Dostoevskij in Focus. Textlexikographie und Phraseologie (russisch / deutsch)

Evelyn Breiteneder, Dmitrij Dobrovol'skij


Ein Buch wie ein Bauwerk

Anmerkungen zur Architektur. Diesmal: Eine versenkbare Seebühne als Hommage an Archimedes und eine zweisprachige wissenschaftliche Publikation als Layoutsensation.

So wie das griechische Amphitheater eine Auszeichnung des Hanges ist, der es trägt, so ist das Seetheater die Auszeichnung des Seeufers. Kürzlich war ich in Lunz am See, der Bildhauer Hans Kupelwieser stammt von dort - ein toller Architekt!

Kupelwiesers Seebühne zeichnet sich durch futuristische Ästhetik, archaische Einfachheit und sportlich-kulturelle Doppelnützlichkeit aus: Wenn auf der Badeseebühne gerade nicht musiziert wird und das Wetter es zulässt, kann rundherum gebadet werden. Sollte es regnen, so wird das Dach, das sonst an den Stufen im Hang liegt und die Popos der Badenden wärmt (das Wasser im Lunzer See soll kalt sein), in die Höhe gehoben - einfach nach dem Prinzip des archimedischen Hebels: Mit einer Wasserpumpe wird in die Behälter am Ende des Daches so lange Seewasser hineingepumpt, bis sich das Treppendach hebt und in die richtige Flugdachlage kippt. Wenn die Saison dann vorüber ist, wird die Bühne, ein Alufloß, mit Seewasser geflutet und in die Tiefe versenkt. Dort überwintert sie. Wenn die Zugvögel zurückgekehrt sind, wird das Wasser aus der 4-Kammer-U-Boot-Bühne gepumpt. Sie taucht auf. Das Gesetz des Archimedes stimmt, ich bin dabei gewesen.

Als ich das Badtheater/Theaterbad von Kupelwieser gesehen habe und die Wasserwellen, auf denen die Pontonbühne schaukelt, die Bäume auf dem Ufer und die Hügel um den See, ist mir ein Satz des amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau eingefallen: "Für den Vogel ist der ganze Baum die Vorhalle des Nestes. Das Nest, das der Baum trägt, ist für den Baum eine Ehre."

Für die Künstler auf der Bühne in Lunz, meist Jazzmusiker, ist der See die Vorhalle und die Seebühne die Ehrenbezeugung für das Ufer und das Ufer eine Auszeichnung für den Ort, dessen Namen der See trägt. Und das Sommerfestival "wellenklänge" ist eine Auszeichnung für den Sommer und für die Bühne, und die Bühne ist eine Auszeichnung für Archimedes.

Ein Buch, das wie ein Bauwerk ist, dessen Konstruktion, Tektonik und Architektur sich erschließen, sobald man genau hinsieht: "Dostoevskij in Focus". Obwohl Dmitrij O. Dobrovol'skij, der Hauptautor, das Buch, das sein Hauptwerk ist, selbst als "das langweiligste Buch auf der Welt" bezeichnet, wurde sein Erscheinen im Juni mit einer MAKnite gefeiert. MAKnite ist ein erfolgreicher Versuch, das Museum für angewandte Kunst zu beleben, indem man den Geist der Avantgarde beschwört.

Der Titel dieses derart geehrten Buches ist in englischer Transkription und versal geschrieben. Das Doppelbuch (die russische Version ist reziprok hinzugefügt) ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen der Österreichischen und der Russischen Akademie der Wissenschaften an den Projekten "Wörterbuch der Fackel" und "Dostoevskij-Wörterbuch". Im Vordergrund stehen Fragen der Phraseologie.

Dass das MAK mit der Präsentation dieser literaturwissenschaftlichen Arbeit durch die Omnipräsenz seines Adabei-Direktors nun auch das Literaturhaus oder eine andere einschlägige Institution bedrängen möchte, ist ein unbegründeter Verdacht. Das MAK erfüllte mit der Vorstellung seine ureigenste Aufgabe, denn das Buch ist eine Layoutsensation, eines der schönsten Bücher, die in Österreich je erschienen sind, ein Kulturereignis, ein Kunstbuch, ein Kultbuch, eine Hommage an Fjodor Dostojewski und den kürzlich verstorbenen Möbeldesigner Hermann Strobl, der sich selbst "Möbelbauer" zu nennen pflegte; vielleicht auch eine Hommage an Max Bill und dessen radikal einfache, manifestartige Buchgestaltungen aus den Dreißigerjahren. Auch Bill war ein Möbelbauer.

