Die Welt, an der ich schreibe

Kurt Neumann


Gelehrt und entfedert

Das Literarische Quartier der Alten Schmiede feiert seinen 30. Geburtstag und kann auf eine imposante Geschichte zurückblicken: In der Schönlaterngasse 9 lasen Tausende von Schriftstellern - darunter fünf Nobelpreisträger.

Das weltliterarische Epizentrum Wiens befindet sich nicht in einem großzügig dimensionierten Literaturhaus mit angeschlossener Restauration, sondern in einem kleinen, mit amphitheaterähnlichen Bänken versehenen Raum, der eher für Volkshochschulkurse im Peddigrohrflechten denn für Dichterlesungen geeignet scheint. Was nichts daran ändert, dass das Literarische Quartier in der Schönlaterngasse 9 seit dreißig Jahren ein Programm bietet, das international kaum Vergleichbares kennt: 4149 Veranstaltungen mit Autorinnen und Autoren aus siebzig Ländern - unter ihnen auch fünf Nobelpreisträger - haben hier seit der Gründung im Jahr 1975 stattgefunden.

Leiter des Literarischen Quartiers ist seit dem Frühjahr 1977 Kurt Neumann, der von seinem Vorgänger, dem damals ans Burgtheater wechselnden Dramaturgen Reinhard Urbach, "zum richtigen Zeitpunkt angerufen" wurde: Neumann hatte sein Medizinstudium zwar schon abgeschlossen, allerdings noch keine Stelle. Der weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Ruf des Literarischen Quartiers verdankt sich nicht zuletzt dem Engagement seines Leiters, der die Lesungen, Werkstattgespräche und Symposien auch persönlich einzuleiten pflegt und mitunter auch noch nachträglich kommentiert - in per E-Mail versandten "Ermunterungsbriefen", die zuweilen auch den Charakter leicht pastoraler Ermahnungen annehmen können.

Neumann, der vor und neben dem Literarischen Quartier auch Lesungen, Stadtfeste und Konzerte (unter anderen mit Friedrich Gulda) in seiner Heimatstadt Gmunden veranstaltete, ist gerade aufgrund dieser Erfahrung davor gefeit, Literatur für ein Produkt wie jedes andere zu betrachten: "Man kann das Literarische nicht so professionalisieren wie die Musik. Die Zeiten, die mit einer konkreten Veröffentlichung verbunden sind, machen nur sehr kurze Momente aus. Die entscheidenden Phasen der literarischen Existenz liegen dazwischen." Aus dieser Kenntnis heraus spielen Lesungen aus Neuveröffentlichungen im Literarischen Quartier zwar eine wichtige, aber nicht die Hauptrolle. Entsprechend sieht Neumann das Literarische Quartier eher in der Nähe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung angesiedelt denn als klassisches Literaturhaus.

Das Programm des Literarischen Quartiers hat sich nie am Markterfolg orientiert, sondern dreißig Jahre lang versucht, die bestehenden literarischen Sprachen herauszuarbeiten und öffentlich sichtbar zu machen", beschreibt der Schriftsteller Josef Haslinger das "konsequente Konzept" Neumanns, mit dem gemeinsam er ein Jahrzehnt lang die "Wiener Vorlesungen zur Literatur" konzipiert hat. Haslinger, der heute eine Professur am populären und produktiven Deutschen Literaturinstitut Leipzig innehat, erinnert sich an den Impuls hinter den "Wiener Vorlesungen": "Sie wurden gegründet, als der in den Siebzigerjahren noch sehr lebendige literarische Diskurs - und manchmal durchaus auch Streit - in Österreich zu versickern drohte und ästhetische Positionen gehandelt wurden, als wären sie Federn, die sich jeder nach Gutdünken anstecken kann. Wir wollten deutlich machen, dass sich dahinter die Erfahrung und die Haltung eines Autors verbirgt. Ich glaube, dass das Literarische Quartier über dreißig Jahre die Literatur ernster genommen hat als jedes andere Literaturhaus im deutschen Sprachraum."

Das manifestiert sich nicht zuletzt in den Honoraren. Während sich die Lage in den letzten Jahren wieder verschlechtert hat und öffentlich subventionierte Literaturhäuser weit davon entfernt sind, den schon vor Jahren geforderten Mindestsatz von 3000 Schilling bzw. 250 Euro zu bezahlen, war das Literarische Quartier von jeher für seine anständigen Honorare bekannt: "Unter 300 bis 350 Euro geht gar nichts", erklärt Neumann. Bestreitet ein Autor den ganzen Abend alleine, gibt es noch einmal 200 Euro mehr. Das ist einerseits Programm, verdankt sich aber auch dem Umstand, dass das Literarische Quartier "ein ständig sich prolongierendes Provisorium" ist, wie es Walter Famler formuliert, der seit Herbst 2002 als Generalsekretär des Kunstvereins Alte Schmiede im Amt ist.

