Verschwörung gegen Amerika

Philip Roth


This is (not) America

Philip Roth liefert mit "Verschwörung gegen Amerika" einen Beweis für literarischen Möglichkeitssinn: Die USA werden faschistisch.

Die sogenannte "historische Notwendigkeit" ist, wo sie nicht schlechterdings zur Legitimation von Gräueltaten dient, die im Dienste irgendeines "höheren" Interesses begangen werden, eine im Nachhinein konstatierte, manche würden sagen: konstruierte. A posteriori lassen sich Ereignisse mit großer Überzeugungskraft als unausweichlich darstellen.

Gegen diese normative Kraft des Faktischen opponiert der Möglichkeitssinn, der unter anderem in der Literatur eine verlässliche Bastion hat. "Was wäre, wenn?" war die Grundformel des genialen Vielschreibers Philip K. Dick (1928-1982), dessen Werk (aus gutem Grund) der Science-Fiction zugerechnet wird. Entgegen der landläufigen Meinung muss diese aber durchaus nicht notwendig in fernen Galaxien und Zeiten verankert sein. Dicks Roman "The Man in the High Castle" etwa spielt 1962 (dem Jahr seines Erscheinens), allerdings in einem Amerika, das den Krieg verloren hat und nun von Japan und Nazideutschland besetzt ist. Dick hat mit seinem Roman einen Klassiker eines Genres verfasst, das heute unter dem Namen alternate history, also in etwa: "Alternativ-Geschichte" bekannt ist; berühmtest Beispiel aus jüngerer Zeit: Robert Harris' "Vaterland".

Nun hat Philip Roth, im Übrigen nur vier Jahre jünger als Philip K. Dick, dieses Genre um einen weiteren Roman bereichert: "Verschwörung gegen Amerika" ("The Plot Against America", 2004). Wieder führt er uns nach Roth-Country, ins jüdische Milieu von Newark, New Jersey - allerdings unter maßgeblich veränderten Vorzeichen: Der demokratische Präsident Franklin Delano Roosevelt wird im November 1940 nicht als erster amerikanischer Präsident für eine dritte Amtszeit gewählt, sondern unterliegt seinem republikanischen Herausforderer, der hier nicht Wendell L. Willkie, sondern Charles Lindbergh heißt.

Die Voraussetzungen dieses literarischen Gedankenexperiments sind nicht einmal übertrieben kühn: Lindbergh, dem 1927 der erste Nonstop-Alleinflug über den Atlantik gelang, war ein charismatischer Volksheld und allgemein bekannter Antisemit, der 1938 von Göring in Berlin mit dem Deutschen Adlerorden ausgezeichnet worden war - eine Auszeichnung, die er trotz heftiger Attacken (Roosevelts Innenminister Harold L. Ickes bezeichnete Lindbergh als "amerikanischen Nazisympathisanten Nummer eins") nicht retournieren mochte, weil er fürchtete, Nazideutschland dadurch "unnötig zu beleidigen". Was nun, wenn sich Lindbergh, der die USA aus einem Krieg gegen die Achsenmächte heraushalten wollte, tatsächlich gegen den von seinen Gegnern als "Kriegstreiber" verunglimpften Roosevelt durchgesetzt hätte?

Von dieser in politischen Details ausgefeilten und bei aller Drastik doch keineswegs plumpen Spekulation zehrt "Die Verschwörung gegen Amerika". Der Titel ist von einer subtilen Mehrdeutigkeit, denn zum einen werden gegen Ende des Romans, nachdem Lindbergh im Zuge eines seiner zahlreichen, als feschistische Politshow inszenierten Soloflüge auf mysteriöse Weise verschollen bleibt, in der Tat eine Reihe wüster Verschwörungstheorien zitiert (eine davon etwa besagt, dass Lindberghs 1932 entführter Sohn nicht ermordet, sondern von den Nazis gekidnappt und als Druckmittel gegen den Vater eingesetzt wurde); zum anderen wirft er die Frage auf, um die sich die zusehends aggressiv respektive desperat geführten politischen Auseinandersetzungen in dem Roman drehen: Wer vertritt jenes Amerika, von dem Lindberghs isolationistische Kampagne besagt, es habe absolute Priorität?

