Schnitzelfarce. Palinskis zweiter Fall

Pierre Emme


Wahlkampf in Wien! Ein amtierender Stadtrat täuscht ein Attentat auf sich vor und entledigt sich auf diese Weise seiner reichen Gattin. Zur gleichen Zeit wird der Industriekapitän Filzmayer gekidnappt und versehentlich ermordet. Während der patscherte Entführer bald gefasst wird und nur die Hintermänner noch ausgeforscht werden müssen, darf der Stadtrat noch die Wahlen bestreiten, erst dann sollen die Handschellen zuschnappen. Der Döblinger Privatermittler Palinski, der in beiden Fällen beigezogen wird, hat sich diesmal kurzfristig kaufen lassen. Beide über weite Strecken nicht unspannenden Geschichte im Stile von Helmut Zenkers Minni-Mann-Reihe aus den Neunzigerjahren wird das Vergnügen an "Schnitzelfarce" allerdings durch unangenehme Beweihräucherung Palinskis getrübt, die schon in "Pastenlust" unangenehm aufgefallen war, dem im Frühjahr erschienenen Erstling von Pierre Emme. Neben den neu hinzugekommenen erotischen "Raffinessen" stören noch die schlampige Lektorierung und die Häufung von halblustigen Pseudonymen (etwa ein Kanzler Dr. Waidling, aus dem die Lektorin auch mal Waibling macht).

Patrick will Tatjana, Fritz will Maria, Dolores will Daniel. Wen oder was Karl will, weiß er selbst nicht so genau, aber er hat eine Mission, seit er aus Costa Rica zurück ist. Um diese zu erfüllen, arbeitet er in einer Fabrik für Naturkosmetika nahe dem Wiener Zentralfriedhof. Da fällt die Geruchsbelästigung durch Rosenölkonzentrat nicht so auf. Ohne zu ahnen, dass sein Chef Patrick dunkle Nebengeschäfte betreibt, wird Karl von jenem in eine Erpressung mit Bombendrohung Verstrickt und soll auch noch der Erpresser sein. Da weiß er dann wenigstens endlich, dass er eine Million will. Neben dem Hauptaugenmerk auf amouröse Avancen aller Art erzählt Jürgen Benvenuti in seinem immerhin schon neunten Roman "Kolibri" noch einen ganz passablen Thriller über Chemie und Kosmetik mit echtem Wienbezug. Trotz Benvenutis Vorliebe für Schachtelsätze und einiger Längen im Mittelteil sowie einer fast schon zu glatten Auflösung garantieren ein flotter Stil und patriotisches Productplacement (Tixo statt Tesafilm - so soll es sein) ein entspanntes Lesevergnügen. Anzumerken wäre allenfalls, dass Moskauer Sommernächte es mit den Wienern in Sachen Hitze durchaus aufnehmen können.

Martin Lhotzky in FALTER 39/2005



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