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Daniel Kehlmann


"Ich kann nicht rechnen"

Mit "Die Vermessung der Welt" ist dem Wiener Daniel Kehlmann ein unterhaltsamer und kluger Roman über zwei Wissenschaftsheroen des 19. Jahrhunderts gelungen. Ein Gespräch über Gauß oder Humboldt, Kant oder Hegel, Kino oder Theater - und andere lebenswichtige Entscheidungen.

Der aus München gebürtige, in Wien aufgewachsene und lebende Daniel Kehlmann ist einer der erfolgreichsten Autoren der jüngeren Generation. Bereits 1997 erschien bei Deuticke sein Debüt "Beerholms Vorstellung", mit dem Physiker-Roman "Mahlers Zeit" (1999) wechselte er zu Suhrkamp, wo auch sein bislang erfolgreichstes Buch, die Kulturbetriebssatire "Ich und Kaminski" (2003), herauskam. Mit seinem jüngsten Roman "Die Vermessung der Welt", der nun bei Rowohlt als Spitzentitel des Herbstes erscheint, wird der heute dreißigjährige Kehlmann seinen Ruf nicht nur im deutschen Sprachraum festigen: Übersetzungen in sieben Sprachen sind in Vorbereitung, bis Weihnachten hat der Autor 41 Lesungen zu absolvieren, darunter auch eine in New York. Außerdem wurde der Roman als einer von sechs für die Shortlist des erstmals vergebenen und mit 25.000 Euro dotierten Deutschen Buchpreises nominiert.

Falter: Sie sind Anfang des Jahres dreißig geworden. Als Mathematiker wär's damit für Sie weitgehend gelaufen.

Daniel Kehlmann: Richtig. Es ist ein Faktum, dass es keine bedeutenden mathematischen Entdeckungen von Leuten über dreißig gibt.

Die Literatur ist etwas gemütlicher.

Gott sei Dank!

War das der Grund, warum Sie sich für die Literatur entschieden haben?

Nein. Mein Interesse für die Naturwissenschaften ist ein literarisches. Ich wäre nicht in der Lage, in der Wissenschaft etwas Signifikantes zu leisten. Außerdem kann ich einfach nicht rechnen.

Wie war das in der Schule?

Ich hatte in Mathematik ganz gute, aber keine sehr guten Noten. Unsere Lehrpläne sind nicht darauf ausgerichtet, die Schönheit und Poesie von Mathematik zu vermitteln, sondern darauf, Kinder zu quälen.

Philosophie oder Literaturwissenschaft waren auch keine Optionen für Sie?

Doch. Ich habe ja auch ein philosophisches Studium abgeschlossen und eine Dissertation begonnen, die ich aber ziemlich bald liegen gelassen habe.

Worum wär's da gegangen?

Um das Erhabene bei Kant.

Woran ist Ihre philosophische Karriere gescheitert?

Unter anderem daran, dass es mit dem Schreiben so gut lief.

Sie haben jetzt mit dreißig ein Ruvre, dessen sich so mancher ältere Schriftsteller nicht zu schämen bräuchte - war das Konzept?

Nicht in sportlicher Hinsicht - und so gewaltig ist mein Ruvre ja nicht, denn unter den sechs Büchern sind auch sehr, sehr dünne dabei. Aber es ist tatsächlich so, dass das Dasein eines Schriftstellers, wie ich es begreife, schon auf die Hervorbringung eines Werkes zielt.

Haben Sie sich dabei an bestimmten Schriftstellern orientiert?

Jemand wie Vladimir Nabokov, den ich sehr verehre, denkt in Werkzusammenhängen, und das gefällt mir auch als Leser sehr gut - wenn da kleine Nebenfiguren nach 15 Jahren wieder auftauchen und die Bücher untereinander ein Gespräch führen.

Gibt es in der Abfolge Ihrer Bücher einen Plan? Sie sind mit der "Vermessung der Welt" zu Ihrem alten Thema zurückgekehrt, dazwischen war mit "Ich und Kaminski" auch mal die Welt der Kunst ein Thema.

