Vollmond

F K Waechter


Der Traum, der bleibt

F.K. WAECHTER (1937-2005) Deutschlands leisester Humorgigant, der Zeichner, Theaterautor und Chefmelancholiker der Neuen Frankfurter Schule, Friedrich Karl Waechter, ist im Alter von 67 Jahren gestorben.

Eines meiner wenigen, wenn nicht gar mein einziges Erweckungserlebnis hatte ich Ende der Siebzigerjahre in der Singerstraße, vielleicht war's auch die Wollzeile. Jedenfalls stand da ein Buch in der Auslage, auf dessen Cover, sehr schön, nachgerade altmeisterlich hingetuscht, eine Gans zu sehen war, die einen Kopfstand in einem Schuh macht und sich denkt: "Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein." Im Hintergrund steht ein Schwein, guckt und denkt: "Toll." Ich aber machte mir praktisch in die Hosen vor Lachen.

Komik hat etwas Divinatorisches. Das Lachen schlägt ein wie der Blitz in den Scheißhaufen, den ein Mann in einer anderen Zeichnung desselben Meisters soeben in die Landschaft gestellt hat und sich nun, knapp dem Stromtod entronnen, denkt, dass ihm das jetzt wieder keine Sau glauben wird. Im Bruchteil einer Sekunde hat eine Erkenntnis von einem - quasi subzerebral - Besitz ergriffen: Das ist lustig! Wollte man es erklären, warum, wird es umständlich und oft auch ein bisschen langweilig.

Das 1978 im Zürcher Diogenes Verlag erschienene Buch mit dem schönen Titel "Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein" war das erste Cartoonbuch des 1937 als Lehrersohn in Gdansk geborenen Friedrich Karl Waechter, der in Hamburg eine Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker gemacht hatte und Anfang der Sechzigerjahre nach Frankfurt ging, um dort all jene Herrschaften zu treffen (es sind nun mal alles Männer, da ist nix zu machen: F.W. Bernstein, Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Peter Knorr, Chlodwig Poth, Hans Traxler ...), deren loser Verbund später als Neue Frankfurter Schule (NFS) bekannt werden und das blöde Klischee, "deutscher Humor" sei eine contradictio in adiecto, in den Boden rammen sollte. Als Flaggschiffe ihrer satirischen Geneigtheiten dienten der NFS das 1962 gegründete Pardon und die 1979 vom Stapel gelassene Titanic, für die Waechter im November 1980 ein wunderschönes Cover zeichnete, das im heutigen, rechristianisierungsfreudigen Deutschland schwer denkbar ist: Zu sehen ist ein Schaf, das "Der Papst kommt" ruft, während der in kopulierender Position hinter dem Schaf stehende Johannes Paul II. bestätigt: "Ich komme!", und aus einem im Hintergrund zu erblickenden Dorfkirche ein "Hurra" erschallt. Eleganter und pfiffiger war Blasphemie in diesen Jahren und Jahrzehnten nicht zu haben gewesen.

F.K. Waechter, der die Entwicklung von witzzeichnungsfähigem Material beim kollektiven Rumspinnen im Wirtshaus als eine seiner Lieblingsmethoden betrachtete, galt gleichwohl immer als der stille Chefmelancholiker der NFS. Als Tex Rubinowitz und ich ihn im Frühjahr 1991 in Frankfurt besuchten, erwies sich der verehrte Zeichner als zwar entgegenkommender und freundlicher, aber auch etwas einsilbiger Mann. Waechter war in diesem Punkt das schiere Gegenteil von Robert Gernhardt, mit dem er und Bernstein 1966 den mittlerweile legendären, damals aber schlagend erfolglosen Band "Die Wahrheit über Arnold Hau" herausgebracht hatten.

Anlass unseres Besuchs war das Erscheinen des Bandes "Mich wundert, dass ich fröhlich bin", in dem Waechter neben Cartoons auch vermehrt "ernsthafte" Zeichnungen oder Fotos von mit interpretierenden Unterzeilen versehenen Objets trouvés versammelte. Er habe, so erklärte Waechter damals im Interview, keine Lust gehabt, noch ein fünftes Cartoonbuch zu machen und immer nur komisch zu sein. Die Gefahr, ins gediegen Kunsthandwerkliche abzugleiten, war ihm dabei wohl bewusst: "Ich wollte mir einmal als Vierzigjähriger einen Brief schreiben, den ich als Siebzigjähriger öffnen sollte. Darin hätte gestanden, dass ich um Gottes Willen nicht das tun solle, was so viele Kollegen tun - nämlich, so wie Flora oder Searle, im Alter Kunstblätter machen und langweilig werden. Ich wollte mir klar machen, wie wichtig es ist, dass man noch als Greis die Sau rauslässt."

Daran hat Waechter, der in den letzten Jahren eine Reihe sehr schön gemachter, ziemlich schwermütiger und etwas enigmatischer Bücher veröffentlichte, in denen meistens Tiere als Protagonisten auftreten und existenzielle Themen verhandelt werden ("Hier bin ich", "Der rote Wolf", "Der Affe des Strandfotografen") nun der Tod gehindert, der in einer seiner Zeichnungen ("Tod endlich besiegt!"), nur den dritten Platz auf dem Siegerpodest einnahm. Am 16. September ist Waechter in Frankfurt im Alter von 67 Jahren dem Lungenkrebs erlegen.

Es sei falsch, so schrieb Kristina Maidt-Zinke in ihrem Nachruf in der Süddeutschen, Waechter "auf ewig nur mit den Ausgeburten seiner mittleren Schaffensphase in Verbindung zu bringen". Immerhin ist Waechter mit seinem "Anti-Struwwelpeter" zum zeichnenden Arm der antiautoritären Siebzigerjahre avanciert, er hat viel und oft Aufgeführtes für das Kindertheater geschrieben ("Kiebich und Dutz", "Schule mit Clowns").

Das hat sicher alles seinen Platz in der Geschichte ästhetischer Emanzipationsbewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, aber dennoch: Der Ruhm, den Roger Willemsen in seiner Eloge auf Waechters heuer erschienene Shakespeare-Neudeutung "Prinz Hamlet" für den Zeichner einforderte, er wird diesem wohl für seine Cartoonbuchklassiker zuteil werden, zu denen neben den bereits genannten auch noch "Es lebe die Freihei" (1981) und "Männer auf verlorenem Posten" (1983) zählen. Bilder über die Schieflagen des Lebens ("Schlampe, mein Schnaps rutscht"), über Ängste, Abgründe und Anmaßungen; Bilder, die uns mit den Zumutungen des Daseins auch ein bisschen versöhnen. Der Traum der Bergfrösche, der Drei-Biber-Cocktail, die Brustbehaarung wie Afrika oder der Hund im Putzwasser - sie werden in den Archiven der Kunstgeschichte vielleicht nicht zwischen Picasso und Duchamp abgelegt werden; dafür werden sie in unseren Hirnen und Herzen weiterleben. Es gibt unwürdigeren Nachruhm.

Klaus Nüchtern in FALTER 38/2005



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