Steiermark. Die knappe Geschichte eines üppigen Landes

Gerfried Sperl


Nichts ist vergessen

Lehrreiches für Jung- und Neusteirer: von der steirischen Ideologie, lokalem Geheimwissen und längst vergangenen Zeiten.

Große Länder und große Städte funktionieren nach Regeln, die jeder versteht. Viele Menschen, die einander nicht kennen, müssen schließlich irgendwie miteinander auskommen. Kleine Länder und kleine Städte funktionieren anders. Die schon immer dort gelebt haben, kennen sich von klein auf. Das genügt. Wer von außen kommt, wird nie verstehen, was hier vorgeht. Wer nachwächst, hat zu warten, bis die eigenen Kindergartenfreunde in Positionen gekommen sind. Dann verfügt auch er (oder sie) über ein vollständiges Soziogramm der steirischen Gesellschaft.

Wer nicht dazugehört und von den Ereignissen im näheren Umfeld trotzdem etwas verstehen will, ist darauf angewiesen, dass von den Alteingesessenen einer aus der Schule plaudert. Das macht, neben anderem, den Wert eines Büchleins aus, das der Standard-Chefredakteur Gerfried Sperl gerade noch rechtzeitig zur Landtagswahl auf den Markt gebracht hat. Sperl stammt aus dem idyllischen Oberzeiring, war 13 Jahre bei der Grazer Kleinen Zeitung, und zwar gerade als die heute Mächtigen alle jung waren und noch redeten, später Chef bei der eingegangenen Südost-Tagespost, bis er dann 1987 nach Wien flüchtete. Ohne Sperls Buch wüssten wir nicht, dass der spätere ÖVP-Kulturstadtrat Helmut Strobl 1968 gemeinsam mit einem Kommunisten auf einer Demo verhaftet, dann aber vom damaligen Landeshauptmann Josef Krainer befreit wurde. Es wäre uns auch unbekannt, dass ein gewisser Manfred Jasser die steirische Presse mit SPÖ-Hilfe braun einfärbte. Und schließlich hätten wir keine Ahnung, wie die ÖVP an einen Mann wie Bernd Schilcher kam, der lange den Landesschulrat leitete, auch heute noch mit einiger Energie fortschrittliche Ideen verbreitet - und warum er möglicherweise jetzt dem Hirschmann sein Schweigegeld zusammenkratzte. Danke, Herr Sperl.

Noch zwei Dinge kann man aus dem Büchlein lernen. Erstens: sass Konservatismus mehr sein kann als Volkstanz plus verschenkte Fördermillionen. Es muss in diesem Land einmal Leute gegeben haben - namentlich Altlandeshauptmann Josef Krainer sen. und der Volkskunde-Professor Hanns Koren -, die aus ihren tiefen katholischen Wurzeln, dem Einbruch von Modernität in der NS-Zeit und dem anschließenden Erschrecken über die Folgen aus der nüchternen Analyse des westlichen Liberalismus eine besondere steirische Ideologie gezimmert haben. Vielleicht sollte uns das mal jemand ganz systematisch erklären - so wie wir ja auch die Französische Revolution oder die Gegenreformation erklärt kriegen. Zweitens: Man lernt, dass die Steirer, auch die emigrierten, ein Verhältnis zu ihrer Geschichte haben wie sonst nur die Völker viel weiter südöstlich. Nichts ist vergessen, alles Gegenwart. Bei Sperl mischen sich unter die Grazer Herbstliteraten, ÖVP-Landesräte, kanadischen Investoren und kalifornischen Bodybuilder ganz unauffällig auch jede Menge Kaiser, Minnesänger, Gräfinnen und Arbeiterführer. Dieses lehrreiche Büchlein, so möchten wir schließen, gehört in die Hand eines jeden Jung- oder Neusteirers und darf auf keinem noch so roh gezimmerten Bücherbord fehlen.

Norbert Mappes-Niediek in FALTER 39/2005



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