Extrem laut und unglaublich nah

Jonathan Safran Foer


Darüber muss man schreiben

Literatur-Wunderkind Jonathan Safran Foer stellt in Wien seinen Roman "Extrem laut und unglaublich nah" vor, in dem er aus der Sicht eines Wunderkinds über 9/11 und andere Katastrophen schreibt.

Es fiele leicht, dieses Buch gnadenlos zu verreißen. In "Extrem laut und unglaublich nah" hat sich der 28-jährige US-Erfolgsromancier Jonathan Safran Foer ("Alles ist erleuchtet") einigermaßen übernommen. Er schreibt nicht nur über 9/11, sondern auch über die Katastrophen von Dresden und Hiroshima, obwohl er über die beiden letzten wenig zu sagen hat.

Gut ein Drittel dieses Romans ist unnötig, manches nachgerade ärgerlich - vor allem, dass Foer über die Terroranschläge auf New York, die Bombardierung Dresdens und die Atombombe so schreibt, als seien sie alle eins. Hier finden sich alle Katastrophen ohne Beachtung ihres Kontexts gleichgeschaltet.

Man möchte "Extrem laut" immer wieder zur Seite legen, enthielte dieser Roman in seinem Kern nicht eine sehr gelungene Story, deretwegen man hin und her gerissen weiterliest. Die Geschichte handelt von Oskar Schell, einem neunjährigen, neunmalklugen und trotzdem sehr sympathischen Bewohner New Yorks, der sich auf seiner Visitenkarte als Erfinder, Schmuckdesigner, Frankophiler und Veganer ausweist.

Oskar, eine deutlich an Oskar Matzerath aus Günter Grass' "Blechtrommel" angelehnte Figur, wandert mit seinem Tamburin (Lieblingsstück: "Der Hummelflug") durch die Straßen der Stadt. Er ist auf der Suche nach Spuren seines Vaters, der sich an 9/11 im Restaurant Windows on the World auf der Spitze des World Trade Centers befand und dessen plötzlicher Tod ihn in Verzweiflung gestürzt hat.

Neben der Trauer sind es auch Schuldgefühle, die Oskar zu seinen langen, langen Wanderungen durch New York bewegen: Auf der Mobilbox seines Handys befinden sich Nachrichten des Vaters, aufs Band gesprochen wenige Minuten vor dem Zusammenbruch des Nordturms des WTC. Den allerletzten Anruf hat Oskar sogar entgegengenommen, reagierte darauf allerdings derart paralysiert, dass er seinem Vater nicht antworten konnte. Nur dessen Stimme bleibt ihm im Ohr: "Bist du da? Bist du da?"

Foers Roman ist ein Buch über Leid und die Schwierigkeit, mit ihm zu leben. Wenige Sekunden können ausreichen, um einen Menschen nachhaltig zu beschädigen. Nur durch sisyphushafte Anstrengungen vermag er sich das Leben danach irgendwie erträglich zu machen: Oskar sucht in ganz New York nach einem Schloss zu einem Schlüssel, den er im Zimmer seines Vaters gefunden hat; Oskars Nachbar, der am 1. Jänner 1900 geboren wurde, unterhält eine riesige biografische Kartei der Protagonisten "seines" verrückten 20. Jahrhunderts; und die von Dresden traumatisierten Großeltern schreiben ohne Unterlass Briefe und an ihren Lebensgeschichten. "Extrem laut" ist auch ein Buch über Schreiben als Therapie. Miteinander sprechen können die Mitglieder von Oskars Familie nämlich nicht. Es täte Not, seinem Gegenüber zu sagen, dass man ihn liebt; allein, es passiert nicht: Worüber die Figuren in Foers Roman nicht reden können, darüber müssen sie schreiben.

Die Ergebnisse dieser Methode fallen sehr unterschiedlich aus. Einerseits gelingen Foer in den Oskar-Passagen - also wenn das 28-jährige Wunderkind durch das neunjährige Wunderkind spricht - immer wieder erstaunliche Bilder. "Wir brauchen riesengroße Hosentaschen", heißt es da einmal, "Hosentaschen für die ganze Familie und alle Freunde und auch die Menschen, die nicht auf unserer Liste stehen, Menschen, denen wir nie begegnet sind, die wir aber trotzdem beschützen wollen. Wir brauchen Hosentaschen für Stadtbezirke, ja für ganze Städte, eine Hosentasche, in die die ganze Erde passt." Andererseits meinte Foer wohl, nach dem Erfolg von "Alles ist erleuchtet" wiederum einen multiperspektivischen Roman schreiben zu müssen. Die Passagen aus der Sicht des Großvaters, eines nach Dresden und dem Verlust seiner großen Liebe stumm gewordenen Mannes, gerieten im Gegensatz zu jenen des ukrainischen Übersetzers in seinem Debüt jedoch zu einem mittleren Fiasko. Mal wirken sie allzu mechanisch durchexerziert, mal grotesk verkitscht.

Manchmal verlässt Foer die Sprache auch ganz, und er lässt Bilder sprechen, ganze Seiten frei oder eine Figur ihr nicht in Worte fassbares Leid in seitenlangen Zahlenkombinationen ausdrücken. Das sind Spielereien aus der Trickkiste der Postmoderne und geben dem schablonenhaften Umgang auch nicht mehr Tiefe. Wer über Dresden schreibt, muss sich an Kurt Vonneguts "Schlachthof-5" messen lassen. Der Vergleich macht Sie sicher.

Hätte sich der Autor auf Oskar und die 9/11-Geschichte konzentriert, wäre hier ein großer Roman kleinen Umfangs entstanden - eine berührende Schilderung kindlicher Trauer, die mit der Fantasie endet, dass der Vater das WTC wieder hinauffliegt. So aber ist "Extrem laut" ein recht dicker Roman, der mit dem historischen Material hilf- bis sorglos umgeht. Es fiele leicht, ihn wegen dieser Schwächen gnadenlos zu verreißen. Stattdessen sollte man in nächster Zeit besser viel über dieses seltsame Buch schreiben - oder noch besser: reden.

Sebastian Fasthuber in FALTER 37/2005



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