Ohne es so geplant zu haben, habe ich mir mit "Ich und Kaminski" die Komik als Stilmittel erarbeitet. Als ich den jüngsten Roman schrieb, war mir gar nicht so klar, dass ich darin meine alten Themen eben auf komische Weise noch einmal aufgreifen konnte.

Ich muss gestehen, dass ich Ihre ersten Bücher tatsächlich ziemlich humorlos fand. Kann man sich so etwas einfach "anlernen"?

Das ist ja nichts Äußerliches, sondern man hat halt - zum Teil ganz überflüssige - Regeln, die festlegen, welche Teile der eigenen Person literaturfähig sind. Es ist immer mühevoll, mehr von sich in die Bücher hineinzubekommen.

Was hat denn die Prägung durchs Elternhaus für eine Rolle gespielt? Ihr Vater war ein ziemlich bekannter Fernsehregisseur, und ich nehme an, dass Sie in einem von Kunst geprägten Milieu aufgewachsen sind.

Die Entscheidung fürs Schreiben war - im Unterschied zu vielen anderen Autoren - jedenfalls kein Schritt gegen das Elternhaus, sondern eher so, wie wenn der Sohn eines Chirurgen Neurologe wird. Ich habe gewusst, dass man in künstlerischen Berufen überleben kann und dass man von schlechten Kritiken auch nicht umgebracht wird.

Haben sich die Schriftsteller in Ihrem Elternhaus die Klinke in die Hand gedrückt?

Eher die Schauspieler. Der Schriftsteller, den ich am besten gekannt habe, war Fritz Eckhardt, der wohl der erfolgreichste Dramatiker der Zweiten Republik sein dürfte: mit seinem Stück "Minister gesucht" und allen möglichen Fernsehserien. Diese Sachen sind ziemlich lustig! Als ich 16 war, hat mich der Fritz gefragt, was ich denn beruflich machen möchte. Ich habe geschluckt, dann aber ganz ehrlich geantwortet: "Ich möchte gerne schreiben." Ich habe schon den Kopf eingezogen, aber Fritz sagte: "Sehr gute Idee! Man verdient viel und hat keinen Vorgesetzten." Und ich muss sagen: Das ist eigentlich vollkommen richtig.

Der väterliche Beruf hat Sie nie interessiert?

Nein. Weil ich gesehen habe, wie viel Mühe es braucht, ein Projekt durchzusetzen. Beim Schreiben kann es mir passieren, dass etwas in der Schublade liegen bleibt, aber niemand kann mich darin hindern, es zu machen.

Wie wäre es mit der Verfilmung Ihrer eigenen Bücher?

Es sieht ganz gut mit einer Verfilmung von "Ich und Kaminski" aus, wo ich am Drehbuch mitgeschrieben habe. Ich gehe auch viel lieber ins Kino als ins Theater.

Was war die letzte Theateraufführung, die Ihnen Spaß gemacht hat?

Da kann ich mich gar nicht erinnern. Die letzte, über die ich mich wahnsinnig geärgert habe, war "Die Ziege" von Edward Albee. Ein furchtbarer Schmonzes, der zu einem Pseudo-Ibsen zerdehnt und überall gelobt wurde.

Und der letzte gute Film?

"Crash", der auf deutsch unter "L.A. Crash" läuft, ein Episodenfilm - das ist etwas, was im Kino immer wieder funktioniert. "Magnolia" etwa ist eines der großen unterschätzten Meisterwerke der letzten zehn, 15 Jahre!

Haben Sie Lieblingsregisseure?

Stanley Kubrick ist für mich wichtiger als die meisten Schriftsteller. Ohne das Vorbild "Barry Lyndon" hätte ich "Die Vermessung der Welt" nicht so geschrieben. Das hat miteinander nicht allzu viel zu tun, aber es geht um die Annäherung an ein historisches Thema, bei dem man Authentizität durch den Mut zur Künstlichkeit herstellt.

Sie hätten aus der "Vermessung" ja auch einen dicken, postmodernen Collageroman mit vielen fingierten und echten Zitaten machen können.

