Armee, die Wien befreit hat, zu denken?

Als die Österreicher dem Stellvertretenden Hochkommissar der Sowjets, Alexej Scheltow, erklärten, die Sowjets führten sich wie die letzten Barbaren im Feindesland auf und die Russen dürften sich nicht wundern, dass die Stimmung in der Bevölkerung gegen sie umschlage, antwortete er: Der Vorgang des Befreiens, des Niederkämpfens des Nationalsozialismus sei eine Seite, im selben Moment beginne aber auch die Zeit der Besatzung. Für die Westalliierten gilt genau dasselbe.

In der Publikation des Grazer Boltzmann-Instituts "Die Rote Armee in Österreich" hütet man sich wie der Teufel vor dem Weihwasser, die Ausschreitungen der Sowjets zu beziffern. Es wird gar noch auf die Verfehlungen der Amerikaner und Franzosen hingewiesen.

Das ist nicht vergleichbar. In Wien gab es Massenvergewaltigungen - man spricht von zwanzigtausend, auch wenn diese Zahl nicht wirklich überprüfbar ist. Im ländlichen Raum war es besonders schlimm. Es ist keine Frage, dass sich die Rote Armee eine Menge zuschulden kommen ließ, es wurde geplündert, was ging. Aber man muss akzeptieren: Es gab einen Krieg, und wir waren die Angreifer. Neuerdings wissen wir auch, dass am Ende der Besatzungszeit die Zahl der Übergriffe bei den Amerikanern weit größer war als bei den Sowjets. Es gab eine Vielzahl von Sexualdelikten, amerikanische Soldaten spielten in allen möglichen Banden eine Rolle.

Was sagen Sie zu jenen österreichischen Politikern, die die Nazidiktatur mit der Herrschaft der Alliierten gleichsetzen?

Das ist Unsinn, die Franzosen wären dann alle diktatorisch gewesen. Vergleiche dieser Art sind einfach nicht anzustellen. Hier muss eine moralische Zäsur gesetzt werden. Nur weil ich bestohlen wurde, gibt mir das noch kein Recht, selbst zu stehlen oder ein Mörder zu sein.

Und der Vorwurf der Geschichtslüge, mit dem sich die Gründerväter der Zweiten Republik in den letzten Jahrzehnten konfrontiert sehen?

Natürlich ist es ein Problem, dass wir versucht haben, möglichst nahtlos an etwas anzuschließen, obwohl das gar nicht möglich war. Das kommt im Urteil von Martin Hertz, einem der klügsten amerikanischen Besatzungsoffiziere, zum Ausdruck. Er stellte kopfschüttelnd fest, dass ihm Leopold Figl erklärte, Dollfuß sei gar nicht so schlimm gewesen. Hertz stellte bei Figl Dollfuß-Anklänge fest, die aber aufgrund von dessen Mitarbeitern, die frei von allen autoritären Allüren waren, in Grenzen gehalten wurden. Dasselbe gilt für Julius Raab. Dieser Pragmatismus, der wahrscheinlich auch hilfreich war, bedeutete zugleich einen unsensiblen Umgang mit der Vergangenheit. Auch wenn es ein hatscherter Vergleich ist: In Deutschland wurden Nationalsozialisten nach 1945 bei weitem nicht so radikal zur Verantwortung gezogen, wie es in den hiesigen Volksgerichtshöfen der Fall war. Trotzdem hat man in Westdeutschland später das Gefühl, dass eine viel konsequentere Absage an die NS-Zeit stattfand. Bei uns wurden 43 Todesurteile über ehemalige Nationalsozialisten verhängt, ein Großteil wurde vollstreckt. Dazu kam noch die alliierte Rechtsprechung, vor allem die Briten waren sehr radikal. Aber dann sieht man auch, dass bestimmte Schritte nicht gesetzt wurden. Das fängt damit an, dass es in der Regierung "Arisierungs"-Profiteure gab.

Wen zum Beispiel?

Ich nenne keine Namen - bei manchen Regierungsmitgliedern war die Sorge jedenfalls groß, dass die eigene Rolle vor 1945 kritisch gesehen würde.

Ihr Kollege Günther Bischof hat in der Marshall-Plan-Ausstellung des Technischen Museums darauf hingewiesen, dass die lange Besatzungszeit durchaus Sinn machte.

Es ist kein Glück, wenn ein Land lange besetzt ist. Richtig ist, dass der historische Kompromiss zwischen Links und Rechts, der 1945 noch nicht vorstellbar war, maßgeblich von den Alliierten beeinflusst wurde. Daraus wurde ein politisches Grundmuster, dass man heute noch immer mit einer Präferenz an eine große Koalition herangeht. In Deutschland ist es das Schreckgespenst schlechthin, bei uns führte es zu fragwürdigen Formen des Interessenausgleichs nach dem Motto: "Du kriegst a bissl was, ich krieg ein bissl, und wir haben Ruhe für die Legislaturperiode."

Das Ganze wurde als "Lagerstraßenkonsens" verbrämt.

Das ist ein wunderschönes Bild, das halt nicht stimmt. Damit ist keine Politik zu machen. Auf der Lagerstraße begegneten sich kaum Leute, die später miteinander zu tun hatten. Es gab dazu auch keine Zustimmung in der Bevölkerung.

Zurück in die Gegenwart: Bleibt die Frage nach der Neutralität und deren Zukunft in einem vereinigten Europa.

Da weiß ich keine Antwort. Ich war immer ein massiver Neutralitätsbefürworter, weiß allerdings, dass sie nach dem Ende der Sowjetunion und aufgrund der europäischen Einigungsbewegung militärisch keine Bedeutung mehr hat. Die Neutralität ist in einem emotionalen Bereich angesiedelt und macht einen Gutteil österreichischer Identität aus. Mittlerweile ist deutlich geworden, dass es aber nicht nur europäische Konflikte gibt, und das macht diese Frage umso haariger.

Erich Klein in FALTER 40/2005



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