Die sehr beschränkten räumlichen Kapazitäten - für mehr als hundert Zuhörer bietet das Literarische Quartier seriöserweise keinen Platz - machen die Zusammenarbeit mit anderen Veranstaltern zur Notwendigkeit: "Wir haben mit allen großen Institutionen außer dem Musikverein kooperiert, es waren sicher sechzig, siebzig Partner", sagt Kurt Neumann. Zu den Highlights unter den großen Veranstaltungen zählen unter anderem das von Josef Haslinger organisierte Symposium "Literatur und Macht", bei dem 1800 Leute in den Großen Saal des Wiener Konzerthauses kamen. "Es gab eine bestimmte Phase Anfang der Achtzigerjahre, da hätte man mit Erich Fried allein in Wien sicher fünf-, sechsmal eine Veranstaltung mit tausend Leuten machen können." Diese Zeiten sind heute vorbei. "Es gibt drei Dichter, die der Literatur bitter abgehen: Erich Fried, H.C. Artmann und Ernst Jandl. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie für alle Dichter waren, war politisch sehr wichtig. Diese Position nimmt meines Erachtens gesamtgesellschaftlich heute niemand mehr ein."

"Wenn Ernst Jandl las; was heißt las: Wenn sein Ballonkopf rot anschwoll und die Phoneme der Literatur ihren Bühnenauftritt feierten", erinnert sich Josef Haslinger, "musste man rechtzeitig da sein, um überhaupt noch bei der Tür reinzukommen". Und das kann noch immer erleben, wer sich bei Lesungen, etwa von Friederike Mayröcker oder Ilse Aichinger, nicht eine Weile vor der traditionellen Beginnzeit um 19 Uhr in der Schönlaterngasse einfindet. Natürlich war nicht allen Veranstaltungen der Alten Schmiede ein derartiger Publikumszuspruch beschert. Kurt Neumann erinnert sich an einen Abend, an dem drei Schweizer Autoren auf sechs Zuhörer trafen: "Es ergab sich aber ein so intensives Gespräch, dass es ein völlig geglückter Abend wurde." Vom geplanten Auftritt des Schweizer Schriftstellers Hermann Burger lässt sich das nicht behaupten: "Es waren zwei offizielle und zwei inoffizielle Angehörige der Schweizer Botschaft da. Sonst kam niemand. Auch Hermann Burger nicht. Er war eine Woche in Wien, und niemand wusste, ob er noch lebt. Wäre er gekommen, hätte er einen Tobsuchtsanfall gekriegt oder er wär gleich in den Donaukanal gegangen."

Neben Lesungen gab es zahlreiche Veranstaltungen, die zwischen politischer Manifestation, poetologischer Reflexion und Literaturwissenschaft sich - genre- und spartenübergreifend - daran machten, den Geheimnissen der Literatur nachzugehen. Darunter fanden sich auch kuriose Monstertitel wie "Das traurige Grinsen der Weisen: fortschrittlicher Pessimismus oder pessimistischer Fortschrittsglaube am Beispiel von Wielands ,Aristipp' und Herders Ideen zur ,Philosophie der Geschichte der Menschheit'". In allen zusammen fand mehr Kulturwissenschaft statt, als es sich zwei Jahrzehnte später all die Cultural Studies nur erträumen mochten.

Sperrig? Schon möglich. Aber selbst Lesungen mit mittlerweile im Kanon etablierten Schriftstellern waren mitunter nicht der große Renner, denn die Geschichte bestraft auch den, der zu früh kommt: Dass im Literarischen Quartier Autoren wie Cees Nooteboom, Harry Mulisch oder Italo Calvino gastierten, noch lange bevor sie zu international gefragten Stars wurden, wird nur allzu leicht vergessen. Es gibt allerdings sogar Autoren, die noch nie in der Alten Schmiede - so der populäre Titel des Literarischen Quartiers - gelesen haben. Am meisten bedauert das Kurt Neumann im Falle von Alexander Kluge. Auf die Frage, ob er lieber Goethe, Schiller, Kleist oder Hölderlin ins Literarische Quartier einladen würde, antwortet er "in der Zeitgenossenschaft und nicht aus der Retrospektive": "Es ist nahe liegend, entweder Kleist oder Hölderlin zu nehmen. Und da hängt's dann vom Terminkalender ab."

Es ist sich dann doch für keinen der Genannten ausgegangen. Im Unterschied zu den eingangs erwähnten fünf Nobelpreisträgern. Es waren übrigens - in der Reihenfolge ihres Auftretens: Elfriede Jelinek (erste Lesung: 1975/Nobelpreis: 2004), Elias Canetti (1979/1981), Günter Grass (1981/1999), Gao Xingjian (1985/2000) und Imre Kertész (1992/2002). Gut möglich, dass es noch ein paar mehr werden.

Erich Klein in FALTER 36/2005



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