Genau das wollte ich nicht!

Weil es Ihnen auf die Nerven geht?

Weil die Zeit dafür vorbei ist. Das war neu, schön und wichtig, als die ersten Bücher dieser Art erschienen sind, aber jetzt würde ich das nicht mehr lesen wollen.

Wieso haben Sie sich gegen die direkte Rede entschieden?

Es sind ja gerade diese unter Anführungszeichen gesetzten Dinge, die Napoleon oder wer auch immer so gesagt haben soll, die einem das Gefühl von Trivialität vermitteln. Ob man die Figuren nun modern oder altertümelnd reden lässt - es bleibt beides furchtbar. Die Übertragung in die indirekte Rede eignet sich auch sehr gut für komische Effekte - "Humboldt sagte, nun würde es ihm aber zu blöd".

Wie stießen sie überhaupt auf Ihre beiden Helden?

Gauß war der größte Mathematiker aller Zeiten und hat dieses interessante, weil völlig ereignislose Leben gelebt. Also dachte ich, dass er allein zu wenig für einen ganzen Roman hergibt. Und als ich vor einigen Jahren Humboldt begegnet bin, fiel mir auf, wie unglaublich komisch der ist: Er stapft da in seiner Uniform durch den Urwald, alle um ihn herum kriegen Malaria und ihm passiert gar nichts - weil er einfach so konzentriert und preußisch ist.

Humboldt war der naturwissenschaftliche Bestsellerautor des 19. Jahrhunderts. Deswegen war auch dieses Getue um die Wiederentdeckung etwas seltsam.

Das Buch ist außerdem seit 150 Jahren permanent lieferbar, und dennoch ist es dem Eichborn Verlag gelungen, den Medien einzureden, es wäre die Neuauflage eines verschwundenen Werkes. Ein fantastischer Mediencoup!

Als doppelte Ironie kommt hinzu, dass der "Kosmos" ja eigentlich unlesbar ist.

Völlig unlesbar! Ein Albtraumbuch! Wenn, dann hätte man Humboldts Reiseberichte wieder auflegen müssen, die aber auch total unlesbar sind.

Und wie haben Sie nun Gauß und Humboldt glücklich zusammengebracht?

Ich bin einfach auf das Faktum gestoßen, dass sie einander im Jahr 1828 bei einem Naturforscherkongress begegnet sind, über den man sonst nichts Näheres weiß. Und weil ich mich zu der Zeit auch noch sehr viel mit lateinamerikanischer Literatur befasst habe, die stark von gespiegelten und zusammengefügten Geschichten lebt, kam mir die Idee eines Doppelromans mit zwei einander gegenübergestellten Lebensläufen.

Wie war es mit den Recherchen?

Es gibt den schönen Satz von Mario Vargas Llosa: "Ein Romancier lügt, aber er lügt in Kenntnis der Umstände." Ich habe sehr, sehr viel gelesen - was allerdings zu bewältigen war, weil es über Humboldt sehr viele Abhandlungen gibt, die einen Überblick herstellen. Ein Problem hingegen war Gauß, weil ich da wirklich ein bisschen Mathematik nachlernen musste. Das war der härteste Teil - so, als wäre ich in die Schule zurückversetzt worden.

Was ist denn die größte Dreistigkeit, die Sie sich geleistet haben?

Das erwähnte Goethe-Zitat über die Erziehung der Humboldt-Brüder ist fiktiv, so wie überhaupt alles, was im Entferntesten als Zitat auftaucht, erfunden ist. Wenn ich Quellen verwende, dann bleiben die unausgewiesen.

Weder Gauß noch Humboldt sind besonders sympathische, identifikationstaugliche Figuren, und Kaminski ist überhaupt ein Arschloch. Steckt dahinter eine Art negative Anthropologie?

Das wäre nicht das Schlechteste, was Literatur leisten kann. Nur finde ich meine Figuren nicht so unsympathisch. Kaminski halte ich für einen ganz famosen alten Knaben! Auch Gauß mag ich in seiner konsequenten Schlechtgelauntheit und völligen Gleichgültigkeit gegenüber gesellschaftlichen Konventionen sehr, auch wenn er nicht sehr freundlich mit seinem Sohn umgeht.