Jeder politische Sprechakt beinhaltet die Anmaßung einer Repräsentanz: we, the people. In seiner Rede auf der Kundgebung des America First Committee vom 11. September 1941 hat Lindbergh davor gewarnt, dass "die Führer sowohl der britischen als auch der jüdischen Rasse uns aus Gründen, die unamerikanisch sind, in diesen Krieg hineinziehen" wollen. Soweit das historisch belegte Zitat. Für seinen Roman hat Roth den Rabbiner Bengelsdorf erfunden, der sich auf die Seite Lindberghs schlägt und diesen, wie es der Cousin des Icherzählers so treffend ausdrückt, "für die Gojim koscher machen" soll. Bengelsdorf, der später Tante Evelyn heiraten und damit für ein der großen familiären Konflikte im Hause der Roths sorgen wird und exemplarisch für die Position der Kollaboration steht, treibt die ideologische Vereinheitlichung voran, die alle abweichenden Meinungen zwangsläufig als "unamerikanisch" brandmarkt: "Wer sagt, er sei Amerikaner, aber auch noch etwas anderes, ist kein Amerikaner. Wir haben nur Platz für eine Flagge."

Dieser Platz bleibt indes nicht unumkämpft. Herman Roth, Versicherungsvertreter und Vater des Icherzählers, eines siebenjährigen Buben namens Philip Roth, kann den Gegensatz von "jüdisch" versus "amerikanisch" nicht akzeptieren: "Die bilden sich ein, dass wir uns nur einbilden, Amerikaner zu sein. (...) Die anderen? Er wagt es, uns die anderen zu nennen? Er ist der andere. Er sieht am amerikanischsten aus - und ist am allerwenigsten amerikanisch!"

Die "Verschwörung gegen Amerika" zeigt, wie Geschichte sich ereignet: "Geschichte ist alles, was irgendwo passiert. Sogar hier in Newark. Sogar hier in der Summit Avenue. Sogar was einem ganz gewöhnlichen Mann in einem Haus widerfährt - auch das ist eines Tages Geschichte."

Geschichte ist die Angst, die der kleine Philip erlebt, seitdem Lindbergh Präsident geworden ist und in der Folge davon die Familie zu zerbröseln droht: Alvin, der zur kanadischen Armee geht, um gegen die Nazis zu kämpfen, verliert sein Bein und in der Folge seine Selbstachtung, seine Überzeugung und entscheidet sich schließlich für eine Ganovenkarriere; Sandy, der ältere Bruder und talentierte Zeichner, bewahrt heimlich seine heroischen Lindbergh-Porträts unterm Bett auf und wird als Rekrutierungsbevollmächtigter für "Land und Leute" (das "freiwillige Arbeitsprogramm" des Amts für Amerikanische Eingliederung) zum enthusiastischen Rädchen der Lindbergh-Administration; die Mutter spart für die Flucht nach Kanada (dem Amerika später den Krieg erklären wird) und überwirft sich mit ihrer anpasslerischen Schwester Evelyn; und der Vater hat alle Hände voll zu tun, seinen bewundernswert sturen amerikanischen Patriotismus zu verteidigen.

Eine der besten und eindringlichsten Szenen des Romans beschreibt genau jenen Moment, in dem die verbürgte Faktizität literarisch ins Kippen gebracht wird: "Was wäre, wenn ...?" Die Roths besuchen Washington, finden sich ausgerechnet beim Besuch des Lincoln Memorial antisemitischen Pöbeleien ausgesetzt, worauf ihnen auch noch mit kaum verhohlener Unverschämtheit das Hotelzimmer verweigert wird - ein "Irrtum". In solchen Szenen, in denen Roth beschreibt, wie Geschichte sich vollzieht, indem sie den Alltag plötzlich in einen Albtraum verwandelt, ist der Roman am überzeugendsten.

Leider verliert die "Verschwörung gegen Amerika" im letzten Viertel stark an Schwung und Triftigkeit. Man gewinnt den Eindruck, der Autor habe das ungeheure Material an Fakten und Visionen mit zunehmender Lustlosigkeit den Lesern vor die Füße gekippt. Das lässt sich bald einmal als ästhetisch-philosophisches Kalkül verkaufen (der brutale Zugriff der Geschichte, der die narrative Eleganz individueller Sinnsynthesen notwendig zum Scheitern bringt), aber - hey! -, dass das Reale und wie wir es uns erzählend zurechtbiegen zwei verschiedene Paar Schuhe sind, haben wir eh schon immer gewusst. Dankbar tasten wir uns nach Absolvierung des zerfransten Romanendes zum Anmerkungsapparat vor und registrieren: So uninteressant ist die faktische Wirklichkeit ja auch wieder nicht. Über Fiorello H. La Guardia, den Dreifachbürgermeister von New York, sollten wir vielleicht mal mehr lesen. Imposanter Mann, das!

Klaus Nüchtern in FALTER 34/2005



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