Der Nürnberger Prozess. Eine Entmystifizierung

Hellmut Butterweck


Nürnberg, entmystifiziert

Mit der Anklage gegen 24 hochrangige NS-Funktionäre am 18. Oktober 1945 betraten die englischen, amerikanischen, französischen und russischen Juristen Neuland. Der Nürnberger Prozess war ohne Vorbild. Hellmut Butterweck zeichnet in einer groß angelegten und demnächst erscheinenden Studie den Verlauf des Nürnberger Prozesses nach. Er schildert die Überlegungen der Alliierten, analysiert den Prozessverlauf, kommentiert die Urteile. Die Darstellung ist anschaulich, gut lesbar und wohltuend nüchtern.

Im Mittelpunkt des Buches steht der Mordprozess gegen die Angeklagten. Hier wurden Verbrecher abgeurteilt: Göring, Heß, Ribbentropp, Frank, Dönitz, Jodl, Seyß-Inquart. Ihnen konnte im Strafverfahren die persönliche Schuld am vieltausendfachen Tod nachgewiesen werden. Der Nürnberger Prozess war aber nicht nur Strafprozess, sondern auch ein politischer Prozess. Das besondere Verdienst an Butterwecks Darstellung liegt darin, den Parallellauf von politischem Prozess und dem Mordprozess deutlich zu machen. Dabei lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass der Nürnberger Prozess auch heute noch Vorbild sein kann - und er lässt auch keinen Zweifel daran, dass man es heute besser machen muss. Damals freilich hätte man es kaum besser machen können.

Vieles am Nürnberger Prozess ist missraten. Das meiste aber ist - auch aus heutiger Sicht - gelungen. Gegen alle revisionistische Propaganda bleibt daher festzuhalten: Nürnberg ist ein Denkmal der Rechtsstaatlichkeit in einem Jahrhundert der Verbrechen. Das Urteil wurde von Siegern gesprochen. Sie sprachen mit erstaunlich juristischen Ernst Recht. Der Versuch, nach Krieg und Völkervernichtung die Verantwortlichen juristisch zur Rechenschaft zu ziehen, hatte Vorbildcharakter. Der Internationale Strafgerichtshof wäre ohne das Beispiel Nürnberg nicht denkbar. Und würde man die Grundsätze des Nürnberger Urteils konsequenter anwenden, dann säßen dort amtierende Präsidenten und Regierungschefs aus aller Herren Länder.

Alfred J. Noll in FALTER 34/2005



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