Zusammen mit Ursula Aichwalder bildete Hermann Strobl das Team a-u-s, dessen Spezialität handgemachte Holzmöbelunikate waren, die - abseits jeder Handwerkerromantik - durch mannigfaltige Präzisionen gekennzeichnet sind: emphatische Bearbeitung, tadellose Zweckbestimmung, vollkommene Formgebung. Taktil und sinnlich. Ultimative Artefakte: Besser und zeitloser geht es nicht. Maximale Gediegenheit aus einem Undergroundgeist, den die beiden Möbelbauer verkörperten.

Sie waren weitgehend unbekannt, als sie Peter Noever vor mehr als zehn Jahren beauftragte (gelobt sei diese Tat!), im Rahmen der MAK-Erneuerung die Gestaltung der Bibliothek zu übernehmen. Die MAK-Bibliothek gilt als die schönste zeitgenössische in Wien. Die Zweit- beziehungsweise Gleichschönste ist jene in der Akademie der Wissenschaften am Jesuitenplatz in Wien. Sie stammt ebenfalls von a-u-s.

Als Aichwalder und Strobl an der Neueinrichtung der Akademiebibliothek gearbeitet hatten, wurden die beiden Möbelbauer gefragt, ob sie sich trauen würden, eine überaus schwierige Publikation zu gestalten. Schwierig an sich, bereits rein inhaltlich betrachtet. Dazu zweisprachig, mit deutsch transkribierten russischen Wörtern im deutschen Text, mit Unmengen von unterschiedlich gearteten Fußnoten, Anmerkungen, Erklärungen und Hinweisen.

a-u-s, mit Aufträgen keineswegs verwöhnt, sagten sofort zu. Entstanden ist ein Unikat mit einem originellen Layout. Ein Manifest der Präzision der grafischen Erfassung der Textinhalte und des intelligenten Umgangs mit dem, was man wegen der oft äußerst mühevollen Handhabung zu Recht Fußnotenapparat nennt.

Im deutschsprachigen Teil des Buches werden die russischen Begriffe und Wendungen mit den dazugehörigen nummerierten Fußnoten mittels dünner Linien gleichsam herausgeholt und auf die gegenüberliegende Seite transportiert, um übersetzt, betrachtet und erklärt zu werden. Die Linien und in der Folge die einzelnen Seiten variieren grafisch entsprechend der Anzahl der Fußnoten (in den einzelnen Zeilen) und der sich daraus ergebenden Dichte der Anmerkungen. Die Fußnotenseiten erinnern an Partituren. Der wissenschaftliche, tatsächlich sehr komplizierte Text wird, sobald man die Fußnote als einen Schlüssel zum Einstieg verwendet, unversehens spannend, verständlich. Über das Layout liest man sich in den Inhalt hinein.

Das Fußnotenlayout und die vielen anderen typografischen Einfälle, mit denen das Buch immer wieder aufs Neue überrascht, stellt die Publikation mit einem Werk der typografisch orientierten konkreten Poesie gleich. Das Bemerkenswerte ist vor allem, wie weit die Gestaltung des Buches von a-u-s mit der Gestaltung der Möbel von a-u-s übereinstimmt. Als wären Fußnotenlinien Fugen. Als wären Texte Texturen - und von Texturen gehen alle Gestaltungen von Aichwalder/ Strobl aus. Das andere, die Form, die Funktion oder die Sinnlichkeit, gesellt sich gleichsam von selbst hinzu. Diese Behauptung kann überprüft werden. Die Bibliothek aufsuchen. Jene im MAK oder jene in der Akademie. Gleich welche, beide sind die Schönsten. Dort "Dostoevskij in Focus" zu verlangen nicht vergessen.

Jan Tabor in FALTER 33/2005



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