Schwarzbuch Öl. Eine Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld

Thomas Seifert, Klaus Werner


Great Game

Gegenwart und Zukunft des schwarzen Goldes: Ein neuer Sachbuchthriller widmet sich dem Kampf ums Öl.

Haben Sie eine Ölheizung? Besitzen Sie ein Auto? Oder haben Sie bei einer Demo schon einmal ein "Kein Blut für Öl"-Poster hochgehalten? Wenn eine oder mehrere Charakterisierungen auf Sie zutreffen (ich hoffe nicht alle drei, denn das wäre schrecklich inkonsequent), dann wird Sie dieses Buch gewiss interessieren: "Schwarzbuch Öl - Eine Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld" von Ex-Falter- und jetzt News-Reporter Thomas Seifert und Sachbuch-Bestsellerautor Klaus Werner ("Schwarzbuch Markenfirmen"). Darin erfahren Sie, dass der Kampf um die Kontrolle der zentralen Ressourcenquelle an Schärfe gewinnt, dass die Nachfrage an Öl das Angebot übersteigt, dass die Entwicklung Chinas den Ölpreis in astronomische Höhen treibt. Und dass wir schleunigst versuchen müssen, neue Energiequellen zu erschließen, um unseren hohen Grad an Mobilität, Wohlstand und kostengünstigen Gütern erhalten zu können.

Nicht dass wir das nicht schon gewusst hätten. Aber Seifert und Werner führen detailreich vor Augen, was es in Geschichte, Gegenwart und Zukunft mit dem schwarzen Gold auf sich hatte und hat. Sie führen uns in die Geschichte des "US-Protektorats Saudi-Arabien" ein, referieren Amerikas Verbrechen, beginnend mit dem Sturz des linksnationalistischen iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh in den Fünfzigerjahren, und machen noch einmal deutlich, welche Zäsur der Beginn der Neunzigerjahre markierte: Für die USA war der Nahe Osten bis dahin zwar auch eine geopolitische Kernzone, aber sie hatten noch keine nennenswerten Truppen in der Region stationiert. Mit dem Golfkrieg änderte sich das.

Der Kampf ums Öl ist ein Poker, und die Autoren erzählen die Story wie einen Thriller. Im "Great Game" geht es für die Großmächte darum, den eigenen Zugang zu sichern und anderen im Notfall den Zugang zu versperren. An den besten Stellen verdeutlichen die Autoren, wo in der globalen Ökonomie die Grenzen des Marktliberalismus liegen: dort, wo um knappe Güter konkurriert wird. Da verlassen sich auch die Liberalen nicht mehr auf die "unsichtbare Hand" und das freie Spiel von Angebot und Nachfrage.

Die Autoren sind klug, routiniert und gewitzt genug, um an der Sollbruchstelle, die sich durch Bücher dieser Art immer zieht, vorsichtig entlangzuschreiben. Einerseits müssen sie - for the sake of the argument, wie die Briten sagen - so tun, als ließe sich nahezu jedes Geschehen auf der Welt monokausal aus dem Kampf um Öl ableiten. Da wird Öl kurzerhand zu einem der "zentralen Themen der ersten Fatwa Bin Ladens", als wäre mit der Ressourcenausbeutung und allem, was damit zusammenhängt - die Präsenz der US-Truppen in Saudi-Arabien etwa -, wirklich das Entscheidende in Hinblick auf die antiwestliche islamistische Revolte geklärt. Gleichzeitig wissen Seifert und Werner, und das unterscheidet sie von den Verfertigern platter Verschwörungstheorien, dass die Konkurrenz um Öl ein wichtiger Faktor, aber nicht der einzige Faktor welthistorischer Verwerfungen ist.

Kurzum: Das Buch gibt einen schnellen Überblick über eines der zentralen Themen unserer Tage und ist anschaulich geschrieben. Streckenweise zu anschaulich. Damit wir uns alles auch ganz genau vorstellen können, übersetzen die Autoren so ziemlich jede Mengenangabe. Jetzt wissen wir, dass der Weltölverbrauch pro Jahr "einem zwei Kilometer langen, zwei Kilometer breiten und drei Meter tiefen See entspricht" und dass der Ruß der brennenden Ölfelder nach dem Golfkrieg 1990/91 ausgereicht hätte, um "einen 25 Kilometer langen Güterzug" zu füllen.

Ehrlich gesagt kann ich mir einen solchen Zug auch nicht plastischer vorstellen als die drei Millionen Barrel Rohöl, die damals verfeuert wurden.

Robert Misik in FALTER 39/2005



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