Der am Ende der "Vermessung" ins Zentrum des Interesses rückt.

Genau: Eugen befreit sich von seinem Vater und wird zu einem selbstständigen, erwachsenen Menschen. Insofern ist die Bewegung des Buches auch eine Absage an die genialen Charaktere. Wobei Humboldt ja gar keine wichtige Entdeckung gemacht hat und kein Wissenschaftler ersten Ranges - kein Darwin, kein Einstein und eben auch kein Gauß - geworden ist.

Aber er war ein großer Reisender dem es aber - im Unterschied zu Marco Polo, Samuel Johnson oder Henry Morton Stanley - nicht gelungen ist, einen Reisebericht vorzulegen, der in die Literatur eingegangen wäre. Was ich aber sowohl Humboldt als auch Gauß zugute halte, ist Idealismus.

Ihr Gauß versteht sich aber schon ganz gut aufs Geldmachen.

Das war ja auch beim historischen Gauß so; aber in der Forschung ging es ihm nicht ums Geld, sondern - wie auch Humboldt - in ganz ernsthafter Weise ums Wissenwollen.

Apropos Geschäftssinn: Sie sind nach sechs Jahren bei Suhrkamp nun der aktuelle Spitzenautor von Rowohlt. Wie kam das?

In den letzten zwei Jahren hat es bei Suhrkamp große personelle Umwälzungen gegeben. Und da man als Autor ja nicht mit einem Verlagsnamen zusammenarbeitet, sondern mit Menschen, habe ich mich nach manch schlafloser Nacht für Rowohlt entschieden, wo Leute arbeiten, die ich kannte.

Geld hat keine Rolle gespielt?

Nein, das kann ich guten Gewissens sagen. Ich glaube nicht an hohe Vorschüsse. Ich möchte ja länger in diesem Beruf tätig sein, und ein Vorschuss ist letztlich auch nur geborgtes Geld.

Die kolportierte Summe von 100.000 Euro für den Verlagswechsel ich wusste gar nicht, dass das kolportiert wird! Das ist überhaupt nicht wahr. Die Verträge werden von Buch zu Buch gemacht.

Für den Abschluss haben wir uns einen kleinen Test überlegt, bei dem Sie sich für eine der vorgegebenen Alternativen entscheiden müssen.

Jetzt kommen aber hoffentlich keine Rechenaufgaben?!

Nein, wir bleiben literarisch und philosophisch. Gauß oder Humboldt?

Gauß.

Kant oder Hegel?

Kant.

Flaubert oder Proust?

Proust. Proust ist für mich der größte Prosastilist aller Zeiten.

Tolstoi oder Dostojewski?

Definitiv Tolstoi. Wie George Steiner sagt: Man muss beide bewundern, aber man muss sich entscheiden. Letztlich ist es eine Spiegelung der Entscheidung zwischen Plato oder Aristoteles, also zwischen dem Metaphysiker oder dem Empiriker.

Das wäre unser nächstes Paar gewesen.

Meine Entscheidung fiele für Tolstoi und Aristoteles, aber schreiben würde ich über Dostojewski und Plato.

Plato oder Sokrates?

Sokrates, allein schon wegen der Apologie. Auch wenn die von Plato verfasst ist, ich weiß.

Heidegger oder Sartre?

Beide ungern, aber doch eher Sartre.

Sein oder Zeit?

Da würde ich sagen: Sein, denn wer stirbt schon gerne.

Tuchlauben- oder Schwedenplatz-Eis?

Eher Schwedenplatz, aber eigentlich Reumannplatz. Ich war mit sechs zum ersten Mal beim Tichy und bin ja quasi mit den Eismarillenknödeln aufgewachsen.

Armani oder Prada?

Ich fürchte, nun nähern wir uns den Bereichen, wo ich wirklich inkompetent bin. Meine Freundin fragt mich immer, wie es möglich ist, dass jemand so sehr keine Ahnung hat, welche Farben und welche Kleidungsstücke zueinander passen.

