Zeitlupe

J.M. Coetzee, Reinhild Böhnke


Der Weg allen Fleisches

Mit "Zeitlupe" legt Nobelpreisträger J.M. Coetzee einen Roman über die drastisch verlangsamte Existenz eines verunfallten Mannes vor.

Der in Kapstadt geborene und vor drei Jahren von Südafrika nach Australien übersiedelte J.M. Coetzee ist der wohl höchstdekorierte Autor des Commonwealth. 2003 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Davor gewann er zweimal (1983 und 1999) den alljährlich für den besten Roman des Staatenbundes vergebenen Booker Prize - etwas, was außer Coetzee bislang nur dem Australier Peter Carey gelungen ist (und dieses Jahr Kazuo Ishiguro gelingen könnte).

"Zeitlupe" ist Coetzees erster Roman nach dem Nobelpreis und hat es immerhin auf die 17 Anwärter umfassende Longlist des heurigen Booker Prize geschafft. Der Originaltitel lautet "Slow Man" und ist in dieser Schlichtheit vermutlich wirklich nicht zu übertragen. Macht aber nichts, denn zumindest für den Beginn des Romans passt "Zeitlupe" ausgezeichnet: Auf einer Seite beschreibt er jenen Unfall, der das Leben von Paul Rayment innerhalb weniger Sekunden grundlegend verändern wird, wovon dieser aber während des Geschehens überhaupt nichts ahnt: "Enstpanne dich!, ermahnt er sich, während er durch die Luft fliegt (mit größer Leichtigkeit durch die Luft fliegt!), und tatsächlich spürt er, wie seine Gliedmaßen gehorsam erschlaffen. Wie eine Katze, sagt er sich: rolle ab und spring dann auf die Füße, bereit für das, was kommt. Auch das ungewöhnliche Wort geschmeidig taucht auf."

Von großer Leichtigkeit und Katzenhaftigkeit kann freilich nicht, oder besser: eben nur die Rede sein. Sobald das Wort Fleisch geworden ist, haben die Ärzte das Sagen, und so sehr sie sich auch um verbale Abwiegelung bemühen, bleibt die Botschaft doch unmissverständlich: "Ihr Bein wurde ziemlich zugerichtet. Wir schauen uns das mal an und werden sehen, wie viel wir davon retten können."

Viel ist es nicht - ein Stumpf oberhalb dessen, was einmal ein Knie war. Und Paul, sechzig, drahtig, großgewachsen und bis zu seinem Unfall "der Typ Mann, der trotz aller Exzentrizität über neunzig werden mochte", findet sich mit den Augen anderer als pflegebedürftigen alten Opa taxiert. Er reagiert darauf verbittert, zornig, unversöhnt. Der junge Mann, der den Unfall verschuldet hat und ihn im Spital besucht, wird von ihm ohne versöhnliche Geste wieder entlassen, die aufdringliche Schwester, die ihn pflegt und durch ihr infantilisierendes Gewäsch nervt ("wenn er will, dass Sheena seinen Schniepel wäscht, dann muss er ganz lieb drum bitten"), wird er ebenfalls los. Ihre Nachfolgerin Marijna aber, eine Kroatin, die mit ihrer Familie nach Australien ausgewandert ist, nimmt sich seiner auf professionelle und doch wohltuende Weise an und wird bald zum Fixpunkt seiner Gedanken und Fantasien. Paul, der eine gescheiterte Ehe hinter sich und - im Unterschied zu seiner Exfrau - keine Kinder hat, fühlt sich zu Marijna hingezogen, auch wenn er sich nicht ganz im Klaren darüber ist, welcher Natur seine Gefühle sind: Liebe? Begierde? Sentimentalität?

Eine alte Freundin, mit der er einmal eine kurze Affäre gehabt hat, tritt auf und wieder ab, nachdem Paul sich den eindeutigen Fragen und Angeboten stur widersetzt hat - eine Widerstandskraft, die der an sich eher leidenschaftslose ehemalige Fotograf gegenüber der indifferent bleibenden Marijna nicht aufzubringen in der Lage ist, bis sich die in einsamen Wunschvorstellungen aufgestaute Emotion in einem Geständnis Bahn bricht. Es führt freilich nicht zum erhofften Resultat, sondern lediglich dazu, dass das Verhältnis zwischen Marijna, deren Familie und dem zu allerlei Wohltaten wild entschlossenen Paul - er will Marijnas 16-jährigen Sohn Drago ein kostspieliges College finanzieren - noch komplizierter wird. Zu allem Überfluss quartiert sich kurz darauf auch noch Elizabeth Costello in Pauls Wohnung ein, ohne dass sich der unfreiwillige Quartiergeber dieser und anderer Zudringlichkeiten Costellos zu erwehren vermöchte.

Für Coetzee-Leser ist Elizabeth Costello eine alte Bekannte: Der Autor hat unter ihrem Namen Vorträge gehalten, er hat sie zur Protagonistin seines Romanes "Elizabeth Costello" gemacht, wo sie ihrerseits umstrittene Vorträge unter anderem über die Ähnlichkeit von Tierschlachthäusern und KZs hält. Warum sie nun auch in "Zeitlupe" wieder aus der Schachtel gekramt und abgestaubt wurde, bleibt einigermaßen rätselhaft. Gewiss, die ebenso vitale wie anstrengende alte Dame gibt eine patente Kontrastfigur zu dem in den eigenen Wunschfantasien verstrickten Paul ab, man fragt sich nur, was der Roman dadurch gewinnt, dass er nun auch noch dieses meta-fiktionale Konstrukt durch seine Kulissen schiebt. Was er verliert, ist hingegen klar: Tempo und Überzeugungskraft.

Schon möglich, dass uns über die Figur der Elizabeth Costello, die Paul zu einem einigermaßen bizarren erotischen Treffen mit einer angeblich erblindeten Frau anstiftet, einiges über die manipulative Kraft von Literatur, über die Allmachtsfantasien von Autoren und deren dann eben doch nicht uneingeschränkte Macht über ihre Figuren vermittelt werden soll. Aber haben wir das nicht ohnedies gewusst, zumindest aber geahnt? Und bietet uns "Zeitlupe" in dieser Hinsicht mehr als weitere Ahnungen? Ahnungen und Wahnungen eines Autors von hohem Verstand, der sich hier verrannt und einer verflossenen Flamme seiner Fiktion zu einem weiteren Auftritt verholfen hat?

Alles deutet darauf hin. Zum Glück kriegt der Roman - im Gegensatz zu seinem Protagonisten, der noch immer keine Prothese will - dann doch noch beide Beine auf den Boden. Schließlich wächst einem sogar die enervierend resolute Costello ans Herz, wenn sie nun ihrerseits versucht, Paul für ein bisschen emotionale Altersversorgung einzuspannen und ihrem Erfinder Gelegenheit gibt, seine preiswürdigen und preisgekrönten Stärken voll auszuspielen: Eine bis an die Grenze der Mitleidlosigkeit gehende Beobachtungsgabe für die keineswegs nur amourösen Zumutungen, die das Leben im fortgeschrittenen Stadium bereithält. Elizabeth und Paul gemeinsam im Liegerad aus dem Roman fahren zu sehen: Es wäre schön, es wäre aber wohl zu schön gewesen, um noch gut gelogen zu sein. Ein guter Abgang also für Elizabeth Costello, der J.M. Coetzee nun vielleicht doch einen geruhsamen Lebensabend im Heim für abgelegte Romanfiguren gönnen sollte.

Klaus Nüchtern in FALTER 39/2005



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