Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der...

Franzobel


Fresser, Ficker, Furzer

Wenn in Stalingrad geschossen wird, fällt in Wien ein Motorradl um: Franzobels biedermeierlich-anarchisches Opus magnum "Fest der Steine".

Von niemandem soll man verlangen, was er nicht geben will oder kann, auch nicht vom oberösterreichischen Dichter Franzobel. "Weltliteratur" zum Beispiel, einen Schelmenroman, eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts oder einen Argentinien-Roman: Wenn wir das erwarten, werden wir enttäuscht. Wenn wir dagegen einen Heimatroman erwarten, die Parodie eines historischen Romans, ein Buch voll Slapstick, Klamauk, biedermeierliche Anarchisieren, ein Schlaraffenland der Fresser, Ficker und Furzer als Utopie, dann werden wir zu unserer Zufriedenheit bedient.

Nach den "Vergnügungsgedichten", Franzobels letzter Publikation, dürfen wir nun ein fettes, fülliges Stück Unterhaltungsliteratur genießen. Ehrliches Handwerk, kein Etikettenschwindel: Hereinspaziert in die Franzobel'sche Wunderkammer! Eine Zirkusnummer folgt auf die andere, eine Ficknummer auf die Fressnummer und umgekehrt. Wer's nicht glaubt, soll selber lesen - 644 Seiten lang.

Manchmal aber, manchmal möchte man glauben, der Schmöker enthielte durchtriebene, in komödiantisches Understatement gekleidete Philosopheme in der Art eines Nestroy oder Wolf Haas; frappierende Lebensweisheiten, die wir immer schon erahnt, zumindest aber so noch nie vernommen haben. Zum Beispiel die austriakische Physikophilosophie, derzufolge sich die ewig leidende Menschheit in drei Gruppen unterteilt: Verdauung, Migräne und Rücken. Wobei das Franzobel'sche Spezialgebiet, die Verdauung, wiederum in zwei Gruppen zerfällt: Durchfall und Verstopfung. Ja, so lässt sich die sonst so undurchdringliche Welt mit einem Schlag erhellen.

Oder, ein anderes Beispiel, die Darstellung der gesellschaftstrukturierenden Neidkette von der Fliege, die gern wie ein Vogel sein möchte, bis zum Firmenboss, der lieber eine Fliege machen würde. Oder der Pfusch als Grundlage der Wirtschaft: "eine Religion, ein mächtiges, alle ernährendes System. In sechs Tagen hat Gott die Welt erschaffen und am siebten ging er pfuschen." Einen Sack solcher Welterklärungen hat Franzobel parat. Schade nur, dass er für deren Anwendung keine Zeit hat, muss er doch weiter zur nächsten Geschichte - die Erkenntnis blitzt auf und verschwindet im Dunkel.

Schwer zu sagen, ob der Mangel an Konstruktion und Konsequenz Absicht ist oder nicht. Bei einer Poetik, die durchwegs mit Fehlern arbeitet (statt sie zu vermeiden), lässt sich nicht entscheiden, ob ein Fehler beabsichtigt ist oder nicht. Also wohl beides: manchmal ja, manchmal nein. Einerseits merkt man das Bemühen, alles Argentinische, Spanischsprachige im Roman sauber zu lektorieren, andererseits wird an manchen Stellen dennoch deutlich, dass da jemand nicht sattelfest ist. 1957, wenn wir uns in dem Durcheinander der Zeitebenen richtig orientieren, soll die Hauptfigur namens Wuthenau sich mit der peronistischen (nicht perónistischen) Bürokratie herumschlagen, dabei war es im wirklichen Argentinien zu diesem Zeitpunkt verboten, auch nur den Namen "Perón" öffentlich auszusprechen.

Aber zwei Jahre auf oder ab, das fällt in den Bereich dichterischer Fantasie. Und beim Fantasieren kennt der Franzobel keine Grenzen - darin liegt seine Stärke, seine Energie, seine Anarchie. Zum Beispiel Perón (oder Perron), das hat doch etwas mit der Eisenbahn zu tun? Also wird der Peronismus flugs zu einer Eisenbahnerideologie. Der österreichische Sprachwitz macht Geschichte, biegt sie um, nimmt sie in seine Dienste. Irgendwie kriegt es der Dichter immer hin, große Ereignisse wie die Schlacht von Stalingrad, den historischen 30. Dezember 1942, mit den Unfällen und Zufällen seiner komischen Figuren in Verbindung zu bringen. Wenn es sein muss, lässt er eben zeitgleich zum Fall von Stalingrad ein Motorrad in den Donaukanal fallen und bastelt flugs eine Philosophie des Verfalls zusammen. Aber Moment, Stalingrad ist ja gar nicht gefallen ... Nun, dem Roman tut das keinen Abbruch.

Täuschen wir uns, wenn wir da und dort eine besinnliche Franzobel-Stimme zu hören vermeinen? In der überwältigenden Umgebung des Klamauks und der Witzfiguren geht sie zwangsläufig unter. In einer Straßenszene tritt ein Mann auf, der erzählt, dass sein Sohn von den Henkern der Militärdiktatur zu Tode gefoltert wurde. "Man hat ihnen Rohre in den Arsch gesteckt, den Mädchen in die Vagina, dann eine Ratte reingestopft, die sich aus lauter Todesangst einen Weg ins Freie fraß." Keine Angst, es wird nicht wirklich ernst. Der Bericht des Vaters steckt wie ein Fremdkörper im Ulk und verliert dort alles Schreckliche. Hat der Vater zunächst noch eine "wegwerfende Geste" gemacht, weint er im nächsten Augenblick schon. In der Wunderkammer der Exzentrik können Tränen nur lächerlich wirken, dort ist nur für Witzfiguren Platz, deren Charakter nach Bedarf wechselt und die, sieht man von der Verdauung ab, keine Probleme haben, an denen sie sich abarbeiten müssten.

Entsprechend schief ist dann auch das, was sich als Romanarchitektur ausgeben will: eher sekundäres Layout denn Ergebnis einer literarischen Dynamik. Die sieben Todsünden ergeben sieben Abschnitte, aber die hübsche Passage mit der Neidkette kommt nicht im Neid-, sondern im Stolzkapitel vor. So ein Franzobel-Roman ist ein buntes Hundertwasserhaus, ein barockes Tortentrumm, ein Kaiserschmarren, ein Salzburger Nockerl - oder was es sonst noch an Fressmetaphern gibt, die sich nicht schämen, über ihren Schöpfer herzufallen.

Leopold Federmair in FALTER 38/2005



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