Es geht uns gut

Arno Geiger


Familie Österreicher

Der Vorarlberger Arno Geiger verknüpft in seinen Roman "Es geht uns gut" virtuos die österreichische Geschichte seit 1938 mit der Chronik einer durchschnittlich kaputten Familie.

Kein Inzest, keine Nazis, keine Revolutionäre." Als Erstes musste sich Arno Geiger darüber klar werden, was er in "Es geht uns gut" alles nicht haben wollte. Der Stoff seines vierten Romans ist zu heikel, als dass er sich ohne gründliche Vorüberlegungen und Recherchen ausbreiten ließe. Erzählt wird die Geschichte einer Familie über drei Generationen, wobei man um die Geschichte Österreichs von 1938 bis zur Gegenwart nicht herumkommt.

Es geht um ganz normal kaputte Menschen, um eine bürgerliche Familie aus Wien: Der christlich-soziale Haushaltsvorstand, Richard, hat nach dem Zweiten Weltkrieg Karriere in der Partei gemacht und fehlt nur aufgrund eines blöden Zufalls auf den Staatsvertragsfotos. In den Sechzigerjahren wird er als Überbleibsel eines veraltet pflichtbewussten Politikverständnisses aufs Abstellgleis geschoben und weiß fortan nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll.

Die Frau an seiner Seite, Alma, hat Studium und Karriere für die Familie geopfert, ist aber nichtsdestotrotz ihrem Gatten sowohl emotional als auch intellektuell haushoch überlegen. "Ist es dir auch so ergangen", wird sie ihn am Ende, als er im Krankenhaus seinem Tod entgegendämmert, fragen, "dass du manchmal nicht mehr wusstest, hat Kaiser Franz Joseph jetzt vor oder nach Hitler regiert?"

Eminent zitierbar und doch sehr subtil verzahnt Geiger private mit österreichischer Geschichte, individuelles mit allgemeinem Vergessen, Generation mit Generation. In der nächsten bekommt es der Leser mit Almas und Richards Tochter zu tun (ein Sohn hat den Krieg nicht überlebt). Diese Ingrid überwirft sich wegen ihres chronisch erfolg- und mittellosen Gatten mit dem Vater, obwohl sie so viele Wesenszüge von ihm in sich trägt. Ihr Filius Philipp schließlich - wir befinden uns inzwischen beinahe in der Gegenwart - ist noch mit Mitte dreißig so zauderhaft wie ein Pubertierender und scheut alle Bindungen.

Dieser Mann ohne Eigenschaften erbt am Beginn des Romans das Haus der Großmutter und beginnt gleich einmal damit, möglichst viele Erinnerungsstücke zu entsorgen. Er will nicht mit der Familiengeschichte konfrontiert werden, würde diese am liebsten auslöschen. Und auch sonst will man sich in Geigers Roman oft nicht so genau erinnern, weil das ja doch nichts bringt. Zumindest nichts Gutes, zumal in einem Land, "in dem man bei der Einreise die Vergangenheit abgeben muss oder darf, je nach Lage der Dinge".

Aufgrund seiner langwierigen Entstehung erscheint "Es geht uns gut" mehr zufällig als geplant im Gedenk- und Gedankenjahr, wird aber in der nächsten Zeit mit Sicherheit als ein Schlüsselroman zur Zweiten Republik gelesen und diskutiert werden. Er zeigt, dass man sich nicht besonders weit in die Heimatfilmkulissen der Nachkriegszeit begeben muss, um den Schmutz der Geschichte aufzuwirbeln. "Ich wollte dem Phänomen nachspüren, dass Österreich sich nach dem Krieg als Gesellschaft etabliert hat, deren Organisation und Wohlstand unter anderem darauf basieren, dass Mittelmäßigkeit, Klischees und schöne Illusionen zur nationalen Identität erhoben wurden", erklärt der Autor im Falter-Interview.

Mehr noch als mit Österreich- befasst sich "Es geht uns gut" - der Titel ist natürlich pure Ironie - noch viel stärker mit der Familie und einem, "der sich auf seine Familie nicht einlassen will, der sich nicht ein Leben lang am Gängelband familiärer Verbundenheit führen lassen will und doch in gerader Linie steht zu dem, wogegen er sich trotzig austobt", wie Geiger anmerkt. Und deshalb wird Philipp der Familie am Ende doch nicht ganz auskommen. Der Autor, der in einem ähnlich "durchschnittlich kinderverderbenden Elternhaus" groß geworden ist, erinnert sich: "Zu Hause am Dorf gibt es das Sprichwort: Man erbt nicht nur Grundstücke."

Arno Geiger hat ausgiebig am Dachboden des Erbstücks gestöbert und es dennoch vermieden, einen jener Romane zu schreiben, in denen ein Nachfahre in detektivischer Manier die Wahrheit über seine Vorfahren ans Licht bringt. Stattdessen lässt er alle Figuren lieber selbst zu Wort kommen.

Um ein völliges Ausufern des Romans zu vermeiden, verfiel Geiger auf eine schlaglichtartige Technik, die jedes Jahrzehnt auf einen Tag reduziert. Ein erzählökonomisch gelungener Griff, der einen messerscharf konstruierten Roman hervorgebracht hat, fast ohne Längen und Unzulänglichkeiten.

Nicht selten habe ich mir gedacht, das Konzept ist gut, aber eventuell eine Nummer zu groß für dich", gesteht Geiger über die - mit Unterbrechungen - vier Jahre währende Arbeit an dem Roman ("allein das Nachdenken darüber, was ich schreiben will und wie ich es bestmöglich umsetzen kann, hat mich anderthalb Jahre gekostet"). Die beharrlichen Anstrengungen haben gefruchtet: Nach den noch ungestümen, überfrachteten Frühwerken "Kleine Schule des Karussellfahrens" (1997) und "Irrlichterloh" (1999) sowie dem "bestbesprochenen und am schlechtesten verkauften" Buch "Schöne Freunde" (2002) hat der 37-Jährige sich mit "Es geht uns gut" ganz unösterreichisch selbst übertroffen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 34/2005



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