Im Rausch der Stille

Albert Sánchez Piñol, Angelika Maas


Herr der Fischfrauen

Albert Sánchez Piñol unterzieht in seinem Roman "Im Rausch der Stille" auf einer abgeschiedenen Insel die Humanität einem Härtetest.

Der 1965 geborene Anthropologe Sánchez Piñol sorgte mit seinem Romandebüt "Im Rausch der Stille" in seiner Heimat für Furore. Im Original auf Katalanisch ( "La pell freda", also: "Die kalte Haut") erschienen, avancierte er in der spanischen Übersetzung ("La piel fría") zum Bestseller und wurde mit dem renommierten Literaturpreis "Ojo critico de narrativ" ausgezeichnet. Es geht um einen irischen Freiheitskämpfer, der seiner politischen Vergangenheit auf eine entlegene Insel am Rande der Antarktis enflieht, wo er für ein Jahr als Wetterbeobachter arbeiten will. Außer ihm lebt dort nur Batís Caffó, ein animalisch behaarter und völlig verwilderter Grobian, der außerdem - obgleich sein Name nicht gerade darauf hinweist - aus Österreich stammen soll. Warum sich Caffó im alten Leuchtturm verschanzt hat, erfährt der Ire bereits in der ersten Nacht: Menschenfressende Amphibienwesen, teils Lurch, teils Mensch, steigen aus dem Wasser, um den Inselbewohnern mit ihren schwimmhautbewehrten Tentakelarmen nach dem Leben zu trachten.

Bald bilden die beiden im Leuchtturm eine zum Äußersten entschlossene Wehrgemeinschaft. Kaum ist die Dunkelheit angebrochen, beginnt die wilde Jagd nach den "Froschkerlen". Die Gemetzel werden immer wilder, die Mittel brutaler. Erst wird mit Schaufeln und Äxten gekämpft, dann mit Gewehren. Schlussendlich werden ganze Inselabschnitte mit Dynamit in die Luft gejagt, bis das Eiland von Eingeweiden und Gliedmaßen der blaublütigen Bestien übersät ist, die freilich nicht weniger werden.

Das alles könnte ein veritables Fantasystück abgeben. Doch den Autor treiben höhere Ambitione und er ergeht sich in philosophischen, mythologischen und psychoanalytischen Betrachtungen über die Ränder des Humanen und den im Menschsein schlummernden Hang zum Bösen. Losgelöst von den Fesseln sozialer Konventionen und im Kampf um die nackte Existenz bricht bei den Insulanern das Autochthone ungehemmt durch.

Während Caffó den Kampf mit sadistischer Überlebensgier bis zum fatalen Ende geht, möchte der irische Icherzähler irgendwann Frieden schließen und sucht nach den Beweggründen, welche die Ungeheuer zu ihren Attacken treiben - vielleicht wollen sie ja nur ihr Territorium zurückerobern, das sie von Eindringlingen besetzt sehen? Die plötzliche Milde gegenüber den vermeintlichen Ausgeburten der Hölle beruht auch darauf, dass es der Ire heimlich mit Arenis treibt, einem primitiven, domestizierten, willenlosen Fischmenschenweibchen, das sich Caffó als (Sex-)Sklavin hält. Das "Maskottchen" putzt, kocht, lässt sich schlagen und ist im Bett oder Gebüsch dennoch scharf wie ein Haifischzahn: "O mein Gott, wie begehrte ich sie. Doch in jener Nacht bestand die größte Demütigung, die ich ihr zufügen konnte, darin, sie nicht anzurühren." Der Ire, dessen Triebe durch die wilde Einsamkeit gegen alle moralischen Hemmnisse immun geworden sind, verspürt pure Lust, entdeckt darin aber doch einen tieferen Sinn und spricht von Liebe.

Man kann "Im Rausch der Stille" als eine Allegorie auf die niederen Instinkte lesen, die uns der Anthropologe im Autor da vorführt; man kann auch von einer Parabel oder einer Reise ins Ich sprechen oder - wie das einige spanische Kritiker getan haben - in dem Werk einen an IRA und ETA gerichteten Friedensappell entdecken. Ähneln nicht die vorgeblich für die Freiheit kämpfenden Terroristen immer mehr den Unterdrückern (Großbritannien oder Spanien), ihren verhassten Gegnern? "Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken", lautet der erste Satz des Romans, bei dem eigentlich sofort alle Warnsirenen zu heulen beginnen müssten: Ahoi, hier schippert auf hoher See Tiefsinniges daher. Tatsächlich aber segelt Sánchez Piñol in sehr seichten Gewässern.

Edgar Schütz in FALTER 35/2005



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