Sind Sie deshalb heute ganz in Schwarz gekleidet?

Ja, weil man mir gesagt hat, dass man damit nichts falsch machen kann. Aber nicht einmal das kann ich nachvollziehen. Ich bin also, was Mode angeht, wahrscheinlich der größte Idiot, den Sie je treffen werden.

Könnte das womöglich mit einer Farbsehschwäche zu tun haben?

Es wäre für mich sehr schmeichelhaft, das so interpretieren zu können.DER NEUE KEHLMANN

Bud Gauß und Terence Humboldt

Alexander von Humboldt (1769-1855) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855) darf man sich ein bisschen so vorstellen wie Bud Spencer und Terence Hill der deutschen Wissenschaftsgeschichte. Das Paar, das in Daniel Kehlmanns jüngstem, soeben erschienenen Roman "Die Vermessung der Welt" das Weltbild des 19. Jahrhunderts aufmischt, ist jedenfalls gut ge- und erfunden: Zwei Protagonisten, die vom Autor mit sichtlichem Vergnügen an mitunter durchaus slapstickhafter Zuspitzung als kontrastierende Charaktere angelegt sind und ihre so verschiedenen Lebensläufe doch einem gemeinsamen Wesenszug verdanken - dem Willen zum Wissen, dem alles untergeordnet wird.

Auf der einen Seite der aus niederem, aber wohlhabenden Adel stammende prüde und weitgereiste Humboldt mit seinem heldenhaften Hang, das Phänomen des elektrischen Stroms am eigenen Körper zu erkunden; auf der anderen Seite der aufgrund offenkundiger frühkindlicher Genialität den ärmlichen Verhältnissen des Elternhauses entkommene Gauß, ein in seiner selbstbewussten Soziopathie schon wieder beeindruckender Schollenkleber und Staudenhocker, unwirscher Familienvater und Freund des sexuellen Dienstleistungsgewerbes, der gleichwohl auch in der Hochzeitsnacht zum Schreibtisch taumelt, um astronomische Axiome zu notieren.

Es ist diese Personenkonstellation, die dem kurzweiligen und - in seiner knappen Syntax und der Abwesenheit jeglicher direkter Rede - ziemlich rasanten Roman noch zusätzliche Dynamik verleiht. Während Humboldt und sein sympathischer Expeditionsgefährte Aimé Bonpland in an die "Indiana Jones"-Filme erinnernden Actionsequenzen den natürlichen Kanal zwischen Orinoko und Amazonas entdecken, die Besteigung des Chimborazo erstaunlicherweise lebend und bei einigermaßen gesundem Verstand überstehen und im Vorbeigehen auch noch die mit fast religiösem Eifer von beiden Kirchen und Goethe vertretene Theorie des Neptunismus (der Erdkern ist aus hartem, kalten Gestein) wiederlegen, erledigt Gauß in jungen Jahren sein mathematisches Lebenswerk, um sich hernach als Sternwartedirektor und Universitätsprofessor mit impertinenten Dienern, ignoranten Herrschern und imbezilen Schülern herumzuschlagen. Und während Humboldt als international bekannter Star durch die Weiten Russlands reist, hockt Gauß beim Licht einer Öllampe in einer schalldichten Hütte und beobachtet die minimalen Bewegungen einer Eisennadel: "Man brauchte nicht auf Berge zu klettern oder sich durch den Dschungel zu quälen. Wer diese Nadel beobachtete, sah ins Innere der Welt."

Am Schluss aber öffnet sich der so diszipliniert konstruierte Roman noch überraschend und entlässt Gaußens in die Mühlen deutscher Politjustiz geratenen Sohn Eugen gen Westen: ein Normalo auf dem Weg in die Neue Welt - und ein Finale, das dem Spektrum wissenschaftsheroischen Borderlinertums noch den Farbtupfer eines sympathisch bodennahen Humanismus hinzufügt.

Klaus Nüchtern in FALTER 